Jubiläum: „Die Sesamstraße“ feiert ihren 50. in Deutschland


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Was haben Patti Labelle, Elvis Costello, Smokey Robinson, B.B. King, Michael Stipe und The Dixie Chicks gemeinsam? Richtig!

Sie alle traten in der langen Geschichte der US-Kinderserie „Sesame Street“ zu mehr oder weniger pädagogischen Ständchen mit Krümelmonster und Co auf. Legendär der Erfolgs-Track „Just The Way You Are“ von Billy Joel, kommentiert von Oskar aus der Mülltonne und in Gebärdensprache von der tauben Schauspielerin Marlee Matlin begleitet. Auch schön: „Grover“ (bei uns: Grobi) singt Stevie Wonder an die Wand. In Deutschland ging erste Folge der deutschen Bearbeitung vor 50 Jahren auf Sendung.

Der 8. Januar 1973 war der Tag der Erstausstrahlung, federführender ARD-Sender ist bis heute der Norddeutsche Rundfunk. Eine Zeit also, in der Alben wie „Dark Side of The Moon“ von Pink Floyd, Bowies „Aladdin Sane“ oder „Goodbye, Yellow Brick Road“ von (Sir) Elton John erschienen sind.

In der Vereinigten Staaten ging die erste, in schwarz-weiß gefilmte Version der „Sesame Street“ bereits einige Jahre zuvor, am 10. November 1969, auf Sendung. Ihre Wurzeln hat das Vorschulprogramm in der reformpädagogischen Bewegung der späten 1960er. Entwicklungspsychologie, frühkindliche Bildung und auch der Ansatz zur kulturellen Vielfalt spielten bei der Konzeption eine wichtige Rolle.

Fernsehproduzentin Joan Ganz Cooney entwickelte das Format zusammen mit Lloyd Morrisett, seines Zeichens Vizepräsident der Carnegie Corporation. Ziel war es, eine Kindersendung zu schaffen, welche „die süchtig machenden Qualitäten des Fernsehens beherrscht – und damit etwas Gutes tut“.

Wenn Leslie Feist etwa inmitten einer schrägen Puppen-Gang ihren Hit „1, 2, 3, 4“ anstimmt, ist die Idee vom „spielerisch-musischen Lernen“ bereits im Originaltrack verankert. Rapperin Queen Latifah wiederum rappt in einer der 1990er-Folgen in einem eigens komponierten Track über den Buchstaben „O“. Die oft dissonanten Stimmen der Sesamstraßen-Figuren zerschießen oft genug den Vortrag den Stars. Und machen ihn gleichzeitig unperfekt wie lustig.

Legendär etwa Jonny Cash mit „Nasty Dan“ (bei uns: Oskar aus der Mülltonne), dessen Übellaunigkeit der „man in black“ einen Song widmet. „Dan“ fühlt sich auf seine ruppige Art geschmeichelt.

Bereits zum 40. Jubiläum in den USA im Jahr 2009 wurde die Sesamstraße in über 120 Ländern ausgestrahlt. Wie auch in Deutschland wurden 19 weitere regional eigenständige Versionen produziert. In ihrer langen Geschichte gab es elf Awards des Musikpreises „Grammy“ und über 150 TV-Auszeichnungen bei den „Emmys“.

Wenn der Norddeutsche Rundfunk (NDR) nun mit umfangreichen Sondersendungen, einem Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie (am 20. Januar 2022) sowie einer Museumsaustellung alle Jubiläums-Register zieht, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die deutsche Umsetzung popkulturell auch stets etwas piefig geriet.

Udo Jürgens oder Helene Fischer als Gäste in der eingedeutschten Puppenshow zählen dann noch zu den Highlights. Auch gegen Reinhard Meys Interpretation von „Über den Wolken“ ist wenig zu sagen. Ein didaktisches Stück gegen Flugangst, bei dem sich die Puppen-Protagonisten in eine kleine Propellermaschine zwängen. Ernie und Bert übernehmen dabei einige Strophen.

Doch unterhalb von Tim Bendzko geht es dann schnell in die Niederungen der NDR-Denke, die ja auch seit Jahren für das deutsche ESC-Elend verantwortlich zeichnet.

Schade eigentlich, dass mit deutschen Eigenkreationen wie „Herr von Bödefeld“ und dessen Puppenpartnerin „Tiffy“ (entwickelt seit Ende der 1970er) das anarchische Moment der US-Originale zugunsten einer biederen Blödigkeit ersetzt worden ist. Weit beliebter: Samson mit seinem Schnuffeltuch – so einen Riesenbär hat sich jedes Kind zum Kuscheln gewünscht.

Die heutigen „Hosts“ Elke Wiswedel und Jens Mahrhold sind bestenfalls nett, viele Gags selbst für vierjährige zu flach und gewollt „luschtig“. Im PR-Sprech des zuständigen NDR-Programmdirektors Frank Beckmann heißt es öffentlich-rechtlich korrekt: „’Die Sesamstraße‘ ist ein Klassiker des öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehens. Sie bringt – nicht nur – den Jüngsten etwas bei und ist gleichzeitig urkomisch. ‚Die Sesamstraße‘ vermittelt Werte, fördert Fairness und Toleranz, feiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Vor allem nimmt die ‚Sesamstraße‘ Kinder ernst und begegnet ihnen auf Augenhöhe“.

Na, denn. Wir empfehlen dazu als Gegengift die US-Old-School-Version von „Manna manna patipi tipi“: