Lehmanns Beschwerden

Vor genau drei Jahren gelang Sven Regener der große Coup: Sein Roman „Herr Lehmann" verkaufte sich eine Million mal, die Verfilmung folgte umgehend. Jetzt hat der hauptberufliche Sänger die Story des schluffigen Helden weitergeschrieben. "Neue Vahr Süd" geht allerdings in Lehmanns Vergangenheit zurück: Der 20-jährige Protagonist muss zur Bundeswehr, und der Leser darf mit ihm leiden - und noch mehr über ihn lachen.

Sven Regener sitzt in einer ruhigen Ecke des lauschigen „Cafe Einstein“ in Berlin und redet. Den ganzen Tag lang. Stoff hat er genug: Gerade ist sein neues Buch fertig, das immerhin fast 600 Seiten hat. Und sein eigenes Leben war in letzter Zeit auch nicht gerade ereignislos. Regener trägt ein James-Last-Hemd, es war „das letzte Polo-Shirt, das noch sauber war“. Fast alle T-Shirts seien ihm momentan zu eng, bemerkt er mit dem typischen, sympathischen Spott, der auch vor ihm selbst nicht Halt macht. Aber James Last? „Das ist ein großer Bremer!“, bollert er los, als fürchtete er Blasphemie. „Wer vor James Last keinen Respekt hat, der hat vor nichts Respekt. Der ist wirklich cool – und der erfolgreichste deutsche Musiker aller Zeiten. Dagegen kann Dieter Bohlen dreimal kacken gehen, das ist einfach so.“ Womit das geklärt wäre. Was immer noch zu klären ist: Wie hat Sven Regener es eigentlich geschafft, in kürzester Zeit vom Sänger der schönsten deutschen Band Element Of Crime zum Bestseller-Autor zu werden? Was ist sein Geheimnis? Ein Versuch, den Erfolg zu erklären – in zehn kleinen Schritten.

1. KEINE ANGST VOR GROSSEN PLÄNEN

Vom seinem Debütroman „Herr Lehmann“ hat Regener seit 2001 eine Million Exemplare verkauft. Im Nachhinein wundert es einen also nicht, dass er in „Neue Vahr Süd“ (Eichborn Verlag) die Geschichte dieses Protagonisten weiterspinnt Aber war das von Anfang an so geplant oder kam die Idee erst nach dem Durchbruch? Regener sieht das pragmatisch, wie es nun mal seine Art ist: „Nach dem Erfolg war jedenfalls klar, dass man’s weitermachen kann, weil man noch mal einen Verleger finden würde. Aber im Grunde genommen war es von vorneherein so geplant, es gibt ja bei ,Herr Lehmann‘ schon ein paar Spuren. Die ganze Sache ist auf drei Bücher angelegt, von denen ‚Herr Lehmann‘ das dritte ist und ‚Neue Vahr Süd‘ das erste.“

Regener blickt also nicht in die Zukunft von Herrn Lehmann, sondern neun Jahre zurück. Wir schreiben das Jahr 1980, Lehmann ist gerade 20, mit der Lehre fertig und auf dem Sprung zur Bundeswehr. „Ich denke seit 13 Jahren über alle drei Bücher immer mal wieder nach, seit ,Herr Lehmann‘ natürlich noch viel mehr. Man muss ja auch alles abgleichen. Wenn man hinten einen Fehler macht, haut es vorne nicht mehr hin.“ Er wollte erst mal sehen, ob er das hinbekommt, und nicht sofort mit der Idee der drei Bücher rausrücken. „Ich konnte natürlich nicht gleich damit kommen, dass ich eine Trilogie vorhabe. Man macht sich ja ziemlich lächerlich, wenn man vom dritten Band spricht und mit den anderen beiden nie überkommt Man will ja nicht Ankündigungsweltmeister sein, also habe ich den Deckel draufgehalten.“

