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Klischeebrecher: Pop-Quartett Pudeldame legt ein Debütalbum voll feiner Ironie vor


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Kaum eine Hunderasse ist frei von Klischees. Golden Retriever werden von kleinbürgerlichen Wohlstandsfamilien gekauft, Französische Bulldoggen von fashionbewussten Großstädtern und Pudel von der älteren Dame, die diesen Inbegriff von Hunde-Eleganz täglich an der Leine führt. Vielleicht ist es sogar die Dame, die sich an tobenden Nachbarskindern stört. Dass sich nun ausgerechnet vier junge Musiker unter dem Bandnamen Pudeldame vereinen und irgendwo zwischen melodisch fesselndem Indie-Rock und tanzbarem Jazz-Pop provokante Songtexte singen, Zeilen wie „Ihr Gesicht – lieber nicht. Zeig mal Popo“, verrät schon, welches Konzept hier gilt: Das Klischee als Spielball.

Pudeldame sind Schauspieler und Sänger Jonas Nay, Schlagzeuger Jon Ander Klein, Bassist Nico Bauckholt und Gitarrist David Grabowski. Letzterer entschied sich beinahe für ein Leben als Lehrer und hätte damit einen Job gewählt, der sich durch Planbarkeit auszeichnet. Doch das Planbare verließen die vier Jungs aus Hamburg und Lübeck spätestens 2017, als sie Pudeldame gründeten.

„Wir wollen Musik machen, zu der wir selbst totale Disco feiern“

Die studierten Musiker ließen sich ausgiebig Zeit, alle stehen, unabhängig voneinander, auf ökonomisch sicheren Beinen. Pudeldame soll schlichtweg Spaß machen, und das bedarf nicht nur genügend Freiheiten, es schafft auch welche. „Wir wollen Musik machen, zu der wir selbst totale Disco feiern, und schielen nicht darauf, was für die Masse funktionieren könnte. Damit stellt man sich erst mal in eine Ecke, in der man davon ausgeht: Wenn es funktioniert, dann wird es ein langer Weg bis dahin werden“, sagt Nay.

Doch dass der Weg zum Erfolg kürzer sein könnte, ist nicht abwegig. Denn nun veröffentlichen sie ihr Debütalbum, das sie mit feiner Perfidie „Kinder ohne Freunde“ genannt haben. Viele ihrer Songs haben einprägsame Pop-Motive, nicht wenige sind – mit einem weiteren Klischeegriff – Ohrwürmer. Ein Pudeldame-Song dürfe zwar mit einer Genre-Stanze beginnen, doch laut Nay und Grabowski müsse es immer ein Element geben, „das es dreht, das es nicht in diesem einen Genre belässt“. Wie in dem Song „Motototo“, der zwar von patriarchalischen Strukturen handelt, sie aber nicht einfach bloß kritisiert. „Dafür müsste man einen musikalischen Rahmen schaffen, in dem diese Kritik dann getragen wird. Vielleicht etwas Düsteres oder etwas, das ein bisschen verfremdet ist.“ Aber es ist ein Stück Dance-Pop, durch gewollt „sexistische“ Zeilen gebrochen.

Doch bei Pudeldame gehe es nicht nur darum, mit Klischees zu brechen, sondern auch mit subjektiven Wahrheiten. Ihre Musik soll Facetten offenlegen, „die man in sich selbst auch immer wieder findet“, erklärt Nay. Das sei auch der Grund dafür, weshalb viele ihrer Texte aus der Ich-Perspektive geschrieben sind. Wenn ein Text klingt, als hätte ein Chauvinist oder Verschwörungstheoretiker ihn verfasst, dann sei dies auch ein Spiel mit sich selbst, um zu überprüfen: „Moment mal, kann ich darüber urteilen – oder bin ich da selbst drin?“ So gesehen prüfen sich Pudeldame in ihren Liedern immer wieder selbst und blicken auf die Welt „mit einem großen Stirnrunzeln, aber bloß nicht von oben herab, sondern von mittendrin“. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, sich gelegentlich sogar selbst in eine Schublade zu stecken.

„Egal wie groß Pudeldame vielleicht mal werden – wir sind jedenfalls kein One-Hit-Wonder“

Zu finden, was Pudeldame tatsächlich definiert, sei laut Nay und Grabowski sowohl textlich als auch musikalisch ein sehr weiter Weg gewesen – „aber wir haben es gefunden, und wir lieben es“. In der halbstündigen ZDFneo-Show „Late Night Alter“ firmieren sie als Hausband, die die Entertainerin Ariane Alter mit fluffiger Zwischenmusik begleitet und zuweilen knappe Kommentare von der seitlich aufgebauten Bühne beisteuert – meistens spricht Nay, der als Hauptdarsteller der TV-Serien „Deutschland ’83“ und „’86“ bekannt wurde (in der er einen jugendlichen Spion wider Willen verkörpert). Pudeldame bezeichnen sich als „die größten Fans unserer eigenen Musik“, aber es gebe bereits eine echte, eingeschworene Fangemeinde, die den doppelten Boden ihrer Musik zu verstehen scheint. „Wir haben sehr, sehr treue Fans. Das gibt einem das gute Gefühl: Egal wie groß Pudeldame vielleicht mal werden – wir sind jedenfalls kein One-Hit-Wonder.“

Dieser Beitrag erschien zuerst in der  April-Ausgabe des ROLLING STONE.


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