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Teilnehmende BeobachtungKolumne

Kevin Kühnert: Warum niemand an die deutschen Hamas-Geiseln denkt

Wenn deutsche Staatsbürger entführt werden hängt das Interesse oft an einem seidenen Bindestrich.

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Am Ostersonntag des Jahres 2000 wurden 21 Menschen durch die islamistische Abu Sayyaf von der malayischen Insel Sipadan verschleppt. Unter den Entführten: die Wallerts aus Göttingen.

Im Sommer 2000 gab es medial kaum ein anderes Thema. BILD räumte regelmäßig die Seite 1 für „unsere Wallerts“ frei, und im TV zählte ein Counter die Tage seit Beginn der Entführung. Medienvertreter besuchten im (auch finanziellen) Einvernehmen mit den Islamisten die Gefangenen in ihrem Tropen-Lager. Klingt nach Dschungelcamp, war aber bitterernst.

Die Freilassung begleiteten Mitglieder der Bundesregierung persönlich. In Göttingen fand ein offizieller Empfang im Rathaus statt. Kurz darauf wurde ein „Johannes B. Kerner-Show-Spezial“ mit Familie Wallert ausgestrahlt.

Im Deutschland des Jahres 2000 kam niemand an den Wallerts vorbei.

Das Problem mit dem Bindestrich

Im Oktober 2025, am Ende einer anderen Entführung, war das ganz anders. Die Namen der Betroffenen sind kaum jemandem im Land geläufig. Sie lauten: Ziv und Gali Berman, Alon Ohel, Rom Braslavski, Tamir Nimrodi, Itay Chen und Tamir Adar. Es sind einige der letzten von ursprünglich mehr als 200 Geiseln, die die islamistische Hamas am 7. Oktober 2023 nach Gaza entführte.

Als ihre Gefangenschaft kürzlich endete, konnten die Familien Nimrodi, Chen und Adar nur noch die Leichname ihrer Lieben in Empfang nehmen. Ohel, Braslavski und die Berman-Brüder kehrten an Leib und Seele gezeichnet, aber lebend zurück.

Sie alle, die Überlebenden, wie auch die Toten, waren und sind Deutsche. Doch im Deutschland des Jahres 2025 nimmt kaum jemand Notiz davon.

Die deutschen Hamas-Geiseln lösen in Deutschland die gleichen Emotionen aus, wie die 18 internationalen Mitgefangenen der Wallerts: keine. Wir fühlen mit den Wallerts, aber nicht mit den Chens. Denn auch wenn die Chens Deutsche sind und Itays Oma von den Nazis aus Bad Reichenhall vertrieben wurde, haben sie immer noch das Problem mit dem Bindestrich: Sie sind Deutsch-Israelis. Wir Deutschen ohne Zusatz, wir kennen den Bindestrich nicht. Und was der Bauer nicht kennt, das fühlt er nicht.

Doppelpass ins Desinteresse

Im sterilen Umgang mit den Geiseln werden die Narben maßloser politischer Debatten sichtbar. Von „Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland“ (Regierung Kohl I, 1982) über den ersten rechtlichen Einbürgerungsanspruch (1993), die Möglichkeit zum Doppelpass (1999) und den späteren Wegfall der Optionspflicht hat sich Deutschland rechtlich in mühevollem Ringen vom Blutrecht verabschiedet.

Doch das Geraune aus all den Jahren ist tief in unsere Köpfe eingesickert. Es ging um vermeintlich „unklare Loyalitäten“ und eine „Verramschung“ des deutschen Passes. Andernorts hieß es, Menschen mit Doppelpass stünden „zwischen zwei Staaten“ – gehörten also nirgendwo dazu. Recht hin oder her – emotional wurde der Doppelpass in Deutschland mit rhetorischer Gülle kontaminiert.

Doch nun beklagen die Verursacher den Gestank! Im konservativen „Cicero“ attestiert Ingo Way mit Blick auf die deutschen Hamas-Geiseln kürzlich „deutsches Desinteresse“ und fragte spitz, aber berechtigt, ob die Männer unserem Land etwa „nicht deutsch genug“ seien. Man möchte Herrn Way empfehlen, sich dazu beispielhaft bei Hugo Müller-Vogg zu erkundigen. Der schrieb noch vor drei Jahren ebenfalls im „Cicero“, Doppelstaatler wollten sich „nicht festlegen“ und „Rosinen herauspicken“. Er verglich Zweitpässe mit Zweitautos, sprach von „Pass-Deutschen“ und „50%-Deutschen“. Solche verbreiteten Polemiken störten in weiten Teilen der konservativen Öffentlichkeit niemanden, solange auf der anderen Seite des Bindestrichs „syrisch“ oder „türkisch“ stand.

Die bittere Bilanz nach jahrelanger Verächtlichmachung: Vor dem Desinteresse einer mit lediglich einem Pass ausgestatteten Mehrheitsgesellschaft sind alle Doppelpässe gleich. Und die Leidtragenden dessen sind immer unsere Landsleute. Ob wir es nun fühlen oder nicht.

 

 

Kevin Kühnert schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.