Harry Styles: Die Analyse von „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“

Harry Styles kehrt mit einem Discoball-Introspektionsalbum zurück – mit Referenzen von LCD Soundsystem bis Simon & Garfunkel.

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Vier Jahre lang haben wir nichts von Harry Styles gehört. Als er 2022 „Harry’s House“ veröffentlichte, legte der Megastar mit dem allgegenwärtigen Poprock-Gold des Chartbreakers „As It Was“ eine neue Messlatte, gewann seinen ersten Grammy für das Album des Jahres und absolvierte mit der Love On Tour einen beeindruckenden zweijährigen Live-Marathon.

Nach so vielen Hochpunkten ist Styles nun endlich zurück mit „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“ – einem eklektischen Projekt, das ganz im Zeichen von Discokugel-Introspektion steht. Von Styles‘ Inspirationsquellen quer durch die Jahrzehnte bis hin zu seinen ehrlichen Lyrics: Das sind alle Takeaways vom vierten Album des Stars.

Vielleicht haben Sie es gehört – Styles verbringt einen Großteil seiner Freizeit in Clubs, vor allem in der Techno- und Elektronikszene Berlins. Er geht anonym dorthin, nur ein weiterer verschwitzt tanzender Körper im Dunkel der Tanzfläche, wo wir alle eine Familie sind. Daher der wiederkehrende Vibe des Albums: dreckiger Elektro-Sleaze, mit „Aperture“, „Ready Steady Go“ und „Dance No More“, das den Party-Chant „Get your feet wet! Respect your mother!“ enthält. Club-Sounds durchziehen die gesamte Musik.

Viel Zeit im Club

Er hat Floating Points und Jamie XX als Einflüsse genannt. „Wenn man nachts unterwegs ist, ist das eine echte Community, aber man beobachtet auch, wie Menschen so individuelle Erfahrungen machen“, sagte Styles dem legendären japanischen Schriftsteller Haruki Murakami. „Ich wollte nachbilden, was ich auf der Tanzfläche erlebt hatte – dieses Verlorensein in der Instrumentierung und der Musikalität.“ Außerdem muss man „Dance No More“ dafür würdigen, wie der Song die Wichtigkeit des Hydriertbleibens im Club betont: „It’s feeling like the music is heaven sent / And there’s no difference in between the tears and the sweat.“ —Rob Sheffield

Während er „Kiss All the Time“ promotete, sagte Styles, er habe in letzter Zeit viel LCD Soundsystem gehört und ihre jüngsten Shows in Madrid und London besucht, die sein neues Album beeinflusst hätten. „Es war so unglaublich freudig, ihnen dabei zuzusehen, wie sie darin aufgegangen sind“, sagte er über James Murphy & Co. „Die Inspiration durchs Zuschauen und die Erkenntnis: ‚So will ich mich auf der Bühne fühlen‘ – das passte zur Musik, die ich gerade machte.“

Er hat nicht Unrecht. Styles tanzt sich hier oft sauber (oder, wie er es nennt: „squeaky clean fantasy“), besonders beim Glitzerkugel-Smash „Are You Listening Yet?“ und den schimmernden Synths von „Season 2 Weight Loss“. Er taucht die Zehnerjahre an, ohne es zu übertreiben – man beachte sein meisterhaftes Track-Sequencing und wie er den sanften Knaller „Coming Up Roses“ zwischen „Season 2 Weight Loss“ und „Pop“ platziert. Er befindet sich in seiner „Sound of Silver“-Ära, und wir sind dabei. —Angie Martoccio

„Just for tonight, let’s go hangover chasing“, schnurrt Styles in der einen großen romantischen Ballade des Albums – dem einzigen Song, den er vollständig alleine geschrieben hat. Es klingt wie eine verführerische Einladung, aber da hängen Bedingungen dran: Angst, Zweifel, Schmerz, unbeholfene Geständnisse vergangener Wunden. „I’ll talk your ear off about why it’s safe“, singt unser Mann, „as I fumble my words and fall flat on my face through the truth.“ Es ist eine herzzerreißend intime Nummer – nur Klavier und Orchester, mit Pizzicato-Streicher, die klingen, als würde sein Herz rasen.

