Manic Street Preachers: Des Dichters Vermächtnis


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Winter 1994. Seit Wochen hinterlassen die im Stile irischer Paramilitärs gewandeten Manic Street Preachers eine Spur der Verwüstung: zerstörtes Mobiliar, öffentliche Anfeindungen, ein derangierter Richey Edwards- die England-Tournee zum Album „The Holy Bible“ droht aus dem Ruder zu laufen. Eines Abends zieht Edwards Nicky Wire zur Seite und überreicht ihm mit bedeutungsvoller Geste eine zerfledderte Mappe mit unzähligen Texten und Skizzen- sein kompletter Output der letzten Monate. Wire wirft einen flüchtigen Blick in die ungeordneten Kladden und verspricht dem alten Freund, gut auf sie zu achten. Wenige Wochen später verschwindet Richard James Edwards.

„Wie oft ich seitdem über diese Szene nachgedacht habe!“, seufzt Wire an einem milden Frühlingstag im Hotel Bayerischer Hof zu München. Nicht zuletzt habe er sich Vorwürfe gemacht, denn „natürlich kann man das im Nachhinein als ein deutliches Zeichen deuten. Nur: Es war absolut nicht ungewöhnlich, dass Richey uns seine Arbeit anvertraute.“ Wie im Rausch habe der Gitarrist stets nächtelang gearbeitet, für die Feinheiten waren die Anderen zuständig.

Zwei Wochen nach seinem Verschwinden wurde das verlassene Auto des Gitarristen in der Nähe einer bei Selbstmördern beliebten Brücke gefunden. In den Jahren danach wurde er zwar angeblich mehrfach an obskuren Orten gesichtet- das Elvis-Phänomen – am wahrscheinlichsten ist aber, dass sich der Plath-Jünger, Misanthrop, Nihilist, Cut-Up-Vielschreiber und manische Straßenprediger das Leben nahm.

Jene geheimnisvolle Mappe indes lagerte Wire all die Jahre in seinem Schreibtisch- bis heute. „Von Zeit zu Zeit habe ich einen Blick hineingeworfen, aber das Material zu nutzen, kam uns bislang nie in den Sinn.“ Wire spricht über „Journal For Plague Lovers“, jenes Werk, in das die letzten Zeilen Edwards‘ nun Eingang gefunden haben- des Dichter Vermächtnis, wenn man so will.

Dass die verbliebenen Manics die als Fortsetzung zu „Holy Bible“ konzipierte Arbeit- wieder gibt es Filmdialoge zwischen den Songs, ist alles roh und prägnant geraten, stammt das Artwork von Jenny Saville- ausgerechnet angingen, nachdem der bis heute in Foren und Verschwörungszirkeln kultisch verehrte Edwards am 28. November 2008 endgültig für Tod erklärt wurde – reiner Zufall, wie Wire beteuert.

„Das war nur ein bürokratischer Vorgang, allenfalls für Richeys Eltern von Bedeutung.“ Diese hätten so endlich einen Schlussstrich ziehen können, die zunehmend geringer werdende Hoffnung auf die Wiederkehr des Sohnes habe in Verbindung mit den vielen öffentlichen Spekulationen und Verschwörungstheorien zuletzt arg am Nervenkostüm der älteren Herrschaften gezehrt. Aus Pietätsgründen habe man nun sämtliche Schritte in der Bearbeitung der Texte mit den Eltern koordiniert.

Edwards‘ nahezu unveränderte Textwüsten ins Versmaß der atemlosen Dreiminüter zu pressen, die Bradfield mit Cousin Sean Moore für das Werk komponierte, erwies sich als die größte Herausforderung. Dass sie gemeistert wurde- im Wesentlichen das Verdienst des James Dean Bradfield, dessen Beitrag ja stets hinter dem der anerkannten Geistesgrößen Wire und Edwards zusrückstand. Nicht zuletzt weil Bradfield selbst zur Bagatellisierung neigt.

„Sprich mit Nicky über alles, er ist der Intelligentere von uns“, sagt er gleich zu Beginn unseres Gesprächs ohne jeden Anflug von Koketterie. „Dabei schreibt James ausgezeichnete Texte“, widerspricht Wire. „Seit seinem Solo-Album versuche ich ihn zu ermutigen, mehr beizusteuern. Aber er ist unsicher, was das Verhandeln seiner Gefühle betrifft – James ist ein man’s man.“

Die Revitalisierung der seit Jahren stagnierenden Manics- die letzte gute Tat des Richey Edwards? Bedingt. In Sound und Ästhetik gelingt mit dem an der Nahtstelle zwischen „Bible“ und „Everything Must Go“ angesiedelten „Journal“ ein Abbild ihrer überzeugendsten Arbeiten. Nur ist es leider so, dass die meisten der neuen­ Refrains damals nicht einmal als Bridge in Frage gekommen wären. Dessen ungeachtet ist das überwiegend euphorisch rezipierte Werk das vitalste und geschlossenste der Band seit langem. Konzipiert übrigens als Interimsalbum, es gibt keine Singles, bereits im Herbst wollen die Manics wieder ins Studio.

Und so geriet „Journal“ zu einem letzten Gruß an einen alten Freund. „Ich vermisse ihn immer noch jeden Tag“, seufzt Slogan-Gott Wire. „Wenn wir an neuen Songs arbeiten, fehlt mir sein wacher Geist unendlich.“ Auch von den Einnahmen dieses neuen­, insgesamt neunten Albums werden die Manics übrigens wieder 25 Prozent der Einnahmen abführen. Jenes Konto, auf dem die Band seit Edwards‘ Verschwinden seine Anteile deponiert, wurde nie aufgelöst.

Thorsten Groß