Hardy Krüger: Der Weltenöffner


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Keine Geschichte erzählte der Fabulierer Hardy Krüger so oft und so gut wie die erste Begegnung mit John Wayne, 1961 in Tansania. Wayne spielte die Hauptrolle in Howard Hawks‘ Safarifilm „Hatari!“, Krüger eine ziemlich große Nebenrolle. Am Manyarasee flogen Flamingos, und im Hotel sah Krüger ihn zum ersten Mal. „,Kid‘, sagte er, ,von dir habe ich das eine oder andere gehört. Lass uns nach dem Dinner einen heben. Ich warte auf dich an der Bar.'“ Krüger sah Wayne hinterher: „Der Mann schien mir unermesslich groß.“

Er bat den Koch um einige Löffel Olivenöl, denn er er wusste, was kommen würde. Tatsächlich bestellte Wayne sofort einen doppelten Cognac und lud Krüger ein, und als der zögerte, soll Wayne gesagt haben: „Come on, sei ein Mann!“ Krüger willigte ein. Dann legte der Duke etwas umständlich dar, dass er gehofft hatte, die Deutschen würden den Zweiten Weltkrieg gewinnen, und zwar an der Seite der Amerikaner gegen die Sowjetunion. Mittlerweile trank er dreistöckige Cognacs. Hardy Krüger hielt mit, das Olivenöl schützte ihn. Als Wayne betrunken war, fiel er besinnungslos vom Barhocker, und Krüger schleifte den schweren Mann mithilfe des Kochs zu seinem Zimmer. Aufs Bett konnte er ihn nicht hieven. „Das also ist die Geschichte, an die ich mich nicht gern erinnere“, beschließt Krüger die Geschichte, an die er sich so gern erinnerte.

„Hatari!“ ist eine herrliche Schnurre um eine Tierfängermannschaft, Howard Hawks‘ schönster Männerfilm, in dessen Mittelpunkt allerdings eine junge Frau steht, Elsa Martinelli, die sich nicht in Hardy Krüger oder den Franzosen Gérard Blain verliebt, sondern in den viel älteren John Wayne. Krüger verliebte sich in Afrika und kaufte eine Farm, auf der bis Ende der 60er-Jahre lebte. Nachdem er das Grundstück verkauft hatte, schrieb er auf Betreiben von Ernst Rowohlt und seines Freundes, des Hamburger Buchhändlers Felix Jud, sein erstes Buch, „Eine Farm in Afrika“. Es ist ein gutes Buch. Hardy Krüger lieh sich den Ton bei Hemingway, und seine späteren Romane kranken wie die späten Romane Hemingways an Weitschweifigkeit und der Lust an gedehnten Dialogen. Hardy Krüger wollte immer ein Schriftsteller sein und ein Flieger, und beides ist er geworden. Berühmt war er nebenbei als Schauspieler.

Hardy Krüger und Michele Girardon, „Hatari!“, 1962. (Photo by Paramount/Getty Images)

Eberhard Krüger wurde am 12. April 1928 in Berlin-Wedding geboren. Die Eltern schickten den Dreizehnjährigen auf ein Nazi-Internat, die Ordensburg Sonthofen. 1943 wurde der blonde und blauäugige, überdies ausgesprochen schmucke Junge für den Propagandafilm „Junge Adler“ ausgewählt, der von Alfred Weidenmann in Babelsberg gedreht wurde. Während der Dreharbeiten klärten die Schauspieler Hans Söhnker und Paul Florath den Jugendlichen über die Verbrechen des Regimes auf. Er wollte es zunächst nicht glauben, wurde dann aber Bote der Widerstandsgruppe.

Hardy Krüger wurde gegen Ende des Krieges zu einer SS-Division eingezogen, desertierte, wurde in Abwesenheit angeblich zum Tode verurteilt und versteckte sich 1945 in den Wirren der Abwehrschlacht. 1946 kam er ins zerstörte Hamburg, wurde Kleindarsteller am Hamburger Schauspielhaus und Sprecher beim NWDR. Größere Rollen bekam er am Theater in Hannover. Schon Ende der 40er-Jahre drehte Krüger erste Filme und wurde mit Schwänken wie „Insel ohne Moral“, „Das Mädchen aus der Südsee“, „An der schönen blauen Donau“, „Alibi“ und „Die Christel von der Post“ bald ein Filmstar – der Jungspund vom Dienst. „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“ machte ihn 1956 neben Marion Michael zum Jugendidol.

Angefeindet von britischen Journalisten

Ein Jahr später engagierte ihn der englische Regisseur David Ward Baker für „The One That Got Away“ als deutschen Fliegeroffizier Franz von Werra, der aus britischer und kanadischer Kriegsgefangenschaft fliehen konnte. Schon während der Dreharbeiten wurde Krüger bei Pressekonferenzen von britischen Journalisten angefeindet und wehrte sich mit einem ausführlichen Interview. „The One That Got Away“ („Einer kam durch“) wurde ein Erfolg, auch in England, und brachte Krüger 1959 eine Rolle in „Blind Date“ von Joseph Losey, einem in der McCarthy-Zeit nach England emigrierten amerikanischen Regisseurs. Krüger spielte einen jungen romantischen Künstler, der sich in eine heimliche Affäre mit einer älteren Frau verstrickt. Hernach wurde er neben Charles Aznavour und Lino Ventura für die Groteske „Taxi nach Tobruk“ verpflichtet, in der er natürlich einen deutschen Offizier spielt.

