Michael Moore zündet die nächste Ladung

Michael Moore aus Michigan war 2003 auch bei uns einer der erfolgreichsten Schriftsteller - weil seine brachiale Kritik an der US-Regierung und seinen dummen weißen Landsleuten im Jahr des Irak-Krieges sehr gefragt war. Die beliebte Gegenfrage: Ist Moore ein Journalist oder ein Populist, der sich die Wahrheit zurechtbiegt? Auf seiner Europatour stellte Moore sich den Kritikern. Und verkaufte noch mehr Bücher.

Michael Moore drückt schlaff die Hand, sagt leise „Hi“ und lässt noch ein gutmütiges Lächeln übers Gesicht huschen, bevor er ins Polster einer Eckbank sinkt. Der Koloss mit Baseballmütze und schlabbrigen Jeans, der seit Wochen für sein letztes Buch „Volle Deckung, Mr. Bush“ auf Promo-Reise ist, sieht geschafft aus. In den USA. Großbritannien und Deutschland hat er gelesen und mit dem Publikum diskutiert, meist in großen, ausverkauften Hallen.

Eben hat er im Berliner „Westin Grand Hotel“ souverän eine Pressekonferenz hinter sich gebracht. Bewacht von zwei schwarzen Bodyguards sitzt er jetzt ruhig da und entschuldigt sich, dass er während des Einzelgesprächs seinen verspäteten Lunch einnehmen wird. Er ist unter Zeitdruck, muss nach Hamburg, zu zwei weiteren Lesungen.

Moore will mit dem Zug fahren, hat panische Angst vor einem Stau. Auftritte in Köln, Augsburg, Wien und München folgen, dann wird Moore nach Hause zurückfliegen, ins Bush-Land, wo er seinen nächsten Film fertig drehen wird: „Fahrenheit 9/11“. Mit seinen Pranken fuhrt er ein Sandwich mit Salat und Truthahn zum Mund, gießt Cola light nach. Sein Kiefer arbeitet langsam, und seine Antworten kommen schnell. Ab und zu lässt er seinen Kopf auf die Brust sinken und klappt ihn wieder hoch, sobald die nächste Frage gestellt ist.

Der 49-jährige Michael Moore ist spätestens seit seiner Oscar-Rede auch Menschen bekannt, die seine Filme nicht sehen und seine Bücher nicht lesen, aber George W. Bush wählen. Und Republikaner-Feind Moore wird immer bekannter: Von seinem neuesten Buch, „Volle Deckung, Mr. Bush“ (im Original „Dude, Where’s My Country?“), wurden in den USA in drei Wochen eine Million Exemplare verkauft. Sein Bestseller „Stupid White Men“ hatte dafür zwölf Monate gebraucht und war 2002 trotzdem das erfolgreichste Sachbuch des Jahres. „Bowling For Columbine , seine Oscar-prämierte Untersuchung über das waflenvernarrte Amerika, sahen über 30 Millionen Menschen, was sie zum erfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten machte.

Moore ist das Hassobjekt des rechten Amerika und der Deutschen liebster Amerikaner. Seine Shows in „old Europe“ – wie Heimspiele. In der Berliner Columbiahalle braucht er bloß „Schwarzenegger“ zu sagen, und die Leute brüllen. Am Schluss seiner zweiten Berlin-Show beantwortet er Publikumsfragen. Ein Amerikaner nach dem anderen greift sich das Mikrofon. Moore ist befremdet, schimpft seine Landsleute ungehobelt und aufdringlich, ruft nach deutschen Fragern, droht, die Show zu beenden. Er kriegt eine: Sie schwafelt von Bruttosozialprodukt und Managerlohn für Mütter. Moore stoppt ihren Redefluss abrupt. Nach weiteren Selbstinszenierungen aus dem Publikum beendet er die Show.