2. DEM ERFOLG ENTKOMMEN

Dass „Herr Lehmann“, diese Geschichte eines eher ambitionslosen Barkeepers in Berlin, dermaßen einschlug, hat Regener kalt erwischt. Unter Druck setzen ließ er sich davon nicht. „Mit dem Erfolg ist das ja eine ganz komische Sache. Wenn man keinen hat, ist man unfrei, weil man Geld braucht und so, man will ja davon leben. Wenn man Erfolg hat, macht einen das unfrei, weil man so einen großen Druck verspürt. Das ist eine Falle. Diesen Teufelskreis muss man aufbrechen. Erstens: Man hatte jetzt einen kleinen Lottogewinn, braucht also erst mal nicht unbedingt Geld zu verdienen. Zweitens: Das andere muss man einfach ignorieren, zumindest solange man das Buch schreibt. Es nützt nichts, über den Erfolg nachzudenken. Ich weiß ja nicht, woher er kam, und ich glaube auch nicht, dass er sich so einfach wiederholen lässt Man darf sich nicht beirren lassen – weder von Erfolg noch von Misserfolg. Oje, mein Buch über den Typen in Kreuzberg hat nicht funktioniert, also schreibe ich mal einen Jerry Cotton…“

Man macht lieber einfach so weiter, wie man es sowieso wollte. „Herr Lehmann“ war eben ein unterhaltsames Buch, es kam zur richtigen Zeit, der Held hatte einen gewissen Charme – so erklärt sich Regener die irren Verkaufszahlen. Und außerdem wurde es von vielen Männern gekauft, die Lehmann heißen. Oder sie bekamen es von äußerst pfiffigen Freunden geschenkt. Könnte er sich noch mal entscheiden, er würde das Buch jetzt „Herr Müller“, „Herr Meier“ oder „Herr Schmidt“ nennen.

3. DAS RAMPENLICHT DIMMEN

Man weiß eigentlich recht wenig über Herrn Regener. Er ist 1961 in Bremen geboren, singt und trompetet seit 1985 bei Element Of Crime und wohnt schon lange in Berlin. Viel mehr Informationen braucht man nicht findet er. „Ich will überhaupt nicht bekannt sein. Manche Leute glaube ja sogar, ich wäre Herr Lehmann, aber zum Glück ist das nicht so.“ Den Wohnort haben sie gemein – und natürlich auch die Sprache -, aber das war’s. Der Lehmann sei ihm „zugelaufen“, behauptet Regener lächelnd, und die Ideen für die Geschichten entstehen durch diese Kunstfigur. Ein Zugeständnis macht er dann aber doch: „Man schickt ihn natürlich durch Sachen, von denen man was versteht. Ich kann ihn nicht Anfang der 80er Jahre durch Bielefeld stolpern lassen, davon habe ich keine Ahnung. Ich weiß gar nicht, was dort damals so lief. Das geht nicht, da macht man sich noch Feinde. Ich bin ja kein Fantasy-Autor. Die Handlung denke ich mir gerne aus und die Personen, aber die Städte auch noch? Was soll das, so’n Quatsch – bloß damit man nicht verwechselt wird mit dem.“

Notfalls schluckt man halt den sauren Apfel und wird mit Lehmann verwechselt Ist ja immerhin kein Unsympath. Regener wird jedenfalls einen Teufel tun und deshalb in jede Talkshow rennen, um sich zu erklären. Er sitzt einmal bei „3 nach 9“ („Ich bin nun mal Bremer“), und das war’s. „Es schmeichelt dem Ego nicht, wenn man nur prominent ist,“ findet er. Wenn schon, muss man wenigstens aus den richtigen Gründen berühmt sein.

4. DIE FIGUREN LEBEN LASSEN

Sven Regener beschreibt seine Helden nicht – er erwähnt keine Haarfarben, Nasen, Staturen, „das gibt mir nichts“. Alle werden durch ihr Reden lebendig – aber wie! Diesmal ist das Personal etwas derber als beim Debüt; in Bremen geht es eben bodenständiger zu. Am köstlichsten ist Harry getroffen, ein arbeitsloser Raufbold, der immer schimpft und trinkt „Harry ist mir zugelaufen, den hatte ich zuerst gar nicht auf dem Zettel, aber ohne ihn wäre es später schwer geworden. Ich glaube, das ist ein ganz großer Bringer, Und man kann auch kein Buch namens „Neue Vahr Süd‘ schreiben, ohne jemanden wie Harry da drin zu haben. Da kann man nicht nur die kaputten K-Gruppen-Freaks haben, sonst ist das nichts.“

