„Michael“-Biopic: Weltpremiere in Berlin – Ignoring Neverland
Das Michael-Jackson-Biopic „Michael“ feierte seine Weltpremiere in Berlin. Missbrauchsvorwürfe blieben bewusst ausgespart. Ein Bericht.
Dramatisch bis zur Geisterstunde: „Der Link ist bis Freitag, 10. April, um Mitternacht geöffnet.“ Bis dahin konnten Journalisten Fragen einreichen, die sie „Cast und Crew“ von „Michael“ stellen wollten. Am Freitagabend fand die Weltpremiere des Michael-Jackson-Biopics in Berlin statt, in Anwesenheit von unter anderem Hauptdarsteller Jaafar Jackson, Regisseur Antoine Fuqua und Produzent Graham King. Auftakt einer dreitägigen „Celebration“ in der Uber Eats Music Hall, zu der Promis, Journalisten und unzählige Michael-Jackson-Truthers geladen waren – mit jener für sie typischen Mischung aus Dauerekstase und leicht manischem Blick. Rote „Beat It“-Jacken überall, „Smooth Criminal“-Fedoras, Glitzerhandschuhe und „Hee-Hee“-Imitatoren.
Man ist erstaunt über die bewundernswerte Tatsache, dass Michael Jackson hier mehr Gefühl als ästhetisches Vorbild ist; unter den Jackson-Cosplayern finden sich zahlreiche unterschiedliche Körperformen, Körpergrößen und Pigmentierungen.
Auch vom Jackson-Clan sind einige anwesend, darunter der höfliche Jermaine Jackson, mit jenem windkanalgeglätteten, permanentfixierten Lächeln, der koboldartig wirkende Randy Jackson, Michael Jacksons jüngster Sohn Blanket „Hotel Adlon“ Jackson sowie Prince Michael, der so erfrischend normabweichend aussieht, als könnte er einen Bully in einem Guy-Ritchie-Film spielen.
Alte Royalty: Der Jackson-Clan in Berlin
Die Jacksons sind Old Royalty, einst eine der mächtigsten Musikfamilien. Heute leben sie zumindest gut von Michaels Erbe, denn nach ihm und seiner jüngeren Schwester Janet ist es ihnen nicht gelungen, einen vergleichbaren Nachfolger zu etablieren.
Dass Berlin sich so glücklich zeigte, die Weltpremiere von „Michael“ auszurichten, zeigte sich auch daran, dass sogar eine der Buddy-Bären-Skulpturen – jener touristische Versuch demonstrativer Lockerheit – als Michael Jackson kostümiert wurde. Die Jacksons dürften das vermutlich gar nicht bemerkt haben.
„What can I say, I cried“, sagt Jermaine dafür über die schauspielerische Leistung seines Neffen Jaafar, der für den Film in die Rolle seines Bruders Michael geschlüpft ist. Seine erste Schauspielrolle, eine beeindruckende dazu (das Review-Embargo fällt am 21. April, die Kritik zum Film lesen Sie auf rollingstone.de).

Auf dem Panel am Samstagabend gehört die Formulierung „I agree“ zu den häufigsten, gefolgt von „it was a journey“ und „an experience of a lifetime“. Am einprägsamsten bleibt: „The cast was made of people who were obsessives way above the norm.“ Die vom Jackson-Nachlass gesteuerte Produktion stellte sicher, dass alles in ihrem Sinne ausfallen würde.
Alles „awesome“ – aber keine freien Fragen
Warum das Q&A eher, sagen wir, generisch ausfällt? Weil keine der eingereichten Journalistenfragen vorgelesen wurden. Das kann zwei Gründe haben: Entweder wurden keine eingereicht. Oder es wurden welche eingereicht, die dann nicht berücksichtigt wurden. Darüber lässt sich nur spekulieren. Die Tatsache jedoch, dass keine Fragen frei gestellt werden durften, fördert die journalistische Bereitschaft jedenfalls nicht. Dass Journalisten nicht nur Antworten, sondern auch Fragen autorisieren lassen müssen, ist zumindest hierzulande zum Glück keine gängige Praxis.
Es liegt nahe, dass sich kritische Fragen vor allem um die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen Michael Jackson gedreht hätten, die ihn ab 1993 bis zu seinem Tod begleiteten und in der Doku „Leaving Neverland“ besonders öffentlichkeitswirksam wurden. Von Freitagabend bis Samstagmittag fällt dazu kein Wort. Ignoring Neverland.
Also: alles „awesome“. Moderator Steven Gätjen ist hier kein Vorwurf zu machen. Der TV-Host ist gleichzeitig Filmexperte, in dieser Kombination selten, und moderiert jede Veranstaltung souverän. Ihm assistiert heute ein Ex-Journalist der „Bravo“, doch auch von ihm ist keine journalistische Zuspitzung zu erwarten. Das Jugendmagazin hat stets zu Jackson gehalten, und Jackson hielt Jahr für Jahr die „Bravo Ottos“ pflichtbewusst in die Kamera.
Ein Fauxpas – und was er verrät
Die „Celebration“ will keine moralischen Grauzonen zeigen. Das ist ihr gutes Recht. Es ist eine „Celebration“, nicht unähnlich etwa einer „Star Wars Celebration“. Der größte und zugleich erleichterndste Lacher des Abends ist jedoch vielsagend: Steven Gätjen fragt den von Juliano Krue Valdi gespielten elfjährigen Michael Jackson: „Wie war das, als du im Film von Colman Domingo geschlagen wurdest?“ Auf der Bühne wie im Publikum wird gelacht, weil Gätjen es unfreiwillig so klingen ließ, als habe der Schauspieler Colman Domingo selbst zugeschlagen und nicht der von ihm verkörperte Patriarch Joseph Jackson. Gätjen entschuldigt sich für den harmlosen Fauxpas.
Doch die Reaktion im Publikum zeigt, dass man durchaus mit Momenten gerechnet hatte, die vom erwartbaren Skript abweichen. Und dass man erleichtert war, dass es bei diesem einen Verweis auf körperlichen Missbrauch in der Jackson-Familie blieb. Man wollte einen schönen Tag haben. Keinen, der zum Nachdenken zwingt.