Tags darauf fragt er sich, ob er zu rüde mit seinen Fans umgesprungen sei. Moore ist in seiner Sache gnadenlos und unerbittlich, aber privat ist er sanft und gutmütig, ein Familienmensch. Er ist militanter Nichtraucher und Anti-Alkoholiker, legt wenig Wert aufPünktlichkeit, hat einen Hang zum Chaos und ein ernstes Problem mit seinem Gewicht Und wenn er mal redet, ist der Sohn irisch-katholischer Mittelständler aus Flint/Michigan kaum zu stoppen. Ein Fundamentalist ist Moore nicht Dazu ist er viel zu lustig.

Mister Moore, weshalb sind Sie noch am Leben?

Wollen Sie mich tot sehen?

Nein. Aber Sie müssten doch längst von einem übergeschnappten Anhänger George W. Bushs erschossen worden sein.

Ach, was! Waffennarren sind doch Feiglinge.

Und warum werden Sie auch auf Ihrer Deutschland-Tournee von vier bis zehn Bodyguards bewacht?

Hören Sie doch auf. Bevor mich ein irrer Rechtsaußen tötet, haben mich längst Chips und Hamburger umgebracht.

Sind Sie noch am Leben, weil vielleicht auch Sie lügen wie Bush und nicht als echte Gefahr gelten?

Wie kommen Sie denn darauf?

In „Bowling for Columbine“ orteten rechte Publizisten wie Anne Coulter und die National Rifle Association ein paar deftige Schummeleien.

Und Sie glauben denen? Es sind dieselben Leute, die leugnen, dass im Holocaust sechs Millionen Juden umgebracht wurden. Ich ignoriere die Leute.

Dann lassen Sie uns ein paar Vorwürfe aus dem Weg räumen.

Sehr gern. Schießen Sie los.

Sie leben in Manhattan in einer 1,2-Millionen-Dollar-Wohnung mit Panoramablick. Ihr Image eines Helden der Arbeiterklasse ist falsch.

Ich wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und lebte während der ersten 17 Jahre meines Erwachsenendaseins von 17 000 Dollar jährlich. Dann habe ich Glück gehabt. Die Leute kaufen jetzt meine Bücher und sehen sich meine Filme an. Jedes Mal, wenn das geschieht, fließt Geld irgendwohin. Auch zu mir. Na und? Die Wohnung ist aber nicht 1,2 Millionen wert.

Ihre Feinde verlangen von Ihnen, gefälligst bescheiden in Michigan wohnen zu bleiben.

Nur Reiche verlangen das. Sie hassen es, wenn einer wie ich zu Geld kommt, und rufen: He, was machst du in unserer Nachbarschaft? Wenn ich in einer armseligen Wohnung hausen würde, hätte ich immer noch meine Millionen. Ich würde also einer Illusion nachleben. Der einfache Arbeiter würde sagen: „Mike ist verrückt.“

Sind Ihre Kritiker verrückt?

Sie predigen doch ständig, dass alle Menschen so viel Geld machen sollten wie möglich. Doch wenn das jemandem gelingt, kritisieren sie es. Die tun in dieser Hinsicht so, als wären sie Kommunisten. Lächerlich!

In Ihrem neuen Buch verneinen Sie Horatio Algers Mythos aus dem 19. Jahrhundert, dass jeder in Amerika Erfolg haben kann. Bestätigen nicht gerade Sie diesen Mythos?

Ich bestätige höchstens den Mythos, dass es einer aus einer Million schaffen kann. Eine ziemlich kleine Rate.

Viele sagen sich doch: Wenn es Michael Moore aus Flint/Michigan schafft, kann ich’s auch schaffen?

Nochmals: Ich hatte einfach Glück, habe die Lotterie gewonnen. Nun muss ich vorsichtig mit dem Gewinn umgehen. Und dazu gehört eben auch die Zerstörung von Horatio Algers Mythos.

Kommen wir zurück zu den Vorwürfen: In „Bowling for Columbine“ stellen Sie einen Zusammenhang her zwischen der Warenproduktion durch „Lockheed Martin“ in Littleton und dem Massaker an der dortigen Columbine Highschool. Doch in Littleton werden gar keine Waffen hergestellt, sondern bloß Vorrichtungen für den Abschuss von Satelliten.

