Kritik: Genesis live in Berlin – richtige Band zur richtigen Zeit


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Das Jahr 1986 ist so lange her, und plötzlich ist es wieder ganz nah. Wackersdorf, La Belle, Luftangriffe auf Libyen, und natürlich Tschernobyl. Genesis steuerten damals „In the Glow of the Night“ zur Raymond-Briggs-Verfilmung „Wenn der Wind weht“ bei. Ein Zeichentrick über die letzten Lebenswochen eines älteren britischen Ehepaars nach dem Einschlag einer Atombombe; das von Tony Banks komponierte Lied handelt von der Angst, das Haus zu verlassen, weil alles um einen herum radioaktiv verstrahlt ist. Das waren Themen des Kalten Kriegs der 1980er-Jahre.

Inzwischen wirken Songs wie „In the Glow of the Night“ nicht mehr musealisiert; sie beschreiben aktuelle Ängste vor einem Atomkrieg, selbst vor einem neuen „Gleichgewicht des Schreckens“, der MAD-Doktrin. Als Sting am Sonntag in den sozialen Netzwerken eine Neufassung seines 1985er-Stücks „Russians“ veröffentlichte, erhielt er innerhalb von Minuten zigtausende Likes. Zeilen wie „How can I save my little boy from Oppenheimer’s deadly toy? There is no monopoly on common sense / On either side of the political fence“ werden zitiert und im Netz multipliziert.

Das Jahr 1986, mit „Wenn der Wind weht“:

Stings Freunde von Genesis sind die richtige Band zur richtigen Zeit. Es fühlt sich einfach alles richtig an. Der Ukraine-Krieg tobt, und Phil Collins, Mike Rutherford, Tony Banks und Begleitmusiker, darunter Daryl Stuermer starten hier ihre Europa-Tournee, sie begann am Montagabend. „In the Glow of the Night“, streng genommen Sequenz eins des langen, zweiteiligen „Domino“-Songs, ist ein Set-Höhepunkt und wird es die folgenden Konzert-Wochen bleiben. Genauso wie „Land of Confusion“, ebenfalls ein Cold-War-Stück derselben Ära, mit Zeilen wie „I won’t be coming home tonight /My generation will put it right / We’re not just making promises /That we know we’ll never keep“, die 1986 jene längst vergessen geglaubte Mischung aus (Zweck-)Patriotismus, Angst, trotziger Zuversicht und Zynismus widerspiegelten; Gefühle, wie sie im Angesicht eines Kriegs auch heute wieder entstehen. Im „Spitting Image“-Video zu „Land of Confusion“ wurden Ronald Reagan und Michail Gorbatschow gegeneinander ausgespielt. Zuletzt waren Genesis 2007 auf Tournee. Viel näher dran also am Jahr 1986 als heute, und doch sind ihre Themen im Jahr 2022 moderner, dringlicher. Der Euro-Spaß von „We Can’t Dance“, ihrem letzten gemeinsamen Album, hätte nur 1991 entstehen können, nach dem Ende der Sowjetunion.

Unabhängig davon – also, wenn es nach mir geht: Genesis hätten aus „Invisible Touch“, dem die Meilensteine „In The Glow of the Night“ und „Land of Confusion“ angehören, auch alle anderen sechs Songs aufführen können (am Ende sind es immerhin fünf). Man wiegt die rivalisierenden Setlisten ab – sind die Solo-Konzerte Phil Collins‘ besser, oder die seiner Band Genesis? Das Trio widmet sich nicht nur den Genesis-mit-Collins-als-Frontmann-Jahren, die von denen seiner Solojahre (zum Glück) kaum zu unterscheiden sind, sondern auch der Peter-Gabriel-Ära, mit Darbietungen von „The Lamb Lies Down on Broadway“, und, ein nicht ganz unwichtiges Statement durch die prominente Platzierung als Schlussstück, „The Carpet Crawlers“.

Die zwei Konzerte in der Mercedes-Benz-Arena sind die größten Indoor-Auftritte in der Stadt seit Beginn der Corona-Pandemie, das hat eine gewisse Dramatik. Die 2G-Plus-Veranstaltung wird anschließend sicher evaluiert. 45 Minuten vor Beginn des Konzerts lädt der Tourmanager in eine Art Kaminzimmer der Mehrzweckhalle, um für alle akkreditierten Journalisten eine Rede zu halten. Nur fünf Tage, sagt er, hätten Genesis Zeit für die Proben gehabt. Derart kurzfristig sei die Zulassung für das Konzert erfolgt. Er sagt auch, dass noch nie so viel Strom bei einem Konzert in der Mercedes-Benz-Arena erzeugt werden würde, wie gleich bei Genesis. Mehr als einst bei Madonna in Berlin. Okay.

Nun ist auch noch Krieg. Und Phil Collins hat sich ein letztes Mal für eine Konzertreise aufgerafft. Seit dem Start der „The Last Domino?“-Tournee im vergangenen Jahr wurde über die Gebrechlichkeit Collins‘ alles geschrieben, was geschrieben werden kann und vielleicht auch geschrieben werden sollte. Mitleid, Mitgefühl und Ehrfurcht vor dem Mut des 71-Jährigen, einem Popstar, der vor seinen Jahren gealtert ist, aber nicht durch ein Leben voller Drogenabstürze, sondern weil er einfach Pech mit seinem Körper hatte. Einer, der bis ans Ende seiner Live-Karriere nur noch dann singen kann, wenn er vorher auf einem Stuhl Platz nimmt. Ferndiagnosen gehören sich eigentlich nicht, aber Collins scheint seit seinem Bühnencomeback von 2016 einen zweiten, rapiden Alterungsschub erlitten zu haben. Vor sechs Jahren war er kompakt, jetzt ist er eingefallen. Er sang bei der „Not Dead Yet“-Tour schon eher mäßig. Jetzt singt er überhaupt nicht mehr gut.

Aber es spielt keine Rolle. Der Trainingsanzug, den er da auf der Bühne trägt, das ist sein Arbeitsanzug. Collins singt: „I can’t feel a thing from my head down to my toes“, aus „That’s all“, und es geht nicht mehr um das Verlassenwerden wie 1983, er meint nun den Kampf mit dem Körper. Danach singt Collins: „The only thing about me is the way I walk“ aus „I can’t dance“ und er meint nicht mehr den Affentanz von 1991, er meint erneut den Kampf mit dem Körper. Ungewollt ergibt jeder alte Text nun also einen neuen Sinn.

Kein jemals veröffentlichter Genesis-Song enthält das Wort „Fuck“. Phil Collins singt es jetzt in „Invisible Touch“. Das Original geht so: „And though she will mess up your life“. Statt „mess“ sing er nun „fuck“: „And though she will fuck up your life“. Die Ursache dafür muss im Privaten liegen.

Die „The Last Domino?“-Tournee ist die Würdigung einer Lebensleistung. Und die unwahrscheinliche, traurige Tatsache, dass die alten, wunderbaren Lieder von Collins‘ Band keine Zeitdokumente mehr aus einer politischen Ära sind, die für immer vergessen zu sein schien. So sang Phil Collins 1986 über den Tag, nachdem die Bombe hätte abgeworfen werden können, und so sang er es am Montagabend: „I remember long ago / When the sun was shining /And all the stars were bright all through the night /In the wake up this madness, as I held you tight /So long ago.“

Gina Wetzler Redferns