Live-Nation-CEO unter Beschuss: „Horrende“ Gebühren und abgezockte Fans
Michael Rapino wies im Zeugenstand den Vorwurf zurück, ein Monopol im Live-Entertainment zu führen – sein Unternehmen baue nur eine bessere Mausefalle.
Live-Nation-CEO Michael Rapino musste sich am Donnerstag im Kartellprozess gegen den Live-Entertainment-Riesen zu allem Möglichen äußern – von Liegestuhlpreisen bis hin zu Vergeltungsvorwürfen.
Im Zeugenstand sah sich Rapino mit Fragen zum Geschäftsmodell von Live Nation und Ticketmaster sowie zur Marktdominanz des Konzerns konfrontiert. Jeffrey Kessler, der Anwalt der klagenden Bundesstaaten, wollte das Unternehmen als unangefochtene Macht darstellen, die die Live-Entertainment-Branche nach Belieben formt – und griff dafür auf Rapinos eigene Aussagen aus einer Anhörung von 2019 zurück, in der der CEO erklärt hatte, das Unternehmen habe „einen unglaublichen Graben rund um die Burg von Live Nation gebaut“.
Rapino wies Kesslers Behauptung zurück, dies habe irgendetwas mit langfristigen Exklusivverträgen zu tun, die Konkurrenten im Ticketing- und Promotionsbereich ausgesperrt hätten. Er bestand darauf, das Unternehmen versuche – wie jedes andere Unternehmen auch – lediglich, „eine bessere Mausefalle zu bauen“. Und ihr Geschäftsmodell, das Ticketing, Promotions und Venue-Besitz umfasst, unterscheide sich nicht von dem der Konkurrenz.
Fans „blind ausgeraubt“
Der Verhandlungstag bot mehrere bemerkenswerte Wortgefechte, darunter eines über den bislang explosivsten Fund des Prozesses: eine Reihe von Nachrichten zweier Live-Nation-Mitarbeiter, die damit prahlten, Fans mit hohen Parkgebühren „blind auszurauben“ und „sie auszunehmen“. Rapino distanzierte sich von den Nachrichten zwischen Ben Baker und Jeff Weinhold und bezeichnete sie als „widerlich“ und „nicht die Art, wie wir arbeiten“. (Auf die Frage, ob Baker bereits disziplinarisch belangt worden sei, antwortete Rapino mit Nein – er werde sich „diese Woche darum kümmern“.)
Kessler fragte Rapino anschließend, ob er Preiserhöhungen und Gebühren dieser Art befürworte. Rapino sagte, solche Entscheidungen würden in der Regel den Bereichsleitern überlassen, wies aber darauf hin, dass Amphitheater auf Nebeneinnahmen angewiesen seien, weil ein Großteil des Ticketpreises an die Künstler gehe.
Kurz darauf wurde Rapino zu einer weiteren Einnahmequelle befragt: den sieben Millionen Dollar, die Live Nation durch Liegestuhlverleih einnahm, nachdem 12 seiner Amphitheater Fans verboten hatten, eigene Stühle mitzubringen. Rapino sagte, externe Stühle seien aus Sicherheitsgründen untersagt, und hielt die zusätzliche Leihgebühr von 15 Dollar nicht für „horrend“ – wie Kessler es formuliert hatte.
Künstlerfreiheit und Ticketing-Kontrolle
Eines von Kesslers zentralen Themen war „Wahlfreiheit“ – und die Frage, ob Live Nation Künstlern und Venues wirklich Spielraum beim Ticketing und bei Promotions lässt. Auf die Frage nach einer Reihe von Radio-Disney-Shows, die Live-Nation-Venues ohne dessen Promotions-Dienste nutzen wollten, sagte Rapino, das Unternehmen habe das nicht gestattet, weil er keinen Präzedenzfall schaffen wollte.
Kessler befragte Rapino außerdem zu einer Änderung einer Ticketmaster-Richtlinie, die Künstlern erlaubte, acht Prozent ihrer Tickets über Fan-Clubs zu verkaufen. Rapino erklärte, man habe die Regel „angepasst“, um sicherzustellen, dass Künstler keinen anderen Ticketanbieter nutzten – und behauptete, einige Konkurrenzunternehmen hätten sich als Fan-Clubs getarnt.
