Neunte Kunst (10)

Nick Cave, Marcel Proust und Manga-Lektionen: So erstaunlich wird der Graphic Novel Day in Berlin

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Nick Cave, Marcel Proust und Manga-Lektionen: So erstaunlich wird der Graphic Novel Day in Berlin

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Das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) steht am 10. September 2017 zum 7. Mal ganz im Zeichen der „Neunten Kunst“. Dann dreht sich am so genannten Graphic Novel Day im Haus der Berliner Festspiele alles um nationale und internationale Graphic Novel- und Comic-Künstler.

Die von Jahr zu Jahr größer werdende Vielfalt des Comics wird mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Zudem sollen aktuelle Trendentwicklungen in der künstlerischen Gestaltung und Themenwahl sichtbar gemacht sowie deutsche und internationale Ausnahmetalente vorgestellt werden. Für dieses Jahr steht schon am 07. September – also drei Tage vor dem Event – ein echter ROLLING-STONE-Künstler bereit, um sein neues Werk zu präsentieren.

Nick Cave im Comic

Reinhard Kleist bringt seine neue Graphic Novel „Nick Cave – Mercy on me“ mit. Die außergewöhnliche Comic-Biographie erzählt in expressiven Bildern aus dem Leben des melancholischen Sängers und schildert nicht nur, wie der Poet zu seinen großen Songs gelangte, sondern auch die dunkelsten Erlebnisse aus seiner Vergangenheit.

ROLLING-STONE-Leser können sich freuen, denn die Graphic Novel wird in der kommenden September-Ausgabe vorgestellt. Außerdem ist Kleist auf Lesetour zwischen Hamburg und Berlin. Der preisgekrönte Kleist ersann in der Vergangenheit auch schon Graphic Novels über Johnny Cash und Elvis Presley.

Doch das ist noch lange nicht alles, was die Besucher des Internationalen Literaturfestivals in Sachen Comickultur erwartet.

Am Graphic Novel Day stellt die Inderin Amruta Patil ihr neues Werk „Sauptik: Blood and Flowers“ vor (10:00 Uhr). Es folgt dem indischen Epos Mahabharata, den heiligen Schriften des Hinduismus und mündlichen Erzähltraditionen. Burcu Türker und Ahmed Mohammed Omer erzählen von ihrem Projekt „Alphabet des Ankommens“ (11:00 Uhr) mit zwölf Comic-Reportagen, die den Neuanfang in einem fremden Land schildern.

Großes thematisches Spektrum

Javier De Isusi beschreibt in seinem Comic „Ich habe Wale gesehen“ den komplizierten politischen Konflikt im Baskenland. Er tritt beim Graphic Novel Day gemeinsam mit Hamid Sulaiman auf, der in seinem düsteren Meisterwerk „Freedom Hospital“ vom Schrecken des syrischen Bürgerkriegs berichtet (12:00 Uhr). Um 13 Uhr diskutieren dann Gekiga-Manga-Künstler Berliac und die deutsche Star-Manga-Zeichnerin Inga Steinmetz über den Manga als Weltsprache.

In „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ schildert Ulli Lust den Weg einer lebensgierigen Anarchistin im Wien der 90er Jahre (14:00 Uhr). Eine wunderbare autobiographische Auseinandersetzung mit der Künstlerszene Österreichs und zugleich eine berührende Liebesgeschichte. Um 15:15 Uhr präsentiert Romain Renard aus Belgien seinen multimedialen Comic „Melvile“. Beim diesjährigen Festival gibt es mit „Les Chroniques de Melvile“ dazu auch ein kinematografisches Konzert. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich das Territorium der bunten Bilder auch in anderen Medien – auch mit Hilfe des technischen Fortschritts – ausbreiten kann und so neue Erzählformen begründen kann

Proust zum Prusten

Fans von Comic-Literaturadaptionen können sich hingegen auf den Besuch von Nicolas Mahler aus Österreich freuen, der Marcel Prousts siebenteiligen Jahrhundertroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (16.30 Uhr) neu interpretiert hat. Dabei ging es dem Zeichner nicht darum, eine primitive Kurzfassung des Mammutwerks zu erschaffen, sondern vor allem die außergewöhnlich komischen Anteile der Erzählung zu visualisieren. So entstand ein kluges Spiel mit zentralen Motiven und Bildern aus dem Proust-Universum.

Die einzelnen Veranstaltungen werden von Comic-Experte und „Tagesspiegel“-Redakteur Lars von Törne moderiert. Tagestickets kosten acht Euro (ermäßigt: sechs Euro; für Schüler vier Euro) und gelten für alle Veranstaltungen. Das Internationale Literaturfestival findet vom 06. bis 16. September 2017 statt. Weitere Infos zum Programm finden Sie HIER.


Der AdZ (Autor dieser Zeilen) freut sich besonders auf Reinhard Kleists Comic-Biographie über Nick Cave und hält den Zeichner für eines der größten Talente, das es im deutschsprachigen Raum zu entdecken gilt. Abgesehen davon findet er, dass jeder Anhänger tiefsinniger Musik Caves Melancholie-Trilogie („The Boatman’s Call“, „No More Shall We Part“ und „Nocturama“) im Plattenschrank stehen haben muss. Außerdem empfiehlt der AdZ, sich endlich einmal mit Proust auseinanderzusetzen – und wenn es eben nicht mit der erschreckend aufwändigen Lektüre des Originals gelingt, so bietet Nicolas Mahler den idealen Einstieg ins Erzähluniversum des französischen Schriftstellers. Genießen Sie dazu einen ausgezeichneten Kaffee mit einer gut gebackenen Madeleine.


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