Danach dreht er noch einen deutschen Film, „Der Traum von Lieschen Müller“, und reiste nach Afrika zu „Hatari!“. Unmittelbar danach drehte Hardy Krüger den Film, auf den er am stolzesten war: „Sonntage mit Sibyll“ (1962), eine französische Arbeit, in der er einen traumatisierten (Indochina-)Kriegsveteranen spielt, der sich mit einem Waisenmädchen verbündet. Der Film bekam 1964 den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film – und Krüger eine Rolle in Robert Aldrichs „Der Flug des Phoenix“ (1965), in der er neben James Stewart, Richard Attenborough, Ernest Borgnine und Peter Finch spielt. Dieser Film ist der vierte Klassiker in Krügers Karriere, und Krüger ist als deutscher Ingenieur, der Bausätze für Modellflugzeuge zeichnet, gegen den Strich erstaunlich überzeugend. Über den notorisch schlaksigen, zögerlich sprechenden James Stewart erzählte er später ebenso bestechende Ankedoten wie über Peter Finch, mit dem er 1968 in Moskau nahezu ein Jahr lang das misslungene Polarspektakel „Das rote Zelt“ drehte, was beiden nichts ausmachte.

James Stewart, Richard Attenborough, George Kennedy und Hardy Krüger, „Der Flug des Phoenix“, 1965. (Photo by 20th Century-Fox/Getty Images)

1966 war Hardy Krüger der zweite Hauptdarsteller in Montgomery Clifts letztem Film, „The Defector“, der in Deutschland gedreht wurde. Es ehrt Krüger, dass er nie über den schwer alkoholkranken und depressiven Clift geschrieben (und auch nicht gesprochen) hat. 1969 trat Krüger in „Das Geheimnis von Santa Vittoria“ und „Die Schlacht an der Neretva“ neben Anthony Quinn und Yul Brynner auf, 1971 dann in dem deutschen Fernseh-Dreiteiler „Das Messer“. Das Fernsehen interessierte ihn aber nur als Medium für seine Reisereportagen. Schon 1963 hatte er „Hardys Bordbuch“ bei Radio Bremen produziert; in den 80er-Jahren wurde „Weltenbummler“ ein faszinierendes Dokument des Hardy-Krüger-Tons, der auch seine besten Erzählungen prägt: „Ein Buch von Tod und Liebe“, frühe Geschichten, erschienen erst 2018 bei Hoffmann & Campe.

1975: Ryan O’Neal (rechts), mit Hardy Krüger (2.v.re.) in „Barry Lyndon“. (Photo by Michael Ochs Archives/Getty Images)

In seiner an Glücksfällen reichen Karriere gelang Krüger ein weiterer Eintrag in die Filmgeschichte: In Stanley Kubricks sagenumwobenem Historienfilm „Barry Lyndon“ (1975) spielt er neben Ryan O’Neal einen preußischen Offizier. Vor den Dreharbeiten zu „Die Brücke von Arnheim“ (1977) – Krüger natürlich als deutscher Offizier – rief ihn Robert Redford in München an, um eine schwäbische Kaffeemaschine zu bestellen. Eine Anekdote, die Krüger hinreißend verschlungen schilderte. In dem Kriegsfilm „Die Seewölfe kommen“ (1979) spielt Krüger neben den britischen Routiniers Richard Burton, Richard Harris und Roger Moore einen Söldner; 1982 drehte er mit Sean Connery die verheerende Satire „Flammen am Horizont“, den missglückten letzten Film des großen Regisseurs Richard Brooks. Danach stand Hardy Krüger nur noch für wenige Fernsehfilme vor der Kamera, zuletzt 2011 für „Familiengeheimnisse“, einen konfusen Zweiteiler, in den er wohl eingewilligt hatte, weil Teile davon in Afrika spielen.

Er selbst lebte schon lange mit seiner dritten Frau, Anita Parks, in den Bergen von San Bernardino in der Nähe von Los Angeles. Anita begleitete ihn seit 1986 bei den Dreharbeiten für „Weltenbummler“ und fotografierte für die Bücher zu der Serie. 2016 schrieb er sein Erinnerungsbuch „Was das Leben sich erlaubt – Mein Deutschland und ich“ und las daraus an Schulen. Den Nachgeborenen vom Krieg zu erzählen, das verstand er als seine letzte Aufgabe.

Gestern ist der Berliner Weltbürger Hardy Krüger im Alter von 93 Jahren in Palm Springs, Kalifornien, gestorben.

Archive Photos Getty Images
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