ESNS 2026: Hoher Besuch zum 40. Jubiläum
ESNS feiert 40 Jahre als Europas führendes Newcomer-Festival. Festival-Chefin Anna van Nunen über KI-Auswirkungen, Live-Musik-Umbrüche und den Besuch von Königin Máxima.
Der 40. Geburtstag von Eurosonic/Noorderslag, kurz ESNS, steht für eine echte Erfolgsgeschichte. Vom regionalen niederländisch-belgischen Branchentreffen zum europaweiten Multitalent-Festival. Fünf Fragen an Festival-Chefin Anna van Nunen.
Was waren für Dich die wichtigsten Schritte auf diesem Weg?
Rückblickend würde ich sagen: groß denken, klein handeln! Ich bin zwar erst seit zwei Jahren verantwortlich, doch von Anbeginn ist ESNS als klar strukturierte Plattform gewachsen, in der Konferenz, Festival, Talentförderung und internationaler Austausch bewusst miteinander verzahnt sind.
Das konnte nicht über Nacht passieren. Wie Rom wurde auch ESNS Schritt für Schritt gebaut. Jedes Jahr kamen neue Elemente dazu, wurden verfeinert und integriert – immer mit dem gleichen Ziel: die bestmögliche Startrampe für europäische Talente zu schaffen.
Ein entscheidender Baustein ist das „Exchange Programme“, das wir inzwischen seit über 20 Jahren betreiben. Seine Stärke liegt in der Einfachheit und der konkreten Wirkung: Acts, die bei ESNS spielen, können von Festivals in ganz Europa gebucht werden – unterstützt durch einen finanziellen Anreiz, der das Risiko für Booker senkt. Das hat über die Jahre zu Tausenden von Auftritten und echten Tour-Möglichkeiten geführt. Genau darum geht es bei ESNS: nachhaltige Karrieren statt kurzer Hype-Momente.
2026 setzt ihr bewusst nicht auf Rückblick und Retro. Welche Themen und Probleme stehen für die nächsten Jahre oben auf der Agenda?
Ein Mega-Thema ist der Einfluss von KI auf Einnahmemodelle und Urheberschaft. Die Geschwindigkeit und Dimension dieser Entwicklung wirft ernsthafte Fragen zu fairer Bezahlung und Nachhaltigkeit auf.
Gleichzeitig geraten kleinere Clubs, Initiativen und auch das europäische Festival-Segment zunehmend unter finanziellen Druck – dabei sind sie essenziell für künstlerische Entwicklung. Und nach wie vor sind die Chancen für europäische Artists sehr ungleich verteilt, je nach Region und Zugang zu Netzwerken.

Über allem steht für mich aber der Wunsch nach einem echten europäischen Musikmarkt. Wirtschaftlich wie kulturell brauchen wir mehr Zusammenarbeit und Koordination, wenn Europa unabhängig und relevant bleiben will. Genau hier möchte ESNS weiter eine verbindende Rolle spielen.
Was ist derzeit relevanter: KI in der Pop-Studioproduktion oder die Umbrüche in der Live-Musik?
Das sollte man nicht gegeneinander ausspielen – beides hängt eng zusammen. Am Ende geht es immer um die Einkommensmodelle von Artists, vor allem von Newcomern. Bei KI sehen wir, wie täglich Zehntausende KI-generierte Tracks auf Streamingplattformen landen. Das trifft vor allem die unteren Ebenen des Systems.
Ähnliches passiert im Live-Bereich: Es gibt mehr Stadion- und Großshows als je zuvor, während der Raum für aufstrebende Acts schrumpft. Oben wächst der Markt, in der Mitte und unten wird er fragiler.
Wenn wir ein gesundes Ökosystem wollen, müssen wir weiter dafür kämpfen, dass Talente wachsen können. Popmusik hat einen eigenen Wert, erzählt wichtige Geschichten – und dafür braucht es die ganze Breite des Systems, inklusive Schutz und Förderung junger Artists.
Was bedeutet es für Euch, dass die holländische Königin Máxima zu einem Rock’n’Roll-Besuch nach Groningen kommt? Mal abgesehen von mehr Security-Maßnahmen …
Ganz ehrlich: Ich bin persönlich ein klein wenig am „queening out“. Quasi Königin-geflasht.
Klar bringt das extra Logistik und Sicherheitsaufwand mit sich. Doch es ist eine große Freude, Königin Máxima hier in Groningen begrüßen zu dürfen. Sie ist sehr beliebt und engagiert sich seit Langem für Musikbildung und kulturelle Teilhabe. Ihr Besuch ist ein starkes Zeichen der Anerkennung für den Wert von Musik – und macht all den zusätzlichen Aufwand absolut lohnenswert.
Wie wichtig sind der deutsche Markt und die deutsche Musikszene – vertreten durch die „Initiative Musik“ – für ESNS?
Wir arbeiten seit vielen Jahren sehr eng und vertrauensvoll mit der Förder-Plattform „Initiative Musik“ zusammen. Sie spielen eine zentrale Rolle dabei, deutsche Artists international zu unterstützen: Sie bereiten Acts gezielt auf ESNS vor, empfehlen Talente und helfen, nachhaltige Perspektiven über das Festival hinaus zu schaffen. Das ist extrem wertvoll.
Deutschland hat bei ESNS über die Jahre immer wieder herausragende Künstler präsentiert – von Zimmer90 im letzten Jahr bis zu Ray Lozano dieses Jahr, dazu insgesamt 12 weitere deutsche Acts im Programm 2026. Die deutsche Musikbranche verfügt über eine starke Infrastruktur, mit wichtigen Zentren wie Hamburg und Berlin. Diese Basis ist mindestens genauso wichtig wie das, was auf der Bühne passiert.