Genesis vs. Hackett: Wer macht es live besser?


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In den siebziger Jahren wurden einige Live-Alben veröffentlicht, die als Standardwerke auch in keiner Sammlung fehlen durften. Auch, wer kein Glamrock-Fan war, hatte „Alive“ von Kiss, wer nichts mit freundlichem Westcoast-Rock anfangen konnte, besaß Peter Framptons „Frampton Comes Alive!“ und bei denjenigen, denen Supertramp viel zu cheesy waren (also alle), stand zuverlässig „Paris“ im Regal. Einer jener kanonischen Konzertmitschnitte ist auch „Seconds Out“ von Genesis, veröffentlicht 1977. Das Album bildet eine Schnittstelle in der Geschichte der Band. Es dokumentiert den endgültigen Abschluss der frühen Progressive-Rock-Phase, Sänger Peter Gabriel hatte die Band schon zwei Jahre zuvor verlassen, aber der stilprägende Leadgitarrist Steve Hackett war noch an Bord. Nach der Tour verabschiedete auch er sich – der Weg in Richtung Stadion-Pop wurde anschließend behutsam und immer erfolgreicher eingeschlagen.

Auf „Seconds Out“ aber war es noch gelungen, aus geschmeidigeren Songs der Gabriel-Ära, dem vielteiligen Überstück „Supper’s Ready“ und ein paar der bereits leicht angeschmonzten Stücken von „Trick Of The Tail“ und „Wind & Wuthering“ eine für Hardcore-Fans und Mainstream-Publikum gleichermaßen perfekte Mischung zusammenzustellen. Für viele Genesis-Kenner markiert „Seconds Out“ sogar den Zenith ihrer Karriere. Und tatsächlich: die vier Konzerte, die im Pariser Palais des Sports im Juni 1977 aufgenommen wurden, hatten einen fast eleganten Flow, sie zeigten künstlerische Virtuosität und einen wirklich hervorragend aufgelegten Phil Collins. Das alles kann, aber muss sich in einer Aufnahme nicht widerspiegeln, hier aber war die Balance aus klarem Sound und Bühnenauthentizität perfekt. Viel weniger aggressiv, kompromisslos und rau als auf dem ersten „Live“-Album (1973) und weniger kühl und abgeklärt als auf „Three Sides Live“ (1982) erlaubt „Seconds Out“ wahlweise tiefes Eintauchen – oder halbkonzentriertes Mitsummen bei der Arbeit im Bastelkeller. Platz 4 in den UK-Charts, das spricht für sich.

Steve Hackett, der seit Anfang der Zehnerjahre die Repertoire-Pflege seiner Mitgliedschaft bei Genesis übernommen hat und sehr erfolgreich betreibt, hatte die Reproduktion der „Seconds Out“-Tour, die zur Zeit in Deutschland und am Sonntag in Berlin gastierte, bereits 2020 angekündigt. Corona sorgte für Verschiebungen, aber noch ein anderer Aspekt kam hinzu. Völlig überraschend hatten auch Genesis im März 2020 neue Konzerte angekündigt und so kam es zu der jahrzehntelang für unmöglich gehaltenen Konstellation, innerhalb von einer Woche sowohl ein paar Genesis-Konzerte als auch Hackett mit dem Band-Klassiker live zu sehen. Ähnliches gab es zuletzt 1986, als die Band und Peter Gabriel parallel tournierten.

Also: Während Genesis am Wochenanfang zweimal in der Mercedes-Benz-Arena vor jeweils 10.000 Zuschauern spielten, war Steve Hackett in der kleineren, nicht ganz ausverkauften Verti Music Hall zu sehen. Flüchtig beobachtet vor fast identischem Publikum: vor allem alten weißen Männern. Auf den zweiten Blick aber war festzustellen: bei Hackett hatten diese ihre Frauen nicht überreden können, mitzukommen. Denn Genesis bis „Invisible Touch“ – das ist Jungsmusik.