Simon & Garfunkel immer wieder

Mit anderen Worten: eine Ballade, die jedem „Fine Line“-Track das Wasser reichen kann. (Für alle, die Styles lieben, weil sie ihn einfach siiingen hören wollen, bleibt „Fine Line“ das Album, an dem sich alles messen lassen muss.) Es ist eine der atemberaubend schönsten Nummern, die er je geschrieben hat – vor allem die letzte Minute, wenn er die Lyrics hinter sich lässt und einfach mit dem Orchester mitsingt, wortlos, weil er keine Worte braucht, um einem das Herz zu brechen. Kein Disco in diesem Song, vielleicht nicht viele Küsse – aber er ist der brutalste Seelentreffer des Albums. —R.S.

Auf „Kiss All the Time“ richtet Styles seinen einsamen Blick ziemlich oft auf Simon & Garfunkel („One time is all right, two times is one too many“, singt er – aber wir widersprechen). Er referenziert „Keep the Customer Satisfied“ in „Dance No More“ und ehrt Paul Simons „You Can Call Me Al“, indem er Kid Harpoon zum Solo auffordert – genau wie Simon es einst für Bassist Bakithi Kumalo tat. „Carla’s Song“ ist nach „Kathy’s Song“ benannt, Simons herzzerreißender Ballade an seine englische Freundin, und öffnet mit einer Hommage an „Bridge Over Troubled Water“.

In einem Interview mit Zane Lowe erzählte Styles, er habe seiner Freundin Carla den Klassiker von 1970 vorgestellt und sie dabei beobachtet, wie sie ihn zum ersten Mal erlebt. „Ihr beim Zuhören zuzuschauen, ohne dass sie den Song je gehört hatte, war, als würde ich zusehen, wie jemand Technicolor entdeckt oder Magie erlebt“, sagte er. Hiermit unser offizieller Appell an diesen englischen Muffin, als nächstes „Punky’s Dilemma“ zu covern. —A.M.

Wenn man One-Direction-Fan ist, könnte „Paint My Numbers“ einem das Herz brechen. Die akustische Nummer ist das erste Mal, dass Styles über seine Boyband-Vergangenheit mit einer so zerstörerischen Verletzlichkeit geschrieben hat. „Oh what a gift it is to be noticed / But it’s nothing to do with me“, gesteht er – und tauscht seinen gewohnten Tenor gegen ein Flüstern. Wenn Styles das Bild von „kids with water guns, watch them run“ beschwört, reicht das, um bei jedem, der sich noch an Videos von 1D auf der Bühne erinnert, die eine oder andere Träne zu entlocken. Auf dem treibenden „Pop“ hingegen zerschmettert Styles die „squeaky clean fantasy“ seiner Teenie-Pop-Vergangenheit und lässt sich auf seine Fantasien ein – ob Fehltritt oder nicht. —Maya Georgi

Tschüss Siebziger, hallo Achtziger

Erinnern Sie sich noch daran, wie Styles sich vor ein paar Jahren als sensibler Singer-Songwriter in Laurel Canyon einen Namen machte? Die Tage, als er so sehr Joni sein wollte, dass er sich nicht nur ein Dulcimer zulegte, sondern es von demselben Luthier bauen ließ, der Jonis gebaut hatte? Nun, diese Ära hat er hier auf Pause gesetzt. Der Vibe auf „Kissco“ ist: „Was ist eigentlich ein Dulcimer? Und wer ist diese Stevie Nicks, von der Sie reden?“ Er geht hardcore in die Achtziger, mit jeder Menge altmodischer Synth-Geräte.