Lüge! Klar, „Lockheed Martin‘ produziert in Littleton Abschussvorrichtungen für TV- und Wettersatelliten. Aber auch Raketen, die Militärsatelliten auf die Umlaufbahn schicken. Und diese leiteten die Waffen, die in den Irak flogen. Die Rechten könnten auch sagen, General Electric produziere Glühlampen. Das stimmt. Trotzdem ist General Electric auch der fünftgrößte Waffenhersteller.

Letzter Vorwurf: Charlton Hestons Rede für die National Rifle Association in Denver fand nicht gleich nach dem Massaker statt, wie Sie in „Bowling for Columbine“ weismachen, sondern Monate danach.

Lüge! Heston sprach zehn Tage danach. Und ich zeigte keinen einzigen Teil aus einer anderen Rede.

Sind Sie sicher, dass „Volle Deckung, Mr. Bush“ ohne Fehler ist?

Gegenfrage: Wie viele juristische Klagen haben mir meine Bücher bisher eingebracht? Zwei, drei? Nein: null! Ich ließ in „Volle Deckung“ jede Tatsachenbehauptung von mehreren, extra dafür angestellten Experten prüfen und legte das Buch noch zwei Anwälten vor. Alles hieb- und stichfest.

Bei Ihren Auftritten in deutschen Hallen wurden Sie vom Publikum gefeiert. Macht Ihnen diese unkritische Anhimmelei nicht auch Angst?

Nein, das ist doch schön und ehrt mich sehr.

Hätten Sie nicht lieber Zuhörer, die Sie erst überzeugen müssen?

Wir Amerikaner haben ein Sprichwort: Manchmal muss der Prediger zum Chor sprechen.

Und manchmal der Chor zum Prediger?

Ja, sogar ich brauche Bestätigung.

Bekommen Sie die auch bei Ihren Auftritten in den USA?

Dort sind mehr Anhänger von Anne Coulter im Publikum und schreien mich nieder. In Europa macht mir nur die konservative Presse die Hölle heiß.

Gibt es Unterschiede zwischen den Zuhörern in den USA, Großbritannien und Deutschland?

Ich glaube, alle meine europäischen Zuschauer mögen eigentlich die Amerikaner als Individuen. Umso trauriger ist es zu beobachten, wie Europas Bild der Amerikaner immer stärker geprägt wird durch etwas, das uns von George W. Bush aufgedrängt wurde: der Krieg im Irak. Auch deshalb müssen wir Amerikaner George W. Bush aus dem Amt befördern.

Haben Sie nicht ein etwas naives Bild der Europäer? Vielen ist doch Amerika auch ohne George W. Bush ein Gräuel.

Die Mehrheit der Deutschen, die zu meinen Shows kommen und meine Bücher lesen, haben nach dem 11. September sicher keine Party gefeiert, weil 3 000 Amerikaner starben. Sie hassen uns nicht. Sie trauerten nach den Terrorattacken mit uns. Wenn aber jetzt US-Soldaten im Irak sterben, sind sie nicht mehr so traurig. Das ist verständlich.

Was ist amerikanisch an Ihnen?

Mein Optimismus, dass die Welt ein besserer Ort sein könnte und dass wir in einer freien Gesellschaft leben, in der jeder die gleiche Chance hat, in der man seine Stimme hören lassen, protestieren kann. Und mein Glaube daran, dass die Menschen sich um solche Fragen kümmern. Das ist vielleicht naiv, aber sehr amerikanisch.

Apropos freie Rede: Was sagten Sie in Ihrer Oscar-Rede noch, nachdem Ihnen das Mikrofon ausgeschaltet worden war?

Mister Bush, sagte ich, wenn der Papst und die Dixie Chicks gegen Sie sind, dann ist Ihre Zeit definitiv abgelaufen.

Was haben Sie mit Ihren Gegnern vom rechten Flügel gemeinsam, mit Leuten wie Anne Coulter oder dem Radio-Haudegen Rush Limbaugh?

Nchts.

Nicht einmal den Furor, den unbändigen Einsatz für die Sache?

