LANA DEL REY: Das Interview mit Amerikas Dunkler Königin


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In Lana Del Reys Liedern gab es lange keinen Platz für andere Frauen. Tauchte doch eine auf, dann war sie „The Other Woman“, eine romantische Rivalin, die um die Aufmerksamkeit ihres Liebhabers buhlte. Denn Del Reys Ästhetik – eine Mischung aus Old-Hollywood-Melodrama, Sixties-Surfkultur und American-Dream-Albträumen – führte sie immer wieder zurück zum Porträtieren problematischer Liebesbeziehungen. Wenn sie nun, auf ihrem neuen, siebten Album, „Chemtrails Over The Country Club“, erleichtert ausatmet und singt: „God, it feels good not to be alone!“, dann feiert sie damit keinen Mann, sondern einen neu gefundenen Schwesternbund. Einen ziemlich illustren, wie sie auf „Dance Till We Die“ namedroppt: Mit Joan Baez tanzt sie auf der Bühne, Stevie Nicks hat sie am Telefon, und Courtney Love hätte einmal fast ihr Haus niedergebrannt. Drei Ikonen aus drei Epochen. Die Traditionslinie ist klar, und Del Reys Position sowieso.

Eine aber steht über allen, die ursprüngliche Lady of the Canyon, Joni Mitchell. Del Rey liebt sie schon lange, hat sich nun aber zum ersten Mal getraut, sie zu covern. Sie hat einen vielsagenden Song gewählt: „For Free“ von 1970, ein Lied über den Ruhm, über das Professionalisieren einer Leidenschaft. Mitchell singt, dass sie an einer Ampel steht, auf Grün wartet und dabei einem Straßenmusiker zuhört. Der verschenkt sein Talent an die Vorbeigehenden, spielt gut und „for free“. Sie hingegen tritt nur noch auf, wenn Geld im Spiel ist. Del Rey wird bei ihrer Version von zwei Musikerinnen begleitet, Zella Day und Weyes Blood, jede Frau singt eine der drei Strophen. Del Reys beginnt so: „Now me, I play for fortunes/ And those velvet curtain calls.“

Vor zehn Jahren, als nach dem viralen Erfolg ihrer ersten Single, „Video Games“, Verschwörungstheorien aus dem Boden schossen, die den Hype um sie erklären wollten – keine Erklärung lautete, dass sie eine Künstlerin ist, die klare Vorstellungen hat und die Chuzpe, sie umzusetzen –, hätten nur die wenigsten gewettet, dass diese Mittzwanzigerin mit Sad-Starlet-Persona zu einem der wichtigsten Popstars des Jahrzehnts avancieren würde. Aber das tat sie, und zwar ohne sich, wie beispielsweise Taylor Swift, mit jedem Albumzyklus neu zu erfinden: Ihre Ästhetik, ihre Attitüde, ihren Vibe variierte sie nur leicht. Langsame, düstere Balladen mit mächtigem Hallraum für ihr Hauchen arrangierte sie mal mit Filmmusik-Orchestrierung, mal mit warmen Laurel-Canyon-Gitarren, mal mit sedierten HipHop-Beats. Ihre Bilder aber wurden mit der Zeit schärfer, ihr Songwriting präziser, und ihr Heraufbeschwören eines mythischen Pop-Art-Amerikas gewann mit jeder politischen Krise an Kraft und kulminierte im allerorts als Meisterwerk gefeierten Album „Norman Fucking Rockwell!“ (2019).

„Die Last des Ruhms wird immer schwer wiegen. Wer etwas anderes sagt, der kann sich glücklich schätzen“

