Der Irankrieg beschleunigt die Energiewende – nur nicht in den USA
Europa setzt verstärkt auf neue Energieformen, während die Sperrung der Straße von Hormus die globale Ölversorgung abwürgt.
Die Straße von Hormus ist seit fast zwei Monaten gesperrt – mit der Folge, dass Öl- und Gaspreise weltweit in die Höhe schießen.
In den USA ist der Preis pro Gallone Benzin seit der Sperrung um mehr als einen Dollar gestiegen, Diesel hat sich um fast 50 Prozent verteuert. In Europa legten die Gaspreise um rund zehn Prozent zu, die Region kämpft mit einem Düsentreibstoffmangel und Sorgen um die Versorgung mit Flüssigerdgas (LNG). Asien trifft es noch härter: Rund 20 Prozent des weltweiten Öls und LNG passieren die Meerenge, mehr als 80 Prozent davon fließen nach Asien. Mehrere asiatische Länder – darunter die Philippinen, Japan und Südkorea – stehen inzwischen vor einer handfesten Energiekrise.
All das ist kurzfristig zweifellos eine schlechte Nachricht für die Verbraucherpreise, könnte dem Klima langfristig aber nützen. China produziert den Großteil der weltweiten Solarmodule, und die chinesischen Solarexporte erreichten im März einen Rekordwert. Auch der Export von Lithiumbatterien zieht stark an. Weltweit steigen die Verkaufszahlen für Elektrofahrzeuge.
Abhängigkeit von Öl reduzieren
„Die Tatsache, dass Länder fossile Brennstoffe aus weit entfernten Regionen importieren müssen, macht sie anfällig für Unsicherheiten“, sagt Mark Z. Jacobson, Professor für Bau- und Umweltingenieurwesen an der Stanford University, gegenüber ROLLING STONE. „Es liegt auf der Hand, dass viele Länder diese Abhängigkeit verringern wollen. Der Weg dorthin führt über eine eigene Strom- und Wärmeversorgung aus sauberen, erneuerbaren Quellen – vor allem Wind, Solar, Geothermie und Wasserkraft. Jedes Land hat das Potenzial, das aus eigener Kraft zu schaffen.“
Jacobson verweist darauf, dass die südkoreanische Regierung kürzlich zugesagt hat, bis 2030 eine Kapazität von 100 Gigawatt erneuerbarer Energie zu erreichen. Der Energieminister des Landes erklärte, der Irankrieg sei „ein bedeutender Wendepunkt“ für Südkorea, um weg vom Öl und hin zu erneuerbaren Energien zu steuern.
„Viele Länder sind zu hundert Prozent auf Ölimporte angewiesen und fördern selbst nichts“, sagt Jacobson. „Diese Länder sind besonders verwundbar. Es leuchtet ein, dass sie auf Elektrifizierung umsteigen wollen.“

Europas zögerliche Reaktion
Ähnliche Entwicklungen zeichnen sich laut Jacobson in Europa ab, wo einige Länder beginnen, ihre Energiewende zu beschleunigen. Großbritannien etwa hat im vergangenen Monat beschlossen, Wärmepumpen und Solaranlagen in Neubauten vorzuschreiben. Polen investiert derweil verstärkt in erneuerbare Energien und Kernkraft. Jacobson beobachtet zudem einen spürbaren Anstieg des Interesses an Dachsolaranlagen in ganz Europa.
Federica Genovese, Professorin für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Universität Oxford mit Schwerpunkt Klimapolitik, sagt gegenüber ROLLING STONE, dass noch nicht absehbar sei, wie groß die Auswirkungen dieser Energiekrise auf Europa letztlich sein werden.
„Die EU versucht, die Mitgliedstaaten … in Richtung einer Energiewende zu drängen – die nun als Mechanismus für Energiesicherheit und wirtschaftliche Resilienz vermarktet wird –, aber es bleibt abzuwarten, ob die Länder das auch wirklich durchziehen“, sagt Genovese.
Italien, Deutschland und die Lehren der Ukraine
Genovese weist darauf hin, dass Italien in Europa am stärksten von Erdgasunterbrechungen betroffen ist, die rechtsextremen Politiker des Landes aber nicht auf eine Energiewende drängen. Deutschland arbeitet zwar an der Umstellung auf erneuerbare Energien, sucht gleichzeitig aber nach Wegen, die Benzinpreise zu senken.
Europa hatte schon vor nicht allzu langer Zeit mit einer Energiekrise zu kämpfen – infolge des Ukrainekriegs und der Abhängigkeit des Kontinents von russischem Öl. Genovese zufolge hat das die Länder bereits auf einen Kurs gebracht, der ihre Abhängigkeit von Energieimporten verringert.
„Einer der Gründe, warum einige europäische Länder jetzt etwas besser abgeschirmt sind, liegt genau in der bitteren Pille, die sie mit dem Energieschock durch die russische Invasion schlucken mussten“, sagt Genovese. „Ich sage nicht, dass Europa gut dasteht, und politisch ist diese Irankrise gravierend – aber rein wirtschaftlich betrachtet … zeigt sich Europa gegenüber diesem Schock widerstandsfähiger als 2022, eben weil es die Lektionen aus der Ukrainekrise gezogen hat.“

USA: Kein Interesse an der Wende
Die US-Regierung hingegen hat keinerlei Interesse daran, den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben oder die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Präsident Donald Trump verabscheut erneuerbare Energien und ist ein glühender Verfechter der Fossilbranche. Allerdings wächst unter Amerikanern das Interesse an Elektrofahrzeugen und Solarenergie – sodass die Verbraucher die Energiewende des Landes womöglich trotzdem vorantreiben könnten, zumal angesichts der wirtschaftlichen Folgen.
„Jedes Land der Welt kann auf saubere, erneuerbare Energie umsteigen. Die Vorteile sind niedrigere Kosten, geringerer Flächenverbrauch, mehr Arbeitsplätze und weniger gesundheitliche Schäden durch Luftverschmutzung“, sagt Jacobson. „Unabhängig davon, ob Menschen den Klimawandel als Problem sehen – erneuerbare Energien sind effizienter und retten Leben. Was spricht dagegen?“