Midlake: Texanische Pastorale


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Als Tim Smith „The Trials Of Van Occupanther“ schrieb, sah er ein Bild an. Eine Anzeige für irgendein Produkt, auf dem eine Dame in Reiterkleidung und ein goldenes Tischtuch zu sehen waren. Smith ließ sich für seine Lieder von dem Foto inspirieren, fand in ihm eigenwillig pastoralen 70s-US-Soft-Rock mit deutlich psychedelischen Anklängen. Heraus kam nicht weniger als ein Meisterwerk, eine Platte, die Midlake fast aus dem Nichts zu einer der besten Bands weit und breit machte. Das Quintett aus Denton/Texas ging für 18 Monate auf Tournee, auch hierzulan-de konnte man die faszinierenden, außerweltlichen Lieder live erleben.

So toll sei das alles nun auch wieder nicht gewesen, sagt Tim Smith knapp drei Jahre später. „Das Material der Platte ist sehr statisch – wir konnten nicht viel damit machen, außer es Abend für Abend auf die gleiche Weise zu spielen. Mir kam es auf Dauer etwas langweilig vor.“

Autsch. Langweilig ist kein Wort, das wir in Bezug auf diese Platte im Sinn hatten. Doch Smith will das Durchbruchsalbum nicht zu hoch hängen – wohl auch, weil er weiß, dass seine Zuhörer das neue Werk nur dann genauso preisen werden, wenn sie nicht eine Wiederholung verlangen.

Denn „The Courage Of Others“ ist anders als „Van Occupanther“. Die Synthesizer sind fast ganz verschwunden, genau wie der kräftige Rock von Songs wie „Roscoe“. An deren Stelle treten englische und US-amerikanische Folklore, Fairport Convention, America, Steeleye Span, auch ein bisschen Kansas und Jethro Tull. Das Pastorale steht nun ganz im Vordergrund, die Band singt mit geschlossenen Augen „songs from the wood, to make you feel much better“.

Zunächst ist man ein bisschen irritiert, weil man diese Akkordfolgen schon oft gehört hat, den Querflöten misstraut und sich die effektvollen Synthie-Sounds und verwunschenen Harmonien zurückwünscht. Erst langsam taucht man ein in diese Platte. Ein paar außergewöhnliche Einfälle hätten für mehr Trennschärfe gesorgt, aber, bitte: Natürlich haben Midlake keinen Fehler gemacht. Sondern eine sehnsüchtig altertümliche Platte, die viele verschiedene Bilder evoziert. Ein Tizian-Gemälde. Eine amerikanische Wiese.

„Wir haben das ganze erste Jahr gebraucht, um herauszufinden, was wir eigentlich wollen“, erinnert sich Tim Smith, ein etwas distanzierter Typ, der sich nur bedingt auf ein Gespräch einlässt. „Das war hart – du weißt nicht, ob du wirklich irgendwo ankommen wirst.“ Smith ist offenbar einer, dem das Lied über alles geht. Sicher, eine Tour sei schon toll, aber „wenn ich ein Solokünstler wäre, wer weiß… vielleicht würde ich es vorziehen, zu Hause zu bleiben und nur Songs aufzunehmen. Aber ich bin in einer Band mit vier Leuten, denen das Touren sehr wichtig ist. Also mache ich den Kompromiss.“ Nie klang dieses Wort verheißungsvoller.

Jörn Schlüter