Garland Jeffreys: Neue Doku mit Bruce Springsteen im Streaming
Warum Garland Jeffreys’ Werk heute aktueller ist denn je – und wie wir ihn neu entdecken können.
Für mich war Garland Jeffreys immer ein Superstar. Ich las seinen Namen Anfang der Neunziger zum ersten Mal, als bei der ARD-Charts-Show „Formel Eins“ der Clip zu seinem Song „Hail Hail Rock’n’Roll“ lief. Ein Hit, keine Frage. Ich kaufte mir das Album „Don’t Call Me Buckwheat“ und erkannte schnell, dass die erste Single nur der Angelhaken war, um einen in eine viel größere Geschichte hineinzuziehen.
Das Album erzählte die Geschichte der Schwarzen Musik, erzählte von Grenzgängern und Outsidern, von Amerika und Rassismus. Auch wenn mein Realschul-Englisch damals nicht weit reichte, verstand ich, worum es ging in diesen Liedern, die durch die Stile wilderten, die sich bei Soul und Reggae und Rock’n’Roll bedienten. „This is a song about words/ The power of words/Well it all takes place/ In a big city/ With a very small mind“, sang Jeffreys im Titelsong. Vermutlich hat kein anderer amerikanischer Songwriter mit dieser Klarheit und Vehemenz darüber gesungen, was Sprache zerstören und Musik heilen kann. „Ich kenne niemanden, der so direkt über Rassenfragen geschrieben hat wie Garland“, sagt Bruce Springsteen in der Dokumentation „The King Of In-Between“, die nun endlich auch hierzulande bei Streaming-Anbietern wie Amazon, Google Play und Apple zu sehen ist.
Die Frage nach der Identität
Die Frage nach der Identität wurde Garland Jeffreys, der als Sohn eines Schwarzen Vaters und einer puerto-ricanischen Mutter in Brooklyn, New York geboren wurde, in die Wiege gelegt. Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? „I was afraid of Malcolm/ Just like any white man/ Between the powder of the talcum/ And the color of a black man“, sang er auf „Don’t Call Me Buckwheat“.
Jeffreys wuchs in einer Nachbarschaft verfeindeter Ethnien auf. Sein Vater verließ die Familie, als er zwei Jahre alt war. Sein Stiefvater war ein gewalttätiger Alkoholiker, der aber zugleich alles dafür tat, dass sein Sohn dem Milieu entkommen konnte. Er nahm zwei Jobs an, damit Garland an der Syracuse University Kunstgeschichte studieren konnte.
Dort lernte er seinen Mitstudenten Lou Reed kennen, mit dem er später manchmal in den Clubs von Greenwich Village auftrat. Auch John Cale begleitete ihn dort manchmal. Mit seiner ersten Band, Grinder’s Switch, nahm er ein Album auf, das klang, als hätten Van Morrison und Richard Manuel bei den Rolling Stones angeheuert. Es erschien allerdings erst, als die Band sich bereits aufgelöst hatte.
Auf halben Weg zum Superstar
Jeffreys machte solo weiter. Mit seinem zweiten Soloalbum „The Ghost Writer“ stand er 1977 kurz vor dem Durchbruch. Der ROLLING STONE nannte ihn den „vielversprechendsten Künstler“ des Jahres 1977. Seine Songs „35 Millimeter Dreams“ und „Wild in the Streets“ liefen im Radio rauf und runter. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis er genauso populär würde wie sein Freund Bruce Springsteen.
Doch der erste Hit ließ noch zwei Jahre auf sich warten. „Matador“ schaffte es 1979 in einigen europäischen Ländern in die Top-Ten. Zu Hause in den USA blieb Jeffreys aber der ewige Geheimtipp. Vermutlich, weil er sich nicht in eine Schublade stecken ließ, weil jedes seiner Alben anders klang und er die Finger auf die Wunden seines Heimatlandes legte. Er war der „King of In Between“ – der König des Dazwischen. So nannte er 2011 auch eines seiner besten Alben. Es war eine Art Comeback, von denen Jeffreys im Laufe der Karriere einige hatte.
Der König des Dazwischen
2018 wurde bei ihm allerdings eine Demenz diagnostiziert, die seine Karriere beendete. Zur gleichen Zeit begann seine Frau Claire mit den Dreharbeiten an einer Dokumentation, um das Werk ihres Mannes vor dem Vergessen zu bewahren. So entstand „The King Of In-Between“. Hier erzählen Freunde und Weggefährten wie Bruce Springsteen, Laurie Anderson, Vernon Reid, Harvey Keitel und Alejandro Escovedo vom Leben und Werk eines Mannes, der sein Leben lang versuchte, ein zerrissenes Land zu einen, dessen Lieder in Zeiten wie diesen einen wichtigen Beitrag leisten können, handeln sie doch von Verständigung, Toleranz und Heilung. Ein berührender Film über einen der größten amerikanischen Songwriter. Un bedingte Empfehlung!