Comic-Blog (6)

Neunte Kunst: 10 Comics und Graphic Novels, die man in diesem Sommer lesen muss

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Neunte Kunst: 10 Comics und Graphic Novels, die man in diesem Sommer lesen muss

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1. Wilson (Daniel Clowes)

Im August kommt die Verfilmung der ersten Graphic Novel, die Daniel Clowes nicht in seinem inzwischen schon legendären Magazin „Eightball“ veröffentlichte, in die Kinos. Woody Harrelson schlüpft in die Rolle des Mustermisanthropen, der mit zynischen Kommentaren Arbeitskollegen, Nachbarn und seine wenigen Liebsten terrorisiert. Natürlich eine einsame Seele, wie fast alle Charaktere im Sonderling-Universum von Clowes. Allerdings hat der preisgekrönte Zeichner („Ghost World“), der sich sonst eher auf melancholische Szenarien beschränkt, wohl keine Figur mit so viel Liebe zum Detail charakterisiert wie Wilson.

Reprodukt hat die berührende Geschichte um Wilsons Suche nach seiner Ex-Frau (und die überraschende Erkenntnis, dass er eine Teenie-Tochter hat) noch einmal aufgelegt. Die schmale, aber raffinierte Erzählung ist in einzelne – sehr unterschiedlich gestaltete – Episoden aufgeteilt, die nicht mehr als eine Seite einnehmen. Das gibt „Wilson“ den Touch eines launischen Sonntagsstrips. Kein Leser, der sich nicht ertappt fühlen wird, selbst im Alltag egozentrisch den zärtlich glimmenden Funken der Liebe in manchen Situationen mit wenigen Worten zu verlöschen. Wilson ist der Prototyp des Internet-Trolls, noch bevor es ihn gab.

2. Der nasse Fisch (Arne Jysch)

Die Bücher um den rheinländischen Kommissar Gereon Rath haben die deutsche Krimi-Literatur in den letzten Jahren mächtig aufgemischt. Sie gehören zu dem Stimmigsten und Ausgefeiltesten, das es in diesem Genre hierzulande zu finden gibt. Bevor sich der Pay-TV-Sender Sky in Zusammenarbeit mit der ARD ab Herbst an einer TV-Serien-Adaption des Stoffes versucht (mit rekordverdächtigem Budget und Tom Tykwer als Regisseur), kam mit „Der nasse Fisch“ eine derart blendende, aufs Wesentliche reduzierte Graphic Noir auf den Markt, dass es die Fernsehreihe schwer haben wird, die Atmosphäre zu übertreffen.

Die „Goldenen Zwanziger“ werden hier natürlich mit großem Stilbewusstsein in Erinnerung gerufen; es ist sofort ersichtlich, dass Zeichner Arne Jysch („Wave And Smile“) sich hierbei vor allem an den großen Filmen dieser Zeit , aber auch an zahlreichen ikonischen Fotografien  orientierte. Natürlich wurde die mehrdimensionale Erzählhaltung des Originals zugunsten einer einzelnen Perspektive gestrichen. Das ist kein Beinbruch. Die Graphic Novel erlaubt sich sogar ein paar kleine Freiheiten gegenüber dem Original (die hier freilich nicht verraten werden sollen). Auch Für Leser der Romane ein echter Gewinn. Außerdem sah Berlin im Comic noch nie so schön aus.

3. Unsere geheimen Ängste (Fran Krause)

Der Comic-Künstler Fran Krause ist hierzulande noch relativ unbekannt. Nun ist ein Band mit Cartoons erschienen, die der Zeichner auf seinem Tumblr-Blog veröffentlichte und die sich mit den persönlichen Ängsten seiner Leser auseinandersetzen.

Neben den bekannten Befürchtungen und Phobien, die Millionen von Menschen teilen (Angst vor Dunkelheit, Spinnen, Armut) gibt es hier allerhand exotische, beunruhigende Varianten, zum Beispiel die Furcht beim Pläzchenbacken auf eine Backform zu treten und dann ein Loch im Fuß zu bekommen. Oder: „Vielleicht ist mein Leben nur Illusion, nur ein Traum. Vielleicht wir eines Morgens bewusst: Ich bin nur ein fantasiebegabter Hund“. Insgesamt 101 Angstblüten sind hier jeweils einseitig zusammengesammelt worden. Für Psychologen und alle Hobby-Beobachter ein Vergnügen – und für Betroffene ein Weg, zu verstehen, dass man keinesfalls alleine ist.

4. Shipwreck (Paul Rietzl)

Das wohl ungewöhnlichste haptische Comic-Erlebnis in diesem Sommer kommt von Paul Rietzl, der mit seiner Sci-Fi-Graphic Novel gleich eine Buchrolle auf 15 Meter Papier liefert und ein neues Genre erfindet: den Rollcomic. In der postapokalyptischen Erzählung geht es um einen Samurai namens Oishi, der sich als Schrottsammler betätigt, um seinem Clan das Überleben zu sichern. Doch er gerät mitten hinein in einen Verteilungskrieg und muss nach einer giftigen Intrige Stellung bekennen. Ein durchaus nicht immer logisches, aber hochgradig anspruchsvoll inszeniertes Bilderschauspiel, das vor allem auch erfrischend die Frage nach der Zukunft des Comics im Angesicht der Digitalisierung stellt.

Dass Rietzl und sein Verlag „Round Not Square“ dies ausgerechnet mit einer antiken Papierrolle tun, in der sich der Weltraum ausbreiten darf, wie er möchte, ist ein schöner Trick, um den Leser für einen außergewöhnlichen Trip zu gewinnen. „Das Weltall ist ein gigantischer, leerer, prächtiger Raum. Und es ist an uns, diesen Raum mit Sinn zu füllen“, heißt es an einer Stelle. Beinahe sinnlos ist allerdings der Versuch, das gute Papierrollenstück wieder fachgerecht einzurollen.

5. Der Ursprung der Welt (Liv Strömquist)

Der Ursprung der Welt – so heißt gleichsam passend wie euphemistisch eines der bekanntesten Bilder von Gustave Courbet. Eine jener Malereien, die auch bei Facebook keine Gnade finden und vom Zensor aufgrund pornographischer Darstellung gnadenlos rausgeschmissen werden. „Der Ursprung der Welt“ heißt aber auch eine kluge Graphic Novel der Schwedin und selbsterklärten feministischen Zeichnerin Liv Strömquist.

Warum verbindet die Menschheit eine so extreme Hassliebe mit dem weiblichen Geschlechtsorgan? Diese Frage stellt sich Strömquist mit viel Humor und historischem Feingespür. Der Comic ist im Grunde eher eine Illustration eines Essays über die “Kolonialisierung” der Frau durch Männer wie Harvey Kellogg (der nicht nur die berühmten Cornflakes erfand, sondern auch einen Krieg gegen masturbierende Frauen führte) oder Augustinus, der dem Christentum sozusagen den Ekel vor Sexualität und Weiblichkeit einimpfte. Manchmal mag der leicht altkluge Tonfall Strömquists etwas nerven, aber wer „Der Ursprung der Welt“ liest, spart sich ein ganzes Studium „Gender Studies“ und versteht, weshalb patriarchalische Strukturen nicht aus der Welt geschafft werden können, nur weil mehr Frauen in den Vorstandsetagen sitzen.

Auf der nächsten Seite: Die Rückkehr von Micky Maus und Swamp Thing – dazu die große Comic-Biographie über Alan Turing

Reprodukt
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Round Not Square
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