No Doubt über das Sphere-Debüt: „Wir haben eine Menge durchgemacht“

Tony Kanal von No Doubt spricht exklusiv über Tränen, Parkinson und 40 Jahre Bandgeschichte.

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Beim No Doubt Experience in Las Vegas, einem immersiven Pop-up von Vibee, hängt ein zerknitterter Tourplan der Band aus – mit einem Konzert im Shark Club im Februar 1992. Das Venue schloss fünf Jahre später, doch No Doubt lebt weiter: Drei Jahrzehnte später kehren sie nach Sin City zurück, für eine 18-Shows-Residency in der Sphere. Als sie noch eine aufstrebende Band aus Orange County waren, hüpften sie über die Bühne und sangen in „A Little Something Refreshing“ über Donuts, Pizza und Pfannkuchen. Heute fehlen Bassist Tony Kanal die Worte.

Im exklusiven Gespräch mit ROLLING STONE nach der Eröffnungsnacht in der Sphere zeigte sich der 55-Jährige tief bewegt vom gewaltigen Comeback. „Es ist so viel auf einmal“, sagt er. „Die letzten acht Monate war jeder wache Moment darauf verwendet, die Show zusammenzustellen, zu proben, Sport zu treiben, Merch-Ideen zu entwickeln. Es war non-stop – und dann war der Mittwochabend so emotional und so voller Freude. Beim Soundcheck sah ich Toms Gitarrentechniker Donnie, der seit Jahrzehnten bei uns ist, und wir lagen uns weinend in den Armen. … Fast 40 Jahre dabei zu sein und kurz davor zu stehen, auf einer so coolen, futuristischen Bühne etwas zu tun, das wir noch nie gemacht haben – da wird einem klar, wie verdammt glücklich wir sind, das noch immer gemeinsam zu erleben.“

Die hochmoderne Kuppel mit Bildern aus ihrer OC-Heimat und deren Kultur bespielend, lieferten Kanal, Stefani, Gitarrist Tom Dumont und Schlagzeuger Adrian Young ein knapp zweistündiges Set, bei dem es Orangen vom Himmel regnete und alte Flyer, Fotos sowie eine OC-Telefonnummer – die tatsächlich funktioniert und zu einer Voicemail von Young führt – den Raum füllten. In einer unerwarteten Wendung schlüpfte Stefani während „Simple Kind of Life“ zu Dumont ins Bett und küsste ihn zur Gute-Nacht. Auf der Leinwand zumindest.

Emotionaler Abend in der Sphere

Begleitet von Langzeit-Posaunist Gabrial McNair und Trompeter Stephen Bradley, wurde die Band von rund 20.000 Fans gefeiert – darunter Shirley Manson, deren Garbage-Hit „Special“ in der Pre-Show-Playlist zu hören war.

„Tragic Kingdom“, der Titeltrack ihres Durchbruchsalbums von 1995, eröffnete die Show: Die Fans wurden in ihren vibrierenden Sitzen durch eine virtuelle Achterbahnfahrt geschleudert, die der Disneyland-Inspiration hinter dem Albumtitel huldigte.

„Excuse Me Mr.“ ließ das Publikum mitsingen, während Dumonts Gitarrensolo bei „Different People“ mit Jubel bedacht wurde. „Tom! Wir sind in der Sphere!“, rief Stefani begeistert.

Tom Dumonts Parkinson-Diagnose

Ein kraftvoller Moment – zumal Dumont kürzlich öffentlich gemacht hatte, dass bei ihm Parkinson diagnostiziert wurde. Der Gitarrist wirkte fit und bestens aufgelegt, und Kanal zufolge hat die Diagnose das Bandleben nicht beeinträchtigt.