Regener muss selbst lachen, wenn über Harry redet – das ist ein gutes Zeichen. Er ist sehr kritisch, was die Figuren angeht Bei den Eltern von Lehmann war er sich anfangs nicht sicher, ob sie nicht zu verspießert wirken. „Die haben was Klischeehaftes, aber das finde ich nicht so schlimm. Durch das Überzeichnete überraschen sie einen dann am Ende mehr.“ Auch solche Protagonisten muss es geben, manchmal braucht man leuchtende Farben statt Pastelltönen.

Ein kleines Problem stellt sich bei „Neue Vahr Süd“ natürlich: Die vielen Menschen, die Leander Haußmanns Version von „Herr Lehmann“ im Kino gesehen haben, werden Lehmann jetzt ein ganz bestimmtes Gesicht zuschreiben. Und das ist Regener gar nicht so unrecht: „Mir ist es viel, viel lieber, wenn die Leute sich Christian Ulmen vorstellen als mich. Das kann ein fataler Nebeneffekt sein, das macht einen so unfrei. Man traut sich schon gar nicht mehr, was Fieses zu schreiben, weil es auf einen selbst bezogen wird.“

Die Verfilmung hat ihm übrigens gefallen. Wirklich! „Das ist ein guter Film. Wenn man überhaupt Literaturverfilmungen macht, dann bitte so. Die zweite Hälfte ist super – Thomas Brussig als Zöllner, Christoph Waltz als Arzt. Der Mauerfall am Ende, den hätte ich nicht haben wollen. Aber es ist ja nicht mein Film, sondern der von Leander. Das war schon die richtige Wahl.“ Immerhin gab es für Regeners Drehbuch auch den „Deutschen Filmpreis“, das erwähnt er gar nicht.

5. EXTREMSITUATIONEN SUCHEN

Das Überraschendste an „Neue Vahr Süd“, der große Unterschied zu „Herr Lehmann“ ist die Lage, in der diesmal der Hauptdarsteller steckt Er wurstelt nicht einfach vor sich hin, er muss zur Bundeswehr. Und die heftigen Bedingungen dort beschreibt Regener zwar mit viel Witz und Ironie, aber er scheut auch nicht vor einer deutlichen Beschreibung des Grauens und der Verzweiflung zurück. „Diese Wehrpflichtsituation – näher kommt man als Einwohner eines demokratischen Landes an Sklaverei nicht ran. Ich hatte beim Schreiben keine besonderen Absichten, ich muss mir auch nichts von der Seele schreiben, aber es gibt daran auch nichts zu beschönigen. Es ist eine sehr extreme Lebenssituation.“

Wenn man nicht gerade lachen darf, muss man mit dem armen Stift einfach mitleiden. Da versucht Frank Lehmann, sich vorzustellen, wie 455 Tage beim Bund aussehen würden. 455 Tage! Und am Wochenende, wenn er Ausgang hat, kommt ihm die Kasernenzeit vor „wie ein Alptraum, dessen Einzelheiten nach dem Erwachen ganz schnell verblassen, so dass nur ein allgemeines Gefühl der Bedrückung und des Schreckens bleibt“. Regener berichtet von der „Heimschlaferlaubnis“ und den „Grünzeugkarten“, und man merkt schnell, dass er das alles selbst erlebt haben muss. Er bestätigt: „Ich war bei der Bundeswehr. Aber ich war selber eher so ein K-Gruppen-Mann. Ich war im KBW von ’76 bis ’78 und bin zur Bundeswehr gegangen, um dort politisch zu arbeiten. So einer wie dieser Achim war ich! Als ich dann nach einem halben Jahr den KBW verließ, habe ich auch die Bundeswehr verlassen, über so eine Verweigerungsverhandlung. Ich bin durchgekommen.“

Auch das kommt im Roman vor. „Dieser Achim“ ist übrigens ein Bekannter Lehmanns, der immer klug daherredet und doch nicht gewiefter ist als die anderen. Regener referiert noch ein bisschen über die Figuren und wie man es tatsächlich schaffen kann, nachträglich zu verweigern (man muss nur schauspielern können). Dass viele, gerade jüngere Leser höchstwahrscheinlich gar nicht wissen, was der Kommunistische Bund Westdeutschland war, kratzt ihn nicht. Zu der Zeit, in der sein Roman spielt, musste man Begriffe wie KBW oder K-Gruppen nicht erklären. Also tut Regener das auch nicht.