Dass ihr neues Album nun trotzdem mit einer gewissen Skepsis erwartet wird, liegt daran, dass das vergangene Jahr für Del Rey so etwas wie ein Publicity-Höllenloch war. Eines, das sie selbst gegraben hat. Unüberlegte Äußerungen, die zu unerfreulichen Schlagzeilen führen, waren von Anfang an ein roter Faden ihrer Karriere, aber die Frequenz, mit der sie sich im letzten Jahr unbeliebt gemacht hat, war schon erstaunlich. Sie erklärte in einem Statement, sich von der Musikpresse und der Pop-Öffentlichkeit ungerecht behandelt zu fühlen, und nannte eine Reihe nichtweißer Künstlerinnen, die ihrer Meinung nach unkritisch abgefeiert würden. In einem Statement zu dem Statement verschärfte sie den Ton: „Wenn ich an der Stange tanze, bin ich eine Hure, aber wenn (FKA) Twigs das tut, ist es Kunst.“ Einige Zeit danach lud sie anlässlich der Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbands zu einer Signierstunde und trug dabei eine grobmaschige, maximal Aerosol-durchlässige Netzmaske. (Als es Kritik gab, beteuerte sie, darunter eine nicht sichtbare Plastikmaske getragen zu haben.) Und Anfang des Jahres, als sie das Cover des neuen Albums veröffentlichte – ein Schwarz-Weiß-Foto von ihr, wie sie mit Freundinnen um einen Tisch herum sitzt und lacht, wahrscheinlich im titelgebenden „Country Club“ –, fügte sie in einem schlecht gelaunten Statement hinzu, ohne dass sich jemand beschwert hätte: „Wer genau hinschaut, wird auch People of Color sehen.“ Den Status als nächste Nationaldichterin, den begeisterte Kritiken ihr zuletzt zusprachen, hat Lana Del Rey mit ihren Wortmeldungen wohl verspielt. Dabei war sie noch nie eine so gefällige Künstlerin, eine so gefällige Person, wie das einhellige Lob sie aussehen ließ. Ihre Provokation war nicht zuletzt, den wahr gewordenen amerikanischen Traum zu verkörpern und das weiße Amerika mit der Erfüllung seiner Wünsche zu konfrontieren. Die Trennung zwischen Künstlerin und Werk, letztlich immer illusorisch, ist bei Del Rey besonders schwer – und wird immer schwerer, weil das, was am Anfang ihrer Karriere ihre Kunstfigur ausgemacht hat: ein der Welt enthobener Luxus, nun zu ihrem tatsächlichen Leben geworden ist. Die privilegierte Distanz, die lange Koketterie zu sein schien, kann sich Del Rey jetzt wirklich leisten. Im neuen Titeltrack trägt sie Schmuck zum Schwimmen im Swimmingpool und betrachtet vom Country Club aus die Kondensstreifen am Himmel, die sie, mit einer Verschwörungstheorie spielend, „Chemtrails“ nennt. Stören tun die sie nicht: „We laugh about nothing as summer gets cool.“ Ein Club ist etwas Exklusives, ein Country Club umso mehr. Seine Tore trennen den amerikanischen Traum von der amerikanischen Realität.

Aber „Country“ meint hier auch die Musik. Country ist der subtile Filter, durch den Del Rey ihr Gesamtkunstwerk diesmal zieht. Sie hat kein Country-Album gemacht, natürlich nicht, sie kann nur Lana-Del-Rey-Alben machen. Aber die Country-Sängerin Nikki Lane singt bei „Breaking Up Slowly“ mit, Gitarren und Klaviere dominieren das Album, vor allem seine zweite Hälfte, Westerngitarren, klassische Gitarren, wunderbar nah abgenommene E‑Gitarren, erdige Pianos. Und sie singt über Country-Themen, über das Aufbrechen und das Ausbrechen und die Unmöglichkeit, es wirklich zu tun. Lana Del Rey hat mit dem ROLLING STONE über ihr neues Album gesprochen – möglicherweise um sich nicht wieder um Kopf und Kragen zu reden, hat sie unseren Fragenkatalog via E-Mail beantwortet.

Was ist eine häufige Fehlannahme über Sie?

Dass ich mich grundlos angegriffen fühle.

Was passiert mit dem American Dream, wenn er in Erfüllung gegangen ist?

Für mich heißt das: Man weiß, wer man ist, und bewegt sich dementsprechend in der Welt. In meinem Fall eine Mischung aus Zufriedenheit und Aktivismus. Ich fülle meinen eigenen Becher, habe aber auch viele Menschen, die ich unterstütze und denen ich gern beim Wachsen zusehe.