Es gibt sehr viel Depeche Mode auf diesem Album – sowohl die Achtziger als auch die Neunziger-DM, man höre nur den „Speak and Spell“-Synth auf „Season 2 Weight Loss“ – dazu New Order, Prince, die Jonzun Crew, Yaz und Mantronix. Talking Heads sind eine so gewaltige Inspiration, dass es klingt, als hätte er sich „Stop Making Sense“ gezielt auf VHS reingezogen. (Vor allem „Dance No More“, wo der tiefe Synth brummt wie der unvergessene Bernie Worrell über dem Chic-artigen Bass.) Aber er webt all die Achtziger-Sounds zu etwas Frischem und Eigenständigem. —R.S.

Styles folgt dem Beispiel anderer Stars wie Rosalía, indem er Live-Instrumentierung in ein tanzbares Album integriert. Da muss wohl etwas in der lüsternen Berghain-Luft sein, das einen nach symphonischer Dramatik gieren lässt – fast so, als hätten die beiden Musiker die Berliner Institution besucht und mit ähnlichen Inspirationen die Heimreise angetreten. Auf der Lead-Single „Aperture“ setzt er einen Chor ein, um die Idee zu untermalen, dass wir zusammengehören, während das wunderschöne „Coming Up Roses“ mit den walzerhaften Streichern eines 39-köpfigen Orchesters anschwillt.

Der Mann liebt Radiohead

Im Interview mit Lowe erwähnte Styles, dass er Radiohead Ende letzten Jahres in Berlin während ihrer bedeutsamen Comeback-Tour gesehen hatte – und das einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen hat (kann man gut verstehen). Seinen Fanstatus legt er auf „Kiss All the Time“ noch eine Schippe drauf: Er holte Jazzdrummer Tom Skinner, der in Thom Yorkes und Jonny Greenwoods Sideprojekt the Smile spielt. Skinner trommelt auf sechs Songs, dazu singt er bei „Dance No More“ im Hintergrund. (In einem weiteren starken Schachzug holte Styles auch Wolf Alices Ellie Rowsell für mehrere Tracks ins Boot.) Es ist der Beweis, dass Styles ein echter Musiknerd ist, der wahrscheinlich einiges zu „In Rainbows Disk 2“ zu sagen hätte. —A.M.

Harry, alleine bist du nichts. Nach dem massiven Erfolg von „Fine Line“ hätte Styles unter den musikalischen Kollaborateuren freie Wahl gehabt – keine Tür blieb dem It Boy des Pop verschlossen. Aber er entschied sich dafür, weiter mit demselben vertrauten Kern von langjährigen Mitstreitern zu arbeiten, die jeden Schritt mit ihm gegangen sind – wie Tyler Johnson und sein treuer Weggefährte Kid Harpoon, der hier zum ersten Mal als Executive Producer fungierte. (Der ihn aber wahrscheinlich immer noch „Gary“ nennt.)

Keine Features, keine Gäste; er bleibt eng bei den Freunden, die seine musikalische Sprache sprechen. Inzwischen ist das wie die Partnerschaft von Janet Jackson mit Jam & Lewis – eine langjährige kreative Verbindung, die sich nicht replizieren lässt. Das Album trägt eine Widmung: „For those who helped me make this. For those who inspire me to make anything. For those who helped me to know when to say NO, when to say YES. And for all my friends to dance to.“ —R.S.

Der Schmerz der Gegenwart

„You’ve been a little over-honest lately“, sagt Styles zu sich selbst im ergreifenden und aufbrausenden „The Waiting Game“. Er scherzt nicht. Er taucht auf dem gesamten Album tief in den Weltschmerz der 2020er ein und seziert den Wahnsinn des modernen Lebens. Im witzigen „Are You Listening Yet?“ listet er die Symptome auf: „God knows your life is on the brink / And your therapist’s well fed.“ Weitere Details: vergessene Mantras, ignorierter Therapeutenrat und Flucht in „un-intimate sex“. Kein Wunder, dass die Figuren auf „Kissco“ nach der süßen Befreiung durch den Club gieren – die Welt bei Tageslicht treibt sie in den Wahnsinn. Aber Styles hat seinen eigenen therapeutischen Rat parat: „If you join a movement, make sure there’s dancing.“ —R.S.