Dann fallt ihm was ganz anderes ein: „Leander macht gerade einen Film über die NVA. Ich glaube, da war es viel schlimmer als bei der Bundeswehr, da muss man sich nichts vormachen. Die durften monatelang nicht nach Hause, nicht mal am Wochenende. Die mussten in der Öffentlichkeit ihre Uniform tragen. Bei uns war Freitagmittag Schluss, tschüss. Das klingt vergleichsweise harmlos, aber weil wir relativ liberal in einer freien Gesellschaft aufgewachsen sind, war der Schock viel größer, man war nicht darauf vorbereitet Auf diese Armee, die Befehle, das Anschreien.“

Wie Lehmann schließlich entkommt, soll hier nicht verraten werden. Natürlich gibt es am Schluss wieder den großen Knall, „das alte Western-Motiv: Alle sind tot, der Held reitet aus der Stadt“. Ein bisschen übertrieben jetzt, aber es stimmt schon: „Am Ende gibt’s noch mal auf die Zwölf.“

6. DAS SETTING STUDIEREN

Wer in den 80er Jahren aufgewachsen ist oder zumindest noch ein bisschen jung war, wird sich dem fast nostalgischen Charme von „Neue Vahr Süd“ schwer entziehen können. Da taucht so vieles auf, was einen heute zunächst überrascht, weil es einem gar nicht mehr vertraut ist. Aber dann erinnert man sich daran, dass das damals ja alles ganz normal war. Da gab es „K-Gruppen“, die glaubten, die Welt oder wenigstens Deutschland verändern zu können. In jugoslawischen Restaurants wurden riesige Grillplatten serviert, und in Bremen gab es Kneipen, die „Vahraonenkeller“ heißen.

Die Vahr wuchs indes vom Dorf zum Neubauviertel heran, und obwohl Regener mit 16 von zu Hause ausgezogen war, machte er noch dort Abitur – und hat zum Glück nicht vergessen, wie es damals aussah: „Ich habe ein sehr, sehr gutes Gedächtnis. Ganz kleine architektonische Sachen musste ich nachkorrigieren, aber das Meiste wusste ich noch genau.“ So wirken seine Kulissen nie gekünstelt, besonders die Kneipen nicht. Man kann Kneipen nur so liebevoll beschreiben, wenn man oft drin gesessen hat. Und wenn man sich erst mal daran erinnert hat, wie man dort die Abende vergammelt hat, dann kommt alles weitere fast von selbst „Man erinnert sich dann auch wieder an die Stimmung. Es kommt ja darauf an, sich in jemanden hineinzuversetzten, der 20, 21 ist Was kommt einem da von der erwachsenen Welt entgegen, wie reagiert man.“

Regener liebt dieses „virtuelle Spiel“, bei dem man wie derjenige denken muss, den man durch die Gegend treibt Eine kleine Liebesgeschichte braucht es da natürlich auch. „Man kann ja nicht über einen 20-Jährigen ein Buch schreiben, ohne dass sowas kommt Viele Motive für das, was man tut, hängen ja mit Frauen zusammen. Sonst ist ja nicht viel los.“ Allerdings ist Lehmann in dieser Hinsicht eher vorsichtig, er lässt keinen zu nahe an sich heran. Das könnte ja gefährlich werden! Selbst gute Freunde nennt er in Gedanken schon mal „alten Kram“.

