Der Fall Ulmen: Warum „sexueller Fetisch“ eine frauenverachtende Ausrede ist

Wenn Männer übergriffiges Verhalten als „sexuellen Fetisch“ erklären, verschiebt sich die Perspektive.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Es zeichnet sich eine auffällige rhetorische Strategie ab, wenn Männer sich für sexualisierte Grenzüberschreitungen rechtfertigen sollen. Das eigene Verhalten wird als „sexueller Fetisch“ beschrieben. Ein Kink, eine private Vorliebe oder Eigenheit – das sind Handlungen und Fantasien, die im heutigen, offener gewordenen Diskurs um Sexualität zwar als ungewöhnlich, aber fast schon „quirky“ und schrullig wahrgenommen werden. Doch genau darin liegt ein großes Problem und es liegt nicht an der Tatsache, dass es Fetische überhaupt gibt.

Täter verschieben damit die Perspektive

„Ich habe einen sexuellen Fetisch entwickelt.“ Durch Rechtfertigungen wie diese wirkt übergriffiges Verhalten plötzlich wie ein unkontrollierbarer Zwang, eine Laune der eigenen Sexualität, ein schräger Tick, der sich nicht mehr bewusst steuern lässt. Und auch wenn es Täter (und Menschen, die sie verteidigen) nicht hören wollen: Dieses Denken relativiert Besitzansprüche und Machtverhältnisse.

Auch Sean „Diddy” Combs, Till Lindemann, Luke Mockridge, Louis C.K., Harvey Weinstein und Armie Hammer wurde fehlender Konsens vorgeworfen. Häufig betont man, dass es sich um „einvernehmliche sexuelle Praktiken zwischen Erwachsenen“ gehandelt habe, was die mutmaßlichen Opfer in die Beweispflicht drängt.

Auch Fetische setzen Konsens voraus

Ein großes Stigma in der Fetisch- (und BDSM-)Szene ist die Annahme, es gebe keine Regeln. Doch das Gegenteil ist der Fall: Untersuchungen zufolge wird hier wesentlich öfter über einvernehmliche Handlungen gesprochen als in normativen „Vanilla-Beziehungen“. Sobald eine Person ohne Wissen oder Zustimmung Teil dieser Fantasie wird, verlässt man den rechtssicheren Bereich und stellt die eigene Lust über die Autonomie und Sicherheit eines anderen Menschen.

Diese Denkweise hat längst eine digitale Infrastruktur. In Teilen der sogenannten Manosphere – einem Netzwerk aus Foren, Influencer-Content und Communitys – wird Frauenverachtung offen kultiviert. Frauen gelten dort neben kostenlosen Putzkräften und treu liebenden Anhängseln als Objekte männlicher Fantasie, deren Bilder frei verfügbar sind. Deepfake-Pornos passen perfekt in dieses Weltbild: Sie verwandeln reale Frauen in steuerbare Figuren. Man entscheidet, wie sie aussehen, was und mit wem sie etwas tun. Für Betroffene bedeutet das einen massiven Kontrollverlust. Für viele Konsumenten wirkt es dagegen harmlos – weil sie glauben, es schade ja niemandem.

X Corp. Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus X Corp.
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Das Problem endet jedoch nicht in offensichtlichen Misogynie-Blasen. Auch Männer, die sich öffentlich als feministisch verstehen, können Teil dieser Dynamik sein. Gerade in progressiven Milieus wird über Sexualität oft sehr liberal gesprochen – über Fantasien, Fetische, Grenzüberschreitungen im Namen der individuellen Freiheit. Doch wenn diese Freiheit nur für eine Seite gilt, während Frauen ohne Zustimmung zur Projektionsfläche werden, reproduziert sich dasselbe Machtverhältnis in neuem Gewand. Die Sprache ändert sich, aber die Logik dahinter bleibt dieselbe.

Sprache entscheidet, wie wir Taten bewerten

Tatsache ist auch: Sprache prägt unsere Wahrnehmung. „Fetisch“ klingt nach einer persönlichen Besonderheit, „Zwänge und Störungen“ werden sich zum Teil ohne psychologische Einschätzung attestiert. Und ein „Fehler“ klingt nach einem kleinen Ausrutscher. Im sexuellen Kontext können patriarchal wahrgenommene „Oopsies“ aber traumatisierende Ausmaße annehmen.

Zugleich betonen Täter damit, dass sie in einer Notlage stecken, und erzeugen so Mitleid für ihre Situation. Der beste Beweis, dass es funktioniert, sind die Kommentarspalten auf Social Media. Hier finden sich auch im Fall Ulmen vorrangig Männer, die schon wieder Cancel Culture wittern.

Dabei gerät leicht aus dem Blick, was solche Taten für die Betroffenen bedeuten können: Rufschädigung, sexuelle Bloßstellung, Angst vor Kontrollverlust über das eigene Bild im Internet. Gerade im digitalen Raum können solche Eingriffe jahrelang nachwirken und private wie professionelle Konsequenzen nach sich ziehen.

Aber halten wir eines fest: Sexualität ist kein Naturereignis. Menschen treffen Entscheidungen – auch in ihrem intimsten Verhalten. Sofern keine behandlungswürdige Sexualstörung vorliegt, können wir also steuern, was wir tun und wie wir die Menschen in unserem engeren Umfeld behandeln. Sich in solchen Momenten selbst auf seine Höhlenmensch-Instinkte zu reduzieren, klingt wie eine feige Ausrede. Wer da widerspricht, sollte sich zurück ans Feuer setzen.

Kristina Baum schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.