In einem konkreten Fall räumte Rapino ein, dass Live Nation Paul McCartney nicht erlaubt habe, Fan-Club-Tickets über SongKick zu verkaufen, eine Plattform zur Konzertsuche. „Wir lassen keine Ticketunternehmen an Tickets ran, die wir erworben haben“, sagte er. Und als Kessler nachhakte, warum Adele keine Tickets direkt an ihre Fans verkaufen durfte – obwohl sie angeboten hatte, die Gebühren selbst zu übernehmen –, antwortete der CEO: „Wir haben Adele nicht Nein gesagt. Wir haben dem Ticketunternehmen Nein gesagt.“
Milliardäre und Drohungen
Beim Thema Venues und Ticketanbieter bestritt Rapino, dass Live Nation die Wahlmöglichkeiten von Venue-Betreibern einschränke. Er wehrte sich gegen die Behauptung, Live Nation dränge Venues durch die Androhung, ihnen Konzerte zu entziehen, in Exklusivverträge mit Ticketmaster. Solche Vorwürfe kenne er, sagte Rapino, doch er bestand darauf: „Das tun wir nicht.“ Außerdem zögen Venue-Betreiber langfristige Verträge vor – und er habe ohnehin wenig Einfluss auf die Milliardäre, denen die Sportstätten und Arenen gehören, in denen Live Nation Konzerte veranstaltet und Ticketmaster zum Einsatz kommt.
„Ich sage dem Milliardär nicht, was er mit seiner Venue zu tun hat“, sagte Rapino. „Er sagt es mir.“
Auch wenn die Auseinandersetzungen zwischen Kessler und Rapino oft hitzig waren, sorgten ein paar skurrile Momente für etwas Auflockerung. Mehrfach redete Rapino versehentlich weiter, obwohl sein eigener Anwalt gerade Einspruch gegen Kesslers Fragen erhoben hatte. In einem Fall ging es darum, ob Rapino einem Konkurrenten gesagt habe, der Kauf eines Clubs in New York City werde ihr Verhältnis belasten. Live Nations Anwalt erhob Einspruch, der Richter gab ihm statt – doch Rapino antwortete trotzdem: „Ja.“ Unter dem Gelächter im Saal bezeichnete der CEO das als „Gratisantwort“.
Live Nation als Freund der Künstler
Im Kreuzverhör hatte Rapino natürlich deutlich mehr Gelegenheit, den Fall seines Unternehmens darzulegen. Er zeichnete das Bild von Live Nation als Freund der Künstler, das eine vor zwei Jahrzehnten noch „zersplitterte“ Branche zusammengeführt und „zu einem sehr globalen, attraktiven Geschäft für Künstler gemacht“ habe. Mit Verweis auf die 15 Milliarden Dollar, die Live Nation 2025 an Künstler ausgezahlt habe, argumentierte Rapino, das Unternehmen brauche die anderen Geschäftsbereiche – die die Bundesstaaten als Kern des Monopols betrachten –, um die Risiken einer Show abzufedern und Gewinne zu erzielen.
Im Zeugenstand hatte Rapino auch die Gelegenheit, eines der zentralen Beweisstücke der Kläger zu entkräften: ein umstrittenes Telefonat aus dem Jahr 2021 zwischen ihm und John Abbamondi, dem damaligen Leiter des Barclays Center in Brooklyn, nachdem das Venue von Ticketmaster zu SeatGeek gewechselt hatte. Während des Gesprächs sagte Rapino zu Abbamondi, es werde „eine schwierige Zeit, Tickets oder Konzerte zu liefern, mit einem neuen Konkurrenten in der Stadt, unabhängig vom Ticketing“. Abbamondi hatte zuvor ausgesagt, er habe das als „mehr oder weniger unverhüllte Drohung“ verstanden, dass es schwierig werden würde, Konzerte ins Barclays Center zu bringen.
Am Donnerstag wies Rapino das im Zeugenstand zurück. Er habe Abbamondi lediglich daran erinnern wollen, dass im Großraum New York ohnehin mehr Konkurrenz um Konzerte entstehe – durch die Eröffnung einer neuen Venue auf Long Island. Außerdem habe Abbamondi selbst Live Nation und das Promotions-Geschäft in ein Gespräch gebracht, das eigentlich nur ums Ticketing gegangen sei. Dieses Manöver mache es „offensichtlich“, was Abbamondi vorhatte: eine „Falle“.
„Wilde E-Mails“ eingeräumt
Als Kessler im abschließenden Redirect die Möglichkeit bekam, Rapino ein letztes Mal zu befragen, eröffnete er mit einer Reihe von Fragen dazu, ob Rapino wisse, dass Live-Nation-Manager Venues gedroht hätten, die nicht Ticketmaster nutzten. Rapino antwortete: „Ich weiß, dass einige dieser E-Mails existieren“ – und fügte hinzu, es habe „ein paar wilde E-Mails“ gegeben.