Wofür bekommen Sie nicht genug Anerkennung?

Im öffentlichen Leben ist mir Anerkennung nicht sonderlich wichtig. Im Schlafzimmer hingegen strenge ich mich gern besonders an, um da Extrapunkte zu sammeln.

Welche Anweisung haben Sie Ihrem Produzenten Jack Antonoff besonders häufig gegeben?

„Lass dich gehen!“ „Sei wilder!“ „Mehr Gedresche am Ende der Songs!“ Und immer wenn ich nicht weitergekommen bin, habe ich ihn nach Akkordfolgen gefragt, auf die ich singen könnte.

In einigen neuen Songs singen Sie über Orte der Zuflucht, die Möglichkeit der Veränderung. Kommen Sie mit dem Ruhm heute schwerer zurecht als noch vor einiger Zeit?

Die Last des Ruhms wird immer schwer wiegen. Wer etwas anderes sagt, kann sich sehr glücklich schätzen. Ich glaube, es erfordert eine außergewöhnliche Ausgeglichenheit, die Meinungen anderer Leute nicht zu ernst zu nehmen. Egal ob es um meine Gedichte oder mein Songwriting geht – ich versuche immer, mich an eine Zeit zu erinnern, als ich besonders glücklich war, um in dieses Gefühl eintauchen zu können, wenn ich einen schlechten Tag habe. Es ist gut, einen Eindruck davon zu haben, wie sich „einfach“ anfühlt.

Wer sollte Ihr Biopic inszenieren, und wer würde Sie spielen?

Oooh, die Sängerin Holly Macve gefällt mir. Und ich schätze, es müsste eine John-Waters-mäßige Produktion werden. Nutzen Sie die Notizen-App, um Textideen festzuhalten? Würden Sie uns Ihre letzte verraten? Die Notizen-App habe ich noch nie benutzt – ich diktiere alles, auch wenn es dann zehn oder zwanzig Minuten dauert. Zuletzt habe ich ein elfminütiges Gedicht geschrieben. Es heißt „My Father Told Me If I Went Slowly, I’d Be Safe – But He Was Wrong“.

Haben Sie einen wiederkehrenden Traum?

Vor Jahren habe ich geträumt, dass ich auf einem Kahn in der Mitte eines riesigen Ozeans bin, mit ruhigem, strahlend blauem Wasser überall um mich herum. Ich bin ganz allein und weiß, dass ich niemals runterkommen werde. Natürlich symbolisierte das ein Gefühl der Einsamkeit, aber viele Jahre später wurde mir auch klar, dass es um meine ständigen existenzialistischen Gedanken ging, dass ich festen Boden unter die Füße kriegen musste.

Was mögen Sie an Los Angeles am wenigsten, und was gefällt Ihnen am besten?

Mir gefällt nicht, dass ich es mit negativen Schlagzeilen und Skandalen verbinde. Was ich an L.A. natürlich liebe, ist das Wetter – heute, Ende Februar, sind es 28 Grad –, und das Wandern. Ich liebe das Umland und die vielen Tiere.

Was ist Ihr wertvollster Besitz?

Zum Thema Besitz kann ich nichts sagen, aber meinen Bruder und meine Schwester glücklich zu sehen, das ist die größte Freude für mich.

Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

Heute schaue ich auf eine Palme. Zuletzt habe ich einige Zeit in kälteren Gegenden verbracht und viel auf Gletscher geschaut. Ich muss häufiger aus der Stadt raus, um über die Stadt schreiben zu können.

Sie erwähnen Gott und Jesus in vielen der neuen Songs. Warum, glauben Sie, hatten Sie religiöse Themen dieses Mal besonders im Kopf?

Ich habe schon immer eine Menge religiöser Anspielungen verwendet. Ein häufiges Missverständnis ist, dass ich die als Klischee nutze. Aber ich habe, bis ich 23 war, in einem streng religiösen Umfeld gelebt, ich habe das also immer im Hinterkopf. Später habe ich mich mit Existenzialismus beschäftigt. Sosehr ich also die kleinen Dinge genieße, habe ich immer das große Ganze vor Augen: warum wir hier sind, was wir hier tun. Das ist auch das Interessante an Covid: dass die Menschen sich isolieren und sich diesen grundsätzlichen Fragen stellen müssen.

