Nichts ist gut in Sülz: Der 50. „Tatort“ mit Behrendt und Bär

Der 50. „Tatort“ mit Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär ist ein Fest der Bonhomie, der eingerannten offenen Türen, des kölschen Wesens und der habituellen Bräsigkeit. Je nun – insofern unterscheidet sich „Altes Eisen“ (sic!) nicht von den anderen 49 Filmen mit diesen behäbigen Beamten. Behrendt als Max Ballauf sucht eine Frau, findet und verliert sie in der Kollegin Lydia (Juliane Köhler) und bekommt ein Angebot vom BKA in Wiesbaden. Bär als Freddy Schenk stichelt neidisch und erzählt von seiner Familie, die man nicht sieht. Immerzu fahren die beiden im alten Cadillac über dieselbe Brücke zu dem Kölner „Veedel“, in dem die titelgebende geschlossene Eisenwarenhandlung situiert ist, aus der einmal ein Packen Geldscheine und einmal eine Axt entwendet wird: Das Viertel heißt Sülz. Und wenn die zänkischen Kommissare in ihrem bizarren Gefährt um die Ecke biegen, ruft Schenk verlässlich: „Was ist denn da los?“

Neben der nutzlosen Eisenwarenhandlung ist die urgemütliche Kneipe „Kaschemm“, in der die Stammgäste abends „Die Gedanken sind frei“ singen. Der unglückliche Frank Roeder (bemitleidenswert: Aljoscha Stadelmann) kämpft mit seiner Frau Sophie (kratzbürstig: Henny Reents) um seine Existenz – das Mietshaus mit der Pinte gehört seiner garstigen Mutter, die etwas mit Sophies ehemaligem Geliebten Peter Stamm (schurkig: Tobias Oertel), einem schmierigen Wett-Unternehmer, ausbaldowert. Die Transsexuelle Trudi Hütten (tapfer: Edgar Selge) sorgt in dem Gebäude für eine andere Mieterin, die malade Gerda (Heide Simon). Nach dem Sangesabend wird Hausbesitzerin Roeder mit einem kleinen Einschussloch im Körper tot im Bett gefunden. Verdächtig sind mindestens: Sohn Frank, weil er das Haus erben wollte; Sophie, weil sie wollte, dass Frank das Haus erbt; Stamm, weil er das Haus sanieren und Sophie zurück haben wollte; und Trudi, weil sie fürchtet, bald aus ihrer Wohnung geworfen zu werden.

Die Wohnungen sehen hier aus, als wären seit den 60er-Jahren allenfalls die Fauteuils ausgetauscht worden, an den Wänden hängen überall Familienfotos, und die trutschige Trudi betet an einem Marienschrein. Freddy nennt sie immerzu „Du, Herr Schenk“, wie man das in Köln so macht. Der fernsehsüchtigen Gerda bringt sie Schnittchen und Pralinchen, und die vier niemals fehlenden Türkenbengel vor der Tür rufen ihr „Trudi, ich will ein Kind von dir!“ nach. Bei einem nächtlichen Rundgang durchs „Veedel“ zeigt der mitfühlende Herr Schenk ihr, dass sie bald nicht mehr ins Gefüge passt. Unvermeidlich hatte er vorher noch gegenüber Ballauf bemerkt: „Jeder Jeck ist anders!“ Ständig fordert Schenk von der wackeligen Dame, sie solle am nächsten Tag „um elf Uhr“ zum Präsidium kommen.

Das haarsträubende Drehbuch von Mario Giordano hat Mark Schlichter mit dem Lokalkolorit der „Lindenstraße“ inszeniert. Der arme Edgar Selge stöckelt mit Perücke tuntig umher und serviert seiner Gerda einen Eisbecher Malaga im Hinterhof, gemeinsam erinnern sie sich an schöne Tage in „Positano“. Das dickliche Muttersöhnchen Frank geht mit einer Axt auf Stamm los, der auch gleich der herbeieilenden Trudi eins vors Handtäschchen haut. Nichts ist gut in Köln-Sülz!

Am Ende stehen die beiden Kombattanten mal wieder am Rhein, neben der eigens dort abgestellten, nun aber geschlossenen Wurstbude. Und Freddy Schenk spricht es auch noch aus: „Wie ein altes Ehepaar!“

Ergänzend zur beliebten Heftrubrik „Willander sieht fern“ wird Arne Willander ab sofort in loser Reihenfolge auch online über seine TV-Erlebnisse berichten. „Willander sieht fern“ wird natürlich weiterhin ein fester Bestandteil unseres Printmagazins bleiben.

Unsere Expertin für TV-Serien jedweder Art bleibt natürlich weiterhin Birgit Fuß, die ein- bis zweimal die Woche in ihren TV-Fußnoten von der Fernsehfront berichtet. Hier finden Sie ihre gesammelten Beiträge im Redaktionsblog.


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