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Konzertbericht

Howard Carpendale live in Berlin: Geh doch nicht!

Manche Handtaschen sind einfach zu groß, sie dürfen nicht mitkommen zum Konzert. Das Gepäck darf nicht voluminöser sein als das Format DIN A-4, was zwar die übliche Regelung ist, aber auch viel verlangt an einem Abend, da ein ganzes Leben begangen wird. Schon im Foyer ist ein abgesperrtes Areal mit einer Art Fototapete ausgestattet, die lebensgroße Bilder von Howard Carpendale in verschiedenen Schaffensperioden zeigen. Man kann sich hier fotografieren lassen. Carpendale hat eine unerschütterliche Aura der Nahbarkeit: Man kann ihn einfach nicht beim Nachnamen nennen. Er ist Howie. Es gibt Seniorität im Showgeschäft, aber es gibt auch Unveränderlichkeit. Ja, sagt er später auf der Bühne, vieles ist jetzt natürlich anders. Aber er fängt gar nicht erst damit an. Hier geht es um das, was bleibt.

Howie ist 72 Jahre alt, seit diesem Jahr zum zweiten Mal verheiratet und erstmals Großvater. „Die Show meines Lebens“ ist in milder Doppeldeutigkeit seine Feier des 50. Berufsjubiläums: Vor 50 Jahren nahm er die Songs „Lebenslänglich“ und „Ob-La-Di-Ob-La-Da“ auf. So lange gibt es den Howie. Seine Größenwahnsinns-Phase dauerte ein halbes Jahr, nachdem „Das schöne Mädchen von Seite 1“ 1970 ein Hit wurde. Er kaufte sich ein schnelles Auto. Dann kamen eine Weile keine Hits mehr. Er schrieb dann selbst Texte und adaptierte Lieder aus anderen Sprachen, „Da nahm er seine Gitarre“ und „Deine Spuren im Sand“ waren Gassenhauer, und aus Howard Carpendale, dem blonden Jungen aus Durban, Südafrika, wurde Howie, der König der „ZDF-Hitparade“. Die Deutschen hatten ihn adoptiert, so wie er „Living Next Door To Alice“ und „Ti Amo“ adoptierte und noch größer machte, als sie ohnehin schon waren.

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Und jetzt tritt er an fünf Abenden hintereinander in der Verti Music Hall auf, auch am Silvesterabend, man nennt das „en suite“. Das ist viel, es sind 10.000 Zuschauer, aber eigentlich ist es zu wenig für Howard Carpendale. Ein Howie-Avatar kommt dem Publikum auf einem Prospekt entgegen, er lächelt, und die Band spielt ein launiges Medley aus Howie-Hits: einige Background-Sänger, vier Streicherinnen, ein Bläser-Ensemble, die Keyboarder und Gitarristen, die Rhythmusgruppe und der wackere Bassist, der Howie seit 32 Jahren begleitet.

Kooperation

Howard Carpendale live in Berlin 2018

Howard Carpendale live in Berlin: Lieder zwischen Beginn und Abschied

Und dann kommt Howie wie jeder Zuschauer in den Saal, durch den Eingang, geht durch die Reihen und singt „Hello Again“, bevor er auf die Bühne steigt. Er trägt flache Sportschuhe, aber man denkt nicht, dass er jugendlich wirken will, sondern dass diese Schuhe bequem sind, weil er lange stehen muss und manchmal auf einem Hocker sitzt oder auf einem Bühnenpodest. Er kokettiert nur ein bisschen, wenn er sagt, dass er vermutlich der Älteste im Saal sei. Eine Sängerin ist Jahrgang 1993, werden wir später erfahren. „Singst du gern mit mir?“, fragt Howie väterlich. „Ich singe sehr gern mit dir.“

Die Kunst des Howard Carpendale liegt darin, dass er keine Fragen stellt, auf die er die Antworten nicht kennt. „Hello again, dort am Fluss, wo die Bäume stehn, ob ich dableiben kann“: keine Frage. Zwischen Beginn und Abschied sind seine Lieder aufgespannt, die also das Leben vollkommen umfassen. Gehen oder Bleiben. Howie-Songs handeln nicht von dem Furor des Moments, sondern von dem, was danach passiert: vom Überstehen, von der Treue, von der Rückkehr und der schieren Dauer. Du bist noch hier. Doch du bist noch da. Ich sag einfach: Hello again.

Howard Carpendale live in Berlin 2018

„Samstag Nacht“ ist so ergreifend, wie es immer schon war, und Howie erzählt von der Hochzeit seines Sohns Wayne, der im Publikum ist, und dass er den Papa darum bat, ein Lied zu singen: „Aber es ist nicht von dir.“ Es ist „Wonderful World“, und Howie rekapituliert das Gespräch zwischen Vater und Sohn, in dem der Vater unnötigerweise erklärt, dass dieses Lied von Louis Armstrong geprägt wurde und dass es ohne ihn nur ein Lied ist. Es sei kitschig, wenn der Vater bei der Hochzeit des Sohnes singe. Aber Wayne und Annemarie wollten es, sie standen an einer Klippe auf Ibiza, hinter ihnen das Meer, und Howie imitierte den Gesang von Louis Armstrong, wie er es einmal im Scherz tat, und heute Abend tut er es auch, er macht es konsequent, und dann singt er mit seiner Stimme auf Deutsch weiter. Könnte peinlich sein. Ist es nicht. „Deine Spuren im Sand“, „Tür an Tür mit Alice“ – natürlich grölen Zuhörer „Who the fuck is Alice?“, aber längst nicht alle, denn sie wollen sich an das Stück so erinnern, wie es 1976 gewesen ist, als Howie die deutsche Version bestellte, und er fordert nicht zum Krakeelen auf. Er singt ein leises Lied.

Dann ist Pause.

Howie geht wie Elvis durch die Zuschauerreihen

Anschließend kommt die Elvis-Interpretation, eine Huldigung mit Leuchtbuchstaben und „In The Ghetto“. Howie kann das, er hat als Zwölfjähriger bei einem Imitations-Wettbewerb den Elvis gegeben, aber „Suspicious Minds“ oder „You Don’t Have To Say You Love Me“ wären vielleicht eindrucksvoller. Er geht jetzt – wie Elvis! – durch die Reihen, singt über seine 72 Jahre, schaut in Gesichter, schüttelt Hände und wird von einem Mann überschwänglich umarmt, ein Ordner in großem Abstand. Man weiß ja nicht, was kommt: „Aber ich fang’ immer wieder etwas Neues an“, singt Howie. Hernach lobt Howie den Raketenmann Alexander Gerst für seine Entschuldigung an die Nachgeborenen und singt „Astronaut“ vor einem Sternenhimmel. Er spricht von Respekt und Toleranz. An anderer Stelle preist er Helden, deren stilisierte Konterfeis auf dem Prospekt erscheinen: Obama, Mandela, Brandt, Einstein, Ali, Lennon, Mutter Teresa, Gandhi. Ist ein bisschen allgemein.

Howard Carpendale live in Berlin 2018

Howie erinnert nun an die „ZDF-Hitparade“, deren Gründer und Zeremonienmeister in diesem Jahr gestorben ist. Howard Carpendale vermisst Dieter Thomas Heck. Was waren das für Zeiten in Berlin: mittwochs anreisen, verrückte Kleider in verrückten Straßen kaufen, Samstag auftreten, in der Bar des Hotels Eden trinken. Am vorderen Bühnenrand wird ein schlichtes stählernes Podest aufgebaut, wie man es aus der „Hitparade“ kennt, die Band versammelt sich und spielt ohne Pomp „Da Da Da“ von Trio, „Ohne dich“ von der Münchner Freiheit und „So bist du“ von Peter Maffay, dem anderen Überlebenden.

In der großen Besetzung singt Howie dann „Let Your Love Flow“, die Apotheose der 70er-Jahre. Folgen „Dann geh doch“ und das späte, hübsch verklärte „Laura Jane“. Und schließlich „Nachts, wenn alles schläft“ und das unschlagbare „Ti Amo“. Howie geht langsam in den Bühnengrund und kehrt noch einmal zurück für ein sanftes Schlusslied über die 50 Jahre, in denen er auf der Bühne stand. Das letzte Viereck im Vorhang wird geschlossen.

Ich kann nicht bestreiten, dass es schön war, oh so schön war.

Frank Hoensch Redferns
Frank Hoensch Redferns
Frank Hoensch Redferns

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