„Ich versuche sicherzustellen, dass mein Was-wäre-wenn-Leben mit meinem tatsächlichen übereinstimmt“

Del Rey wurde  1985 als Elizabeth Woolridge Grant geboren, als ältestes von drei Kindern. Ihre Eltern hatten in New York in der Werbung gearbeitet und zogen kurz nach ihrer Geburt mit ihr aufs Land, nach Lake Placid, einem kleinen Wintersportort im Norden des Staates New York. Dort besuchte sie eine katholische Grundschule und war Vorsängerin in der Kirche. Philosophie und Kreatives Schreiben gefielen ihr, andere Schulfächer weniger. Als Teenager begann sie zu trinken und wurde von ihren Eltern auf ein Internat nach Connecticut geschickt. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Kellnerin auf Long Island, eine Erfahrung, über die sie in „White Dress“ singt, dem ersten Song des neuen Albums. Ihre Stimme klingt darin, wie sie noch nie geklungen hat: Aufgestaute Emotionen bahnen sich den Weg an die Oberfläche, ihre Stimme, drängender und höher als je zuvor, durchbricht den Schutzwall aus Coolness und Lakonie.

„When I was a waitress, wearing a white dress“, singt sie. „Look how I do this, look how I got this.“ Del Rey singt über ihr 19-jähriges Ich aus einer gegenwärtigen Perspektive („I wasn’t famous“), lässt sich aber mitreißen vom Gefühl der Freiheit und der Selbstermächtigung, das mit wachsender Unabhängigkeit kommt. Im Kontext eines Albums über den Preis des Ruhms wird aus dieser Erinnerung an die erste Lohnarbeit der Ausgangspunkt für das Gedankenspiel eines Gegenlebens. Was, wenn aus der Kellnerin mit dem weißen Kleid nicht Lana Del Rey geworden wäre? Vielleicht, so deutet sie an, wäre das gar nicht das Schlechteste gewesen.

Sie zog nach New York und studierte an der Fordham University Philosophie mit Schwerpunkt Metaphysik. Auf ihrer ersten EP, „Kill Kill“, die sie unter dem Namen Lizzy Grant im Oktober 2008 auf dem Indie-Label 5 Points veröffentlichte, tauchen bereits wesentliche Elemente ihrer späteren Ästhetik auf: der gehauchte Gesang, die dem Untergang geweihte Liebe, die Selbststilisierung als amerikanische Ikone. Etwas Echtes im Pastiche zu finden, die Grenzen des Künstlichen bis zur Aufrichtigkeit zu überschreiten, das war ihr Projekt, von Anfang an. Brauchte sie nur noch einen neuen Namen. „Lana“ ist eine Reminiszenz an Lana Turner, den MGM-Star aus Hollywoods Goldener Ära, deren Biografie so glamourös und reich an Gewalt ist wie die einer Lana-Del-Rey-Figur: Als Teenager wurde Turner in einer Milchbar entdeckt, bald war sie das bestbezahlte Pin-up-Model der Stadt, im Laufe ihres Lebens war sie mit sieben Männern verheiratet, mit Schauspielern, Musikern und einem Hypnotiseur. Einen gewalttätigen Liebhaber erstach ihre Tochter mit einem Küchenmesser. „Del Rey“ verweist auf L.A., ein Stadtviertel in Hafennähe. Ihr Blick war also klar auf die Westküste gerichtet, Südkalifornien der Sehnsuchtsort, eine kreative Kommune im Laurel Canyon, der Meerblick von Malibu, das war der Traum, und von seiner Verwirklichung war sie einen Kontinent entfernt: An diesem Punkt lebte sie in einem Wohnwagen in New Jersey.