Die saßen nun brav und unbewegt in der bestuhlten Halle, tranken ernsthaft ein Bier nach dem anderen und diskutierten darüber, warum Nick Beggs (ehemals Kajagoogoo, heute Prog-Bass-Hero) nicht dabei ist, ob „Selling England By The Pound“ das bessere Album als „Trick Of The Tail“ sei und wie sehr man doch Chester Thompson am Schlagzeug vermissen würde. Hacketts „Second Out“-Konzert war sozusagen der Männerabend zur Genesis-Tour. Nach einem kurzen Set aus eigenen Stücken, in denen sich der Meister praktisch zu seiner eigenen Vorband machte, gab es erst einmal eine Pause. Dann das Live-Album, am Stück, in gleicher Reihenfolge, also eine Art Wiederaufnahme der altbekannten Inszenierung?

Nein. Hackett und seine Band haben im vergangenen Jahrzehnt bei aller Werktreue genug Selbstbewusstsein entwickelt, sich den Klassikern auf ihre eigene Art und Weise zu nähern, mal zu verändern, wegzulassen oder zu ergänzen. Man sah als keine Reproduktion der Pariser Shows von 1977, sondern die gleiche Setlist wie damals in den neuen Hackett-Arrangements. Insofern schlau, als dass sich die besondere Stimmung der Ursprungskonzerte ohnehin nicht klonen lässt, insofern schade, dass einiges doch etwas mätzchenhaft daherkam. „Supper’s Ready“ ist mit 23 Minuten ein ziemlich langes Stück mit einem der großartiges Finalmomente der Prog-Rock-Geschichte. Ob es noch ein vielminütiges (tolles!) Hackett-Solo als aufgesetzten Schlusspunkt braucht, ist fraglich. Auch Rob Townsend, der Mann am Blech, war am effektivsten, wenn er einfach nur Querflöte spielte, da, wo auch Gabriel Querflöte gespielt hat. Immer, wenn er sich allzu sehr mit dem Saxophon in Szene setzte, wurde es zu spitz, zu schrill, zu manieriert.

Leider erst spät fand die Hackett-Band den Druck, den die Stücke verdienen

Und all das galt natürlich auch ganz besonders für Nad Sylvan, seit Jahren der Sänger an Hacketts Seite. Sicher: es gibt dutzende hervorragende Genesis-Cover-Bands mit Vokalisten, die sowohl Gabriel als auch Collins perfekt imitieren – und das muss nicht immer sein. Aber viel zu häufig wandelte Sylvan in Berlin auf eigenen Pfaden, ohne den Mut zu haben, die tradierten komplett zu verlassen. So blieb es nicht Fisch noch Fleisch, nicht Gabriel noch Collins und am effektivsten war es eh, wenn ordentlich Hall unter Sylvans Stimme gelegt wurde. Erkältung, hörte man. Gut, aber Hackett könnte aus Abwechslungsgründen mal über eine Alternative nachdenken. Nick Kershaw (kein Witz) wäre eine. Sein Gesang im „The Lamia“-Cover ist großartig.

Leider erst spät fand die Hackett-Band den Druck, den die Stücke verdienen – so ab der Mitte von Supper’s Ready“. Dann wurde es aber richtig gut. „The Cinema Show“, „Dance On A Volcano“ und „Los Endos“ waren schon eine überzeugende Darbietung. Da erhoben sich die bräsigen Herren im Publikum auch mal von den Stühlen, legten Bier und Handys aus der Hand. Plötzlich war eine Verbindung zwischen Band und Zuhörern da, und, kein Wunder, alle hatten auf einmal sehr viel mehr Spaß miteinander.

Und im Vergleich mit Genesis? Bisschen unfair zu vergleichen. Die „Last Domino?“-Tour der Band ist ja auch ein Requiem und sowas verfehlt seine Wirkung nie. Immerhin sechs Überschneidungen gab es auf den Setlists. Meine Wertung: Klare Punkte an Genesis für alles Gefühlige wie „Afterglow“, „Carpet Crawlers“ und beim ganz hervorragenden „I Know What I Like“. Gleichstand beim Instrumentalpart von „The Cinema Show“. Aber bei „Firth Of Fifth“ kommt Genesis-Tourgitarrist Daryl Stuermer natürlich nicht an Steve Hackett heran und die straighte Version von „The Lamb Lies Down On Broadway“ war auch besser als die verhunzte Akkustikversion der „Domino“-Tour.

Man ging raus und freute sich auf das Genesis-Konzerte am nächsten Abend in Köln. So wie man sich nach dem letzten Genesis-Konzert in Berlin auf das Hackett-Konzert gefreute hatte. Viel mehr geht ja eigentlich auch nicht.