7. LIEBER NOCH MAL DRÜBERGEHEN

Im Element Of Crime-Song „Alle vier Minuten“ hat Regener mal gesungen: „Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg.“ Und daran hält er sich auch. Er überarbeitet alles fünfmal, streicht vieles raus, beschreibt anderes noch genauer, entfernt Fehler. „Ganz penibel“ ist er da. Manchmal kann das schon anstrengend werden, aber ein Bestseller kommt einem halt nicht zugeflogen. Regener will sich bestimmt nicht beschweren, aber manchmal muss er sich schon zusammenreißen, um nicht den Faden zu verlieren: „Man weiß ja gar nicht, wann das Schreiben aufhört und das Überarbeiten anfängt. Schon in dem Moment, wo man einen Satz geschrieben hat, kann man anfangen umzustellen, und nach jedem Kapitel überarbeitet man es gleich wieder.“

Er vergleicht das gern mit der Arbeit eines Maurers: Zuerst legt man die großen Platten, plant das Gerüst und die Durchbrüche, dann erst kann man wie ein Restaurator alles verschönern und aufpolieren. Das macht dann auch mehr Spaß. Gut, dass es Computer gibt – mit Ausschneide-, Kopier- und Lösch-Befehlen. Die werden schonungslos benutzt. Bei 47 Kapiteln muss man recht lange ackern, aber Regener hat sich etwas überlegt, damit die Arbeit nicht zu öde wird: „Ich simuliere eine Groschenheft-Situation, indem ich aus dem Buch einen Fortsetzungsroman mache. Immer, wenn ich ein Kapitel fertig habe, gibt es drei, vier Leute, an die ich das schicke. Dann will ich einfach nur hören, ob sie noch wissen wollen, wie es weitergeht, oder ob es schon langweilig ist. Es ist interessant, wie die Leute reagieren. Aber eigentlich will ich gar nichts hören. Man will es nur jemandem gezeigt haben, ohne dass es einen Aufschrei des Entsetzens gab.“

Regener weiß, dass ein 600-Seiten-Wälzer die ganze Aufmerksamkeit des Lesers fordert – und er ihnen dafür etwas schuldig ist: „Es ist wahnsinnig viel verlangt von einem Menschen, sich durch so einen fetten Ziegelstein durch zu wälzen, sich darauf einzulassen. Dann muss man es den Leuten schon spannend machen. Man kann ihnen auch mal was zumuten, dass sie über eine Klippe drüber müssen, aber das muss sich schon lohnen.“ In Sachen Sprache hält er es genauso: „Lange Sätze müssen einen Sinn haben – der Lehmann denkt eben manchmal ohne Punkt und Komma. Ich will die Leute aber nicht ohne Grund schurigeln. Das soll jetzt kein allgemein verbindliches poetisches Credo sein, aber das ist mein Ansatz.“

8. JETZT BLOSS NICHT FAUL WERDEN

All die Sätze müssen natürlich erst mal aufs Papier gebracht werden, bevor man sie kürzen kann. Schreibblockaden kennt Regener nicht. Wenn er sich erst einmal hinsetzt, läuft es auch. „Ich komme nur durch meine unendliche Faulheit ins Stocken. Ich zögere den Moment, bis ich anfange zu schreiben, immer weiter hinaus – und denke noch länger darüber nach. Irgendwann muss man sich zwingen.“

Auch wenn man schon weiß, dass man am Ende nicht zufrieden sein wird. Daran darf man gar nicht denken. „Das Schlimmste ist der Anfang des Kapitels. Man will gar nicht. Man stellt es sich auch immer besser vor, als es am Ende wird. Man hat Angst davor.“ Und tut es dann doch. Genau das ist der Unterschied zwischen Regener und all den Leuten, die angeblich Romane im Schreibtisch liegen haben und immer behaupten, das könnten sie doch viel besser als dieser oder jener Autor: Regener hat es einfach gemacht.