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„Er geht sehr gut damit um“, sagt er. „Wir sind für ihn da, lieben ihn, und er hat unglaublich gut gespielt. Wir haben als Band eine Menge durchgemacht, und nach all diesen Hürden war der gestrige Abend eine Belohnung. Es macht einem bewusst, dass sich all die Schwierigkeiten gelohnt haben.“

Eine der frühen Hürden: Ein Programmdirektor soll erklärt haben, es würde „ein Wunder brauchen, um No Doubt ins Radio zu bringen“. Am Ende war es ihr gemeinsamer Antrieb und ihre Liebe zur Musik – und kein Radioboss –, der No Doubt mit Hits wie „Just a Girl“ und „Don’t Speak“ dauerhaft in den Äther beförderte.

Stefani als erste Headlinerin

Dass die ersten 20 Minuten der Show ohne solche Chartstürmer auskamen und viele zunächst auf ihren Plätzen blieben, änderte sich schlagartig mit „Spiderwebs“ – die Fans sprangen auf, während die Sphere in netzartigen Lichtfäden erstrahlte.

Eric Stefani, Tony Kanal, Gwen Stefani und Adrian Young bei den MTV Video Music Awards 1996
Eric Stefani, Tony Kanal, Gwen Stefani und Adrian Young bei den MTV Video Music Awards 1996

Ein Kostümwechsel für Stefani – die erste Frau, die die Sphere headlinet – leitete „Underneath It All“ ein. „Ihr seid wirklich wunderbar, Vegas!“, sang sie.

Funkige Neon-Visuals zu „Hey Baby“ und die farbenfrohe Meerjungfrauenwelt, durch die man bei „Bathwater“ trieb, waren so hypnotisch, dass man die Musiker auf der Bühne fast vergaß.

Fans auf der Bühne

Doch die Band vergaß ihr Publikum nicht: Stefani entdeckte einen Fan, der ihren pinkhaarigen Look vom „Return of Saturn“-Albumcover nachgeahmt hatte, und holte sie auf die Bühne. Die Kalifornierin Andrea Esperanza Martinez stürmte zu ihrer Ikone. Noch danach stand sie völlig neben sich und erzählte ROLLING STONE, wie sie als Achtjährige mit No-Doubt-Songs das Singen gelernt hatte – und heute selbst eine Coverband namens Just a Girl Tribute frontet. „Es war wie eine Nahtoderfahrung“, sagte sie. „Ich dachte, ich träume!“

An solche Zeiten erinnert zu werden war für Stefani nicht nur Freude. Ihr Herzschmerz hat No Doubts musikalisches Erbe maßgeblich geprägt. „Manche dieser Songs sind schmerzhaft“, sagte sie dem Publikum. „Als ich das ‚Return of Saturn‘-Girl sah, dachte ich: ‚Ich liebe sie‘ – aber es gibt mir PTSD.“

Der Banger „Ex-Girlfriend“ aus dem Jahr 2000 folgte auf dem Fuß – den Stefani am Ende ihrer siebenjährigen Beziehung mit Kanal geschrieben hatte. In einem der berührendsten Bilder des Abends waren die beiden bei einem romantischen Abendessen und beim innigen Slow-Dance auf der Straße zu sehen, während „Simple Kind of Life“ erklang.

40 Jahre Freundschaft

Solche Momente unterstrichen die bemerkenswerte Reise des Paares – von Liebenden über Exes zu lebenslangen Freunden und Kollaborateuren. „Es gibt eine tiefe, beständige Freundschaft, die wir seit 40 Jahren teilen“, sagt Kanal. „Von Freund und Freundin zu kreativen Partnern – da ist etwas ganz Besonderes zwischen uns beiden. Wenn wir auf der Bühne stehen, gibt es eine Vertrautheit, die man nur durch Zeit und die Tiefe einer Beziehung bekommt.“ (Kanal fand sein Glück mit Ehefrau Erin und ihren Töchtern, während die dreifache Mutter Stefani glücklich mit Country-Sänger Blake Shelton verheiratet ist – der gerade drüben im Caesars Palace seine eigene Residency eröffnete.)

Sind die Ex-Partner also „Happy Now?“ Der „Tragic Kingdom“-Track folgte als nächstes, bevor der „Rock Steady“-Kracher „Hella Good“ alle zum Tanzen brachte.