„Video Games“, erste Lied, das sie als Lana Del Rey veröffentlichte, machte sie im Herbst 2011 über Nacht zur Sensation, zur Attraktion, zum Stadtgespräch des Internets. Die anschwellenden Streicher, die Glockenklänge, Paukenschläge und Marschrhythmen, das Melodrama in ihrer tiefen Stimme, die im Text ausgedrückte bedingungslose Hingabe an ihren Partner und der Ernst, mit dem sie sich diese von Männern erfundene Weiblichkeit einer vergangenen Ära aneignete, darauf war die Popkultur der frühen Zehnerjahre nicht vorbereitet. Die Bereitschaft, sie zu hassen, war ungeheuer groß. Den wohl sinnlosesten Vorwurf, den ein Popstar bekommen kann, den mangelnder Authentizität, bekam sie mit einer Härte um die Ohren geknallt, die sich nur als sexistisch beschreiben lässt. An der Heftigkeit der Reaktion lässt sich vielleicht ablesen, wie erfolgreich Del Rey mit ihrer Persona der hyperdevoten Stepford-Frau den Mainstream triggerte. Sie war die schmollende, glamouröse Unterwürfige, die in ihrer makellosen amerikanischen Künstlichkeit letztlich die Künstlichkeit des amerikanischen Traums selbst aufzeigte. Aus dem Vokabular der US-Massenkultur baute sie ihren Mythos: „My pussy tastes like Pepsi-Cola/ My eyes are wide like cherry pies.“

Was fällt Ihnen heute als Erstes ein, wenn Sie an Lake Placid denken?

Camp Sunshine. Meinen Großeltern gehörte ein Ferienhaus, in dem wir im Sommer wohnten. Kate Smith wohnte da auch und sang in unserem Chor. Sie ist die Frau, die „God Bless America“ geschrieben hat. Meine Familie war ziemlich patriotisch, ich war also immer sehr stolz und glücklich, wenn wir das Motorboot nahmen und zum Ferienhaus fuhren, das nur im Sommer zugänglich war. Ich weiß noch, wie wir am ersten Tag dort die Wasserhähne aufdrehten und all die Käfer und Spinnen, die sich über den Winter dort versteckt hatten, herauskamen. Ich fand das schrecklich faszinierend. Ich erinnere mich auch noch, wie ich es mir auf der Terrasse in Kate Smiths alten Steppdecken gemütlich gemacht habe.

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?

Für meine Großeltern in meinem Wohnzimmer in Lake Placid aufzutreten. Und mit meiner Großmutter am Klavier zu sitzen und zu singen. Sie gehörte der Episkopalkirche an und ich war in der katholischen Kirche, aber wir sangen im gleichen Chor. Ich erinnere mich, wie wir Aufführungen veranstalteten, ich war die Erzählerin von „Joseph And The Amazing Technicolor Dreamcoat“ und spielte bei „Jesus Christ Superstar“ mit.

In dem neuen Song „White Dress“ singen Sie über Ihre Teenager-Zeit als Kellnerin: „Kinda

makes me feel like maybe I was better off.“ Denken Sie häufiger darüber nach, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wären Sie nicht berühmt geworden? Ja, absolut. Am wichtigsten ist mir, mich über den Tag hinweg wie dieselbe Person zu fühlen. Ich möchte kein Doppelleben führen. Ich denke häufiger, wären die Dinge etwas leichter gewesen, als ich noch ein Kind war, wäre ich wahrscheinlich auch Sängerin geworden, aber nicht auf einer Weltbühne. Die meiste Zeit versuche ich also sicherzugehen, dass mein Was-wäre-wenn-Leben mit meinem tatsächlichen Leben übereinstimmt. Es kommt alles darauf an, dass man seinem Dharma folgt!

Warum haben Sie so lange damit gewartet, so hoch zu singen wie jetzt in „White Dress“?

Ich alberte eigentlich nur herum, als ich den Refrain so ausgespuckt habe, aber dann gefiel es mir am Ende und ich hab’s so gelassen. In vielen meiner weniger bekannten Lieder habe ich aber schon ziemlich hoch gesungen.

Welchen Film haben Sie häufiger gesehen als jeden anderen?

