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Birgit Fuß fragt sich durchKolumne

Fenne Lily, Florence Welch & Co.: Wenn alles nicht genug ist

Was tun, wenn das Glück nicht mit einem anderen Menschen zu finden ist? Ist Selbstliebe die Lösung?

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Drei Szenen von Liebe, die keine ist. Gesungen von drei recht unterschiedlichen Britinnen, die eins gemeinsam haben: keine Lust mehr, ihr Glück immer nur bei einem anderen Menschen zu suchen. Das muss doch auch in einem selbst zu finden sein! Wenn es nur nicht so schwer wäre, sich selbst zu lieben. Das fängt schon vorm Spiegel an, wenn die Vergleichsobjekte gerade in der Popmusik eben immer noch so perfekt (oder zumindest perfekt zurechtgemacht) aussehen wie Taylor Swift, Beyoncé oder Miley Cyrus. Body positivity my ass.

Bei Fenne Lily bleibt es kompliziert

Und nie ist man so unsicher wie in den Momenten, wenn die Liebe sich plötzlich schal anfühlt, weil sie zu einseitig ist. „I never had a chance to play it cool“, singt Fenne Lily. Sie hat sich verknallt, sie gibt alles – was Menschen halt so machen, wenn sie von jemandem verzaubert sind und ihr/ihm möglichst nahekommen möchten: „I read all the books you recommended/ I listen to your friend’s band all the time.“ Leider reicht das nicht, es geht auseinander, der Mann lebt jetzt wieder bei seinen Eltern. Das verschafft ihr nicht die Befriedigung, die sie erwartet hatte. Es bleibt kompliziert. Aber eins hat sie immerhin verstanden: dass es nicht sinnvoll ist, ihm immer weiter hinterherzulaufen und sich selbst dabei mehr und mehr zu verlieren. Der Titel des Songs ist gleichzeitig die frohe Botschaft: „I used to hate my body, but now I just hate you“ (vom Album „Breach“, 2020). Den Hass auf jemand anderen zu verschieben ist noch keine Selbstliebe, aber die Richtung stimmt. Es liegt zumindest sehr selten an zu dicken Oberschenkeln, wenn eine Liebe auseinanderfällt, so viel ist sicher.

„I read all the books you recommended/ I listen to your friend’s band all the time …“

Ähnlich geht es bei Misty Millers „Next To You“ (vom Album „The Whole Family Is Worried“, 2016) zu. Auch sie kämpft mit ihrem Körper – oder jedenfalls darum, sich selbst und alles andere für ihn so schön wie möglich zu gestalten. Sie hat sich die Haare gewaschen, die Beine rasiert, das Bett gemacht. „You wouldn’t care if I moved“, stellt sie dann fest. „I’m just a body to you.“ Ob es ihm wohl auch egal wäre, wenn sie tot neben ihm läge? „You used to love it when I’d sing/ Now it’s like you don’t hear anything.“ Sein Verlust, denn Misty ist eine tolle Sängerin. Schade, dass sie zuletzt nur noch Home-Recordings und einzelne Songs veröffentlicht hat.

Florence Welch hält Frauen für Gestaltenwandler

Weiter zum nächsten unglücklichen Paar. Sie streiten in der Küche darüber, ob sie Kinder haben sollen, über das Ende der Welt und das Ausmaß ihres Ehrgeizes und wie viel Kunst wirklich wert ist. Ihr anscheinend mehr als ihm. In dem auf „Dance Fever“ (2022) herausragenden Stück „King“ hat Florence Welch sich offensichtlich damit abgefunden, dass sie das Drama braucht, um Stoff für ihre Musik zu haben – und dass sie nicht als Mutter oder Braut taugt: „You need to go to war to find material to sing/ I am no mother, I am no bride – I am king.“ Es liegt wahrscheinlich nicht an einer Wortfindungsstörung, dass sie sich gegen „queen“ entschieden hat und für „king“. Im Patriarchat ist es der stärkere Begriff, und Florence kann alles sein, was sie will.

Frauen sind Gestaltenwandler, behauptet sie später – aber müssen halt auch ständig mit neuen Herausforderungen zurechtkommen (wie Männer natürlich auch). Da muss es manchmal reichen, so zu tun, als wäre man selbstsicher und wüsste, was man macht – bis es irgendwann wirklich so weit ist. Fake it till you make it. Florence Welch hält weiterhin durch, sie lässt sich von nichts und niemandem unterkriegen – nicht einmal von ihren Selbstzweifeln: „I was never satisfied, it never let me go/ Just dragged me by my hair and back on with the show.“ Weitersingen, weitersuchen.