Nein, weil sie für ihr Ding einstehen, indem sie Lügen erzählen. Zudem säen sie Hass, ich nicht.

Die sagen sinngemäß: „Sorg für dich selbst, dann geht’s dir gut.“ Predigen Sie den Grundsatz: „Kümmere dich auch um die anderen, dann geht’s uns allen besser“?

Genau. Coulter und Limbaugh predigen den Sozialimus der Reichen. Sie glauben, die Regierung müsse die Vermögenden beschützen.

Fürchten Sie sich vor dem Etikett „Sozialist“?

Ich bin ein Demokrat. Ich verstehe es, wenn man mich als Sozialisten bezeichnet, kann das aber nicht akzeptieren. Denn ich habe Marx nie gelesen. Ich bin eben auch einer dieser unwissenden, faulen Amerikaner.

Sie möchten, dass George W. Bush nächstes Jahr bei den Wahlen durch einen Demokraten ersetzt wird.

Richtig. Und zwar am liebsten durch Wesley Clark. Er ist zwar General, ist aber von den neun demokratischen Präsidentschafts-Bewerbern sicher der beste. Stellen sie sich das TV-Duell zwischen dem General und dem Dienstverweigerer Bush vor. Eine herrliche Vorstellung.

Aber der Demokrat Clark würde doch nichts daran ändern, dass eigentlich die Multis und Reichen das Land regieren und die Kleinen darben müssen.

Auch richtig. Wir haben eben ein kurzfristiges und ein langfristiges Problem: Zuerst müssen wir den Krieg im Irak beenden und Präsident Bush loswerden. Und dann müssen wir das unfaire, ungerechte Wirtschaftssystem demokratisieren, damit es nicht noch mehr geldgierige Ölmultis, noch mehr Irak-Kriege gibt und dergleichen.

Kurz: Sie wollen die Revolution?

Nennen wir’s Veränderungen.

Anne Coulters Bücher heißen „Treason“ (Landesverrat) und „Slander“ (Verleumdung). Ihre Bücher heißen „Stupid White Men“ und „Volle Deckung, Mr. Bush“. Müssen politische Bücher in Amerika polemisch sein, um gelesen zu werden?

Weshalb sollte ich schwierige Bücher schreiben, wenn ich gehört und verstanden werden will?

Sie könnten zumindest Ihr Bild des hässlichen, ignoranten Amerikaners etwas differenzieren.

Klar, wir haben große Autoren, Musiker und Intellektuelle. Noam Chomsky, R.E.M., Ralph Nader. Aber die meisten Amerikaner gehen nicht einmal wählen. Und um die dazu zu bringen, verantwortungsvolle Bürger zu sein, muss man klar Stellung beziehen. Es ist wie bei Vierjährigen: Auch sie lernen nur, wenn sie Spaß dabei haben.

Was dürfen wir von Ihrem nächsten Film, „Fahrenheit 9/11“, erwarten?

Er heißt so, weil bei dieser Temperatur die Wahrheit verbrennt.

Und welchen Ungeheuerlichkeiten werden Sie dieses Mal nachspüren?

Es geht um die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Familien von George W. Bush und Osama Bin Laden. Und wie der kleine Bush die Toten des 11. September für den Irak-Krieg instrumentalisierte.

Haben Sie George Bush für den Film persönlich getroffen?

Nein, ich hab ihn einmal während seiner Präsidentschafts-Wahlkampagne 2000 gesprochen. Ich fragte ihn etwas, und er erwiderte: „Mike, warum suchst du dir keine richtige Arbeit?“ „Soll ich etwa meinen Vater bitten, mir eine Ölfirma oder eine Baseball-Mannschaft zu kaufen?“, entgegnete ich. Das war’s. Ich würde ihn aber sehr gerne nochmals treffen.

Wie weit sind Sie mit dem Dreh von „Fahrenheit 9/11“?

Ich habe etwa zwei Drittel. Der Film wird zwei Monate vor der Wahl, also im September 2004, in die US-Kinos kommen. Ich hoffe, er kann so noch ein paar Menschen die Augen öffnen und sie an die Urnen treiben.

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