Das Tempo verlangsamte sich, als Stefani wie eine Disney-Prinzessin auftrat und „The Climb“ und „Running“ schmetterte – Letzteres mit einem zauberhaften Märchenbuch-Thema. Diese Visuals zeigten die enorme kreative Bandbreite, die No Doubts vielseitige Diskografie ermöglicht – mit Grammy-Gewinnen und -Nominierungen in Pop, Rock und Dance.

Tiefe im Songwriting

„Man hat härtere Punkrock-Songs wie ‚Ex-Girlfriend‘, dann unglaublich zarte Balladen, die einem das Herz zerreißen“, sagt Produzent und Regisseur Baz Halpin. „Wenn man die Texte analysiert und merkt, wie poetisch sie sind, steckt so viel Tiefe darin – das macht die Arbeit an den Visuals umso interessanter.“

Zu den weiteren unvergesslichen Momenten zählte „It’s My Life“, das Talk-Talk-Cover, das No Doubt 2003 neu interpretierte – begleitet von einem Scrapbook, das sich durch die Geschichte jedes Bandmitglieds blätterte.

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„Don’t Speak“ war natürlich ein Höhepunkt des Abends: Stefani funkelte in einem blau-weißen Kleid, während Heißluftballons malerisch über einen Orangenhain im Morgengrauen glitten.

Finale und Zugaben

„Trapped in a Box“, „New“ und „End It on This“ folgten, bevor Stefani bei „Just a Girl“ weibliche Fans auf die Bühne bat, um das Venue in einem tosenden Mitsing-Finale zu vereinen. „Sunday Morning“ schloss die Show, die Band strahlte beim ersten Sphere-Verbeugung.

Und was kommt an jenem Sonntagmorgen, wenn die Sphere-Dates am 13. Juni enden?

Auf Zukunftspläne und die Möglichkeit neuer Musik angesprochen, sagt Kanal, sie hätten gelernt, bei No Doubt „von Tag zu Tag“ zu denken. „Manchmal sind wir auf einer Wellenlänge, manchmal nicht“, sagt er. „Im Moment liegt der Fokus auf diesen Shows. Nach Coachella hätte ich nicht gedacht, dass wir in der Sphere spielen würden – man weiß also nie, was um die Ecke wartet.“

No Doubt Experience im Venetian

Zum 30. Jubiläum von „Tragic Kingdom“ zog das nahegelegene No Doubt Experience im Summit Showroom des Venetian Resort Fans in karierten Neunziger-Ska-Punk-Outfits an, die interaktive Installationen, Instrumente und Kostüme erkundeten. Kanal war maßgeblich an der Zusammenstellung von über 500 Exponaten beteiligt. „Ich habe über 40 Jahre lang archiviert, und die Leute fragen immer: ‚Warum hast du das aufgehoben?’“, sagt er. „Für diesen Moment!“

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Das schwarz-weiße Kleid, das Stefani beim Abschlussball mit Kanal trug, ist ebenso ausgestellt wie Kanals Rechnung an Interscope Records für Luftballons (134,50 Dollar) und Kazoos (292,86 Dollar) für ihre erste Album-Release-Party im Whisky a Go Go.

Im Beacon-Street-Haus der Familie Stefani lehnten Fans zurück und schauten alte Videos, während andere Just-a-Girl-Cocktails auf der Beacon Street Block Party tranken, wo „Sunday Morning“ aus den Boxen dröhnte. Und die Pop-up-Bar Don’t Speak Easy war abseits des Strips ein begehrter Anlaufpunkt.

Erinnerungen an den Anfang

Die Besucher betreten das Experience durch einen Orangenhain und gelangen dann in Nachbauten historischer Orte wie dem Fenders Ballroom. „Die Fenders-Ballroom-Ausstellung war mir besonders wichtig“, sagt Kanal. „Es war eines der frühen Venues, in denen wir viel gespielt haben.“

Jeff Kravitz FilmMagic, Inc

Leena Tailor schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil