RS-Interview



Keith Richards im Interview: „Ich freue mich darauf, noch mehr mit dieser Truppe zu machen“


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Zum 30. Geburtstag seines Soloalbums „Main Offender“, das nun in einem umfangreichen Boxset wiederveröffentlicht wurde, sprach Keith Richards im ROLLING-STONE-Podcast „Music Now“ über die Zukunft der Stones nach dem Tod von Schlagzeuger Charlie Watts und den neuen Mann, Steve Jordan, der seit den 80er-Jahren auch Teil seiner Zweitband The X-Pensive Winos ist.

Es war ja Charlie Watts, der Ihnen überhaupt erst Steve Jordan empfohlen hat. Und es scheint, als gäbe es einige Ähnlichkeiten in ihrem Spiel, sie haben in gewisser Weise den gleichen rhythmischen Geist. Es ist enorm schwer zu artikulieren, aber es gibt Ähnlichkeiten zwischen den beiden, oder?

Ich denke, Steve Jordan ist damit aufgewachsen, Charlie Watts zuzuhören und ihn zu bewundern. Und ich meine, manchmal kann Steve mich täuschen und ich denke, es ist Charlie. Bei den Winos war es wunderbar, mit diesen Jungs zu spielen, die mit den Stones aufgewachsen sind, und ihre Meinung dazu zu hören.

Es ist interessant, dass „Wicked As It Seems“ von Ihrem Soloalbum „Main Offender“ musikalisch wie ein Cousin des späteren Stones-Songs „Love Is Strong“ klingt.

Ja. „Wicked As It Seems“ ist sicherlich ein Cousin von „Love Is Strong“. Vielleicht sind die beiden sogar noch ein bisschen näher verwandt.

Es ist wie bei eineiigen Zwillingen, die unterschiedliche Lebenswege haben.

Ja, es ist lustig, dass Sie das sagen, weil ich genau das auch so gefühlt habe, aber irgendwie musste ich zwei Songs aus diesem Ding machen. Und auch zeitlich waren sie ziemlich nah beieinander. Wenn ich mir das Zeug jetzt anhöre, denke ich: Wow, vielleicht sollten wir noch mehr daraus machen!

Auf der Live-CD der X-Pensive Winos im gerade erschienenen Boxset hören wir Sie „Gimme Shelter“ singen, was ziemlich gewagt scheint. Natürlich ist das ein Song, den hauptsächlich Sie geschrieben haben. Aber wie hat sich das konkret angefühlt?

Ja, als ich es mir anhörte, hatte ich sogar vergessen, dass wir das mit den Winos aufgenommen hatten. Und irgendwie erinnerte es mich an den Tag, an dem ich es schrieb, das war ein regnerischer Tag in London, in der Mount Street. Es gab einen großen Sturm und alle rannten in Deckung, und es kam wirklich nur aus dieser einfachen Vision. Und dann habe ich natürlich gemerkt, dass man das dann ausbauen muss. Und mir wurde klar, dass es nur einen Sturm gibt, aber es gibt noch viel mehr dahinter. Aber ja, mich tatsächlich noch einmal singen zu hören gab mir dieses Gefühl der Dringlichkeit. „Gimme Shelter“ – ich hatte schon immer eine Schwäche für diesen Song.

Als ich 2016 mit Ihnen, Mick und Ron für die letzte Titelgeschichte sprach, die wir über die Rolling Stones gemacht haben, arbeiteten Sie neben „Blue & Lonesome“, dem Blues-Coveralbum, das Sie veröffentlicht hatten, an einem Studioalbum mit brandneuen Songs. Wie weit ist das neue Album? Und – ich will nicht unhöflich werden –: Warum dauert das so lange?

Also was den Status angeht, kann ich nicht wirklich was berichten. Aber ich liebe es einfach zu arbeiten. Wenn ich mit der einen Truppe nicht arbeiten kann, arbeite ich mit der anderen.

Es gab einen Bericht, dass Charlie im Grunde genommen seine Parts für das nächste Album alle aufgenommen hat. Stimmt das?

Nein, das stimmt überhaupt nicht. Ich meine, Charlie Watts hat ein bisschen was eingespielt. Er hat ein paar Sachen mit Mick gemacht, und wir haben schon eine ganze Menge Sachen mit Charlie vom letzten Jahr auf Band. Aber Charlie Watts dachte sicherlich nicht: Ich werde ein paar Sachen aufnehmen, weil ich bald nicht mehr hier sein werde. Er ist nicht so ein Typ. So hat er nicht gedacht. Charlie hat gearbeitet, wenn jemand gesagt hat: „Hey, ich habe ein paar Songs, komm vorbei und spiel!“ Wir haben noch eine Menge Sachen von Charlie Watts auf Band, weil wir gerade dabei waren, ein Album zu machen, als er starb, aber weißt du, gottverdammt, ich habe diesen Mann geliebt!

Ich schätze, es war bisher noch nicht Thema, dass, wenn man das Stones-Album fertigstellen will, Steve auf einigen der Sachen spielen muss. Aber ist das die Idee?

Ja. Ich denke, das gehört zu den Dingen, die wir dieses Jahr klären müssen. Also natürlich, ich meine, wenn wir weiter aufnehmen wollen, dann brauchen wir Schlagzeug und es geht an Steve Jordan. Am Anfang der letzten Tour vor ein paar Monaten habe ich gesagt: „Oh nein, ich kann das nicht ohne Charlie machen!“ Aber da hat Charlie zu mir gesagt: „Hör zu, Keith, du kannst es mit Steve machen. Du hast es viele Male gemacht. Du weißt, dass er jederzeit meinen Platz einnehmen kann, du weißt es!“ Er hat mich dazu überredet. Ich wusste natürlich, dass Steve es kann. Man fragt sich nur, wie das Ding zusammenwachsen soll. Ich war dann sehr erstaunt, wie alles zusammenpasste. Und ich freue mich darauf, noch mehr mit dieser Truppe zu machen.

Natürlich konnte es sich nicht genauso anfühlen.

Nein, natürlich nicht. Es fühlte sich an wie mit frischem Blut, und es fühlte sich sehr energisch an. Und Steve sagte: „Ich will es nicht übertreiben oder in eine andere Richtung gehen.“ Aber er hat ein Gespür dafür, wie Charlie Watts spielt, was es uns sehr, sehr leicht macht, weiterzumachen, ohne unglaubliche Verwicklungen durchlaufen zu müssen. Steve ist ein vollendeter Pro und liebt den Stil von Charlie Watts. Manchmal war ich erstaunt, ihn zu beobachten, und wenn er dann sagte: „Ich könnte es wie Charlie machen, oder willst du, dass ich …“, habe ich nur geantwortet: „Ich überlasse es dir, Steve. Wenn Charlie dort sitzen würde, würde ich es ihm überlassen. Und jetzt sitzt du da, und ich überlasse es dir, Steve.“ Wir hatten eine tolle Zeit auf der Tour, und ich sehe keinen Grund, warum wir dieses Jahr nicht weitermachen sollten.