9. DEN PERFEKTIONISMUS IM ZAUM HALTEN

„Etwas ganz gut zu machen, ist ein Scheiß, das ist Zeitverschwendung.“ Sagt Lehmann, findet aber auch Regener – wenngleich er mit den Jahren milder geworden ist: „Ich bin nicht so fanatisch, so extrem. Ich bin ja mittlerweile schon ganz froh, wenn die Leute etwas ganz gut machen. Das Wichtige ist aber, dass man etwas gern macht. Dass man Feuer fängt und weiß: Das ist es, was ich mit meinem Leben machen möchte. Der Moment muss kommen.“

Wer Regeners Lyrik bei Element Of Crime schätzt, das Romantische und so Poetische, der wird sich vielleicht wundern, dass seine Prosa so – äh – prosaisch ist. Eher rustikal, was die Sprache der Protagonisten betrifft, während die Handlung bei aller Zuspitzung ziemlich realitätsnah bleibt Aber das Zärtliche, Fiebrige in der Elements-Musik mag Regener nicht mit dem Bodenständigen seiner Bücher vergleichen. „Musik ist Musik, und ohne Musik kann man nicht leben. Ich vermisse das beim Bücherschreiben nicht-ich vermisse ja auch beim Mittagessen nicht das Musikmachen. Das ist halt eine andere Beschäftigung. Wenn ich lieber Musik machen will, stehe ich eben auf und nehme mir eine Gitarre oder gehe Trompete üben oder träller was vor mich hin. Das hier ist eben Prosa.“

Er überlegt kurz, sieht dann aber doch eine Verbindung: „Ich glaube, auch da gibt es eine musikalische Komponente. Der Klang ist ganz entscheidend. Das merkt man, wenn man das dann für ein Hörbuch einliest Der Rhythmus, der Sound muss stimmen. Es gibt ja auch ganz unattraktive, hässliche Wörter, die man nie benutzen würde.“ Das Hörbuch „Neue Vahr Süd“ (Tacheles/Indigo) hat er schon aufgenommen. Fast 14 Stunden auf zwölf CDs sind es geworden.

10. DAS EIGENE LEBEN NICHT VERGESSEN

Als nächstes folgt die Lesereise. Regener liest jetzt im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse, im Januar dann in diversen Städten (Termine unter www. roofmusic.de). Nebenbei arbeitet er mit Element Of Crime an neuen Songs und will auch mal wieder ein Album aufnehmen. Einen Zeitplan gibt es allerdings nicht „Man will wenigstens die Illusion haben, dass man noch in den Tag hineinleben kann“, seufzt Regener.

Die anderen Elements-Kollegen saßen zwischenzeitlich natürlich auch nicht tatenlos rum – Gitarrist Jakob Ilja gehört zu den 17 Hippies und schrieb im vergangenen Jahr die Filmmusik zu „Narren“, Schlagzeuger Richard Pappik nennt sich neuerdings „Bongogott“ und bringt dieser Tage sein erstes Soloalbum „Oh Du Fröhlicher“ heraus. Nachdem Christian Hartje vor zwei Jahren die Band verließ, spielt nun David Young den Bass, aber sonst hat sich nicht viel verändert: Alle sind sich einig, dass „diese Gruppe fröhlich „überalternder Schwermutrocker“ das Wichtigste ist, daran ändert kein Bestseller irgendetwas: „Die Elements sind schon die größte Sache für uns. Auch für mich, auf jeden Fall. Musik ist mein Leben.“

Im ZDF kommen Regeners Wirkungsbereiche gerade auf lustige Weise zusammen: Die Takte, die Elke Heidenreichs Sendung „Lesen!“ einleiten, stammen vom Element Of Crime-Lied „Mehr als sie erlaubt“. Regener hat sich über die Wahl nicht gewundert: „Die mag das gerne, da haben sie einfach ein paar Takte geloopt. Die Leute, die die Elements kennen und mögen, sitzen eben überall.“ An der Aktion „Das große Lesen“, in der 250 000 Deutschen ihr Lieblingsbuch gewählt haben, hätte er sich aber ungern beteiligt „Ich weiß nicht, welches mir am meisten am Herzen liegt. Du kannst ja manches unmöglich gegeneinander ausspielen -‚Der Spion, der aus der Kälte kam‘ gegen den ‚Radetzkymarsch‘ oder ‚Die Grasharfe‘ oder ‚Mommsens Römische Geschichte‘. Das kann man nicht machen.“

Und wenn kein „Herr Lehmann“ in der Liste auftaucht, ist ihm das natürlich auch wurscht. Er hat wirklich wichtigere Dinge im Kopf.

Abonniere unseren Newsletter
Verpasse keine Updates