Festivalbericht

Nackte Menschen und Motorräder: So war der Sonntag bei Rock im Revier

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Nackte Menschen und Motorräder: So war der Sonntag bei Rock im Revier

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Tag Drei – und es gießt in Strömen. Der mitunter trostlose Charakter des Ruhrpotts wird durch anhaltenden Regen noch unterstützt. Doch bevor das Grau in Grau und der Regen aufs Gemüt schlagen, ersticken The Darkness das Trübsal schon im Ansatz: Als versierte Showmänner wissen sie natürlich, wie sie sich das schlechte Wetter zu Nutze machen können.

Sänger Justin Hawkins reißt sich das Bühnenkostüm vom Leib und führt in der Folge mit nacktem Oberkörper durchs Programm. Dann fordert er die Besucher auf, es ihm gleich zu tun, gerade bei miesen Wetterbedingungen sei das doch eine schöne Idee. Ein paar wenige Menschen folgen seinem Aufruf. Als Lohn dürfen sie die Bühne entern und ganz nah dran sein an der überkandidelten Glam-Rock-Show, die auch nach Jahren keine Patina angesetzt hat.

Gerade die Hits vom Debüt „Permission To Land“ (2003) funktionieren immer noch wunderbar, die neueren Stücke sind leider mitunter recht dumpf und weniger melodiös. Mit einer schier ewig währenden Version von „Love On The Rocks“ lassen The Darkness die wenigen Zuschauer dennoch begeistert zurück.

Exhibitionismus und fehlende Substanz

Im Anschluss darf man sich wieder einmal über ein soziokulturelles Phänomen wundern. Die Norweger von Turbonegro haben wieder ihre Jünger versammelt: die Turbojugend. Der Fanclub ist mit seinen auffälligen Accessoires aus Seemannsmützen und bestickten Jeanswesten sicher eine der außergewöhnlichsten Bewegungen weltweit. Epizentrum der Turbojugend ist St. Pauli, hier findet einmal im Jahr ein Treffen der Fans statt.

Tony Sylvester ist seit 2011 neuer Sänger, und die Fans haben ihn längst adoptiert. Er passt eben in das exhibitionistische Konzept der Gruppe. Mit kurzer Jeanshose, gelbem T-Shirt, Gesichtsbemalung und knallrotem Lippenstift zieht er alle Blicke auf sich. Ein ausgewogenes Set mit Hits wie „All My Friends Are Dead!“ sorgt für kurzweilige Freude, auch wenn mit längerer Spielzeit immer klarer wird, wie wenig musikalische Substanz sich hinter den visuellen Reizen befindet.

Ein Motorrad auf der Bühne

Musiker ohne Substanz, das kann man von Judas Priest nicht behaupten. Eine der wegweisenden Bands des Heavy Metal hat heute einfaches Spiel: „Priest,Priest, Priest!“, skandiert die Menge und Rob Halford – der mittlerweile wie eine Mischung aus Boy George und Ben Kingsley aussieht – führt siegessicher durch das Set. Es ist randvoll gespickt mit Klassikern wie „Painkiller“ und „Breaking The Law“. Zur Zugabe rollt Halford mit einem Motorrad auf die Bühne.

Kiss hingegen rollen die Zungen und geben das Finale „auf“ Schalke. Eine passende Wahl, so ist die Show mit ihrer Circus- und Wrestling-Event-Ästhetik sehr amerikanisch – aber auch sehr unterhaltsam. Die Songsauswahl ist zum Glück herzlich egal, der Auftritt zielt ganz auf Effekte ab, nicht auf musikalische Grandezza. Natürlich gniedelt sich Gitarrist Tommy Thayer minutenlang durch seine Soli. Die Band gilt als amerikanisches Kulturgut – und wenn Paul Stanley in seiner Ansage behauptet,  dass bislang kaum einer in Deutschland Kiss seit Beginn ihrer Karriere 1973 live habe sehen wollen, dann ist das natürlich fröhlicher Quatsch. Die Spannung wird während des gesamten Konzerts jedenfalls konstant gehalten. Kiss-Songs sind durch ihre pointierten Refrains eben enorm wirkungsvoll. Nach zahlreichen Feuerfontänen entlassen die Amerikaner ihre Fans in die Nacht.

Was bleibt nach diesem Festivaldebüt von „Rock im Revier“ zu sagen? Die Anlaufschwierigkeiten in der Vorplanung ließen Schlimmes befürchten. Doch fest steht: Der Umzug vom Nürburgring nach Schalke war der richtige Schritt und hat nach zunächst desaströsen Ticketverkäufen doch noch Leute für einen Besuch animieren können. Das Line-Up war hochkarätig, aber auch konservativ gewählt: So sind Bands wie Judas Priest, Kiss, Incubus und Faith No More keine Gruppen mehr, die das aktuelle Pop-und Rockgeschehen mitbestimmen. Etwas verstaubt mutete das Festival dadurch mitunter doch an. Der ein oder andere Newcomer wäre im nächsten Jahr sicher willkommen, um das Interesse auch bei Entdeckern zu wecken.

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