Da muss ich „The Princess Bride“ sagen, weil das einer der wenigen Filme war, die wir ausleihen konnten, als ich noch ein Kind war.

Ist Ihnen schon einmal ein Geist begegnet?

Nein, noch nie. Ich bin aber Teil einer recht großen Gemeinschaft von Hellseherinnen. Ich glaube, die Leute verstehen langsam, dass es in dieser Welt mehr gibt als das, was wir sehen und fühlen können. Auch aufgrund meiner Beschäftigung mit Metaphysik war ich schon immer an weiblichen Heilerinnen interessiert. Es ist definitiv eine meiner Leidenschaften, alles von Pflanzenheilkunde bis zur Auflösung von Familienkarma.

Welche Elvis-Ära ist Ihre liebste? Und wenn Sie ihm eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

Ich glaube, die ganzen „Blue Hawaii“-Sachen, obwohl ich weiß, dass er da sehr unglücklich war, weil er so viele Filme drehen musste. Aber ich liebe die Lieder in diesen Filmen. Ich glaube, ich würde ihn fragen, ob er jetzt glücklich ist.

Ist Elliott Smith ein Künstler, der Ihnen wichtig ist?

Elliott Smith war mir extrem wichtig zwischen 18 und 25. Vorher hatte ich noch nie Musik wie seine gehört. Gerade als ich ihn richtig entdeckt hatte, brachte er sich um. Ich kann mich noch erinnern, wie ich in der Auffahrt meiner Großeltern ankam und im Radio von seinem Tod erfuhr, und wie ich dann in Tränen ausbrach, weil ich es einfach nicht verstehen konnte. Das einzige andere Mal, als ich so reagiert habe, war, als ich von Kurt Cobains Tod erfahren habe. Ich versuche Elliotts Musik nicht mehr zu hören, weil sie mich ziemlich triggert.

„Dark But Just A Game“ ist ein besonders bewegendes Lied. Wie ist es entstanden?

Ich war auf einer Party bei (Manager und Investor) Guy Oseary. Es war eine Party mit besonders vielen Stars. Jack (Antonoff) war auch da, und ich musste darüber lachen, wie verrückt es ist, dass diese ganzen Stars, die da waren, so verschiedene Phasen durchgemacht haben. Ich habe Jack angeguckt und meinte zu ihm: „Ich glaube nicht, dass ich mich jemals ändern werde.“ Woraufhin er sagte: „Gut.“

Es ist düster, aber nur ein Spiel

„Chemtrails Over The Country Club“ besteht aus elf Songs, läuft eine Dreiviertelstunde und ist damit Del Reys kürzestes Album. In der Vergangenheit wurde ihr manchmal die Wiederholung zur Gefahr, das Verharren auf einem Vibe, aber hier hält sie die Aufmerksamkeit die ganze Zeit. „Dark But Just A Game“, der beste Song des Albums und vielleicht ihr bester Song überhaupt, nimmt unerwartete Wendungen, verwandelt sich von einem TripHop-Stück zu einer Elliott-Smith-haften Elegie, bewegt sich von einem basslastigen Shaker-Beat zu einer düster absteigenden Akkordfolge und mündet in ein Klavier-und-Streicher-Crescendo von dramatischer Dringlichkeit. Es ist düster, aber nur ein Spiel, singt sie. Der Blick der Existenzialistin. Sie meint den Ruhm und sie meint das Leben, denn für sie ist es das Gleiche. Glamouröse Biografien enden als Tragödie, der Ruhm hat seinen Preis, „a tale as old as time“, aber vielleicht, deutet sie an, ist sie die Ausnahme von der Regel – und widerlegt sich schon in der nächsten Zeile: „Pretty little fool.“ Ausbruchsfantasien ziehen sich durch ihre Texte, die Flucht aufs Land, die Flucht in die Anonymität, auch die Flucht in den Rausch. „Was würdest du tun, wenn ich aufhöre zu singen?“, fragt Lana Del Rey an einem Punkt, und sie singt die Frage. Es ist düster, aber nur ein Spiel.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der April-Ausgabe des ROLLING STONE