Parcels live in Berlin: Ein Hexenkessel der Euphorie


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Selbst schuld, denke ich, als ich am Sicherheitspersonal vorbeigehe, das gerade in einer hitzigen Diskussion mit einer jungen Frau steckt. Sie hält zwei Tickets in der Hand und schreit den Kerl in der neon-gelben Weste an: „Und wer erstattet mir jetzt die Tickets? Nirgendwo stand, dass hier 2G ist!“ Der Kerl blickt sie völlig gelassen an und verzieht keine Miene. Ein kaltes Schulterzucken ist das einzige, was er für sie übrig hat.

Für alle, die noch nie im Metropol waren: Der Laden sieht im Grunde aus, wie man sich verschnörkelte Theater so vorstellt: eine kleine Bühne, rote Samtvorhänge, und über dem Saal etagenweise Balkone, von denen man auf das Podium hinuntersehen kann. Ich bin nach dem Konzert noch auf eine WG-Kostüm-Party eingeladen – das Motto lautet „Weltraumhochzeit“, und so sehe ich vermutlich auch aus. Ist aber kein Problem, ich werde nicht einmal schief angesehen. „Dit is Berlin“. Wenn ich mich so umsehe, könnte der ein oder die andere später auf dieselbe Feier gehen.

Als das Licht erlischt, erkenne ich auch den riesigen Bildschirm, der weit oben über der Bühne schwebt. Parcels betreten das Podium, für die Australier ist dies quasi ein Heimspiel; seit Jahren leben die Bandmitglieder in Berlin. Der Blick wechselt zwischen Band und Bildschirm. Wenn man sich die Live-Aufnahme ansieht, erinnert es ein wenig an Konzerte der 60er, von denen meist nur Bewegtbilder mit schlechter Qualität übrig geblieben sind. Oben auf dem Display könnte auch ein Konzert der Beatles laufen – Gitarrist Jules Crommelin sieht George Harrison ohnehin ungemein ähnlich –, stünde zeitgleich dazu die Band nicht gerade auf der Bühne. Die Menge kreischt.

Parcels beginnen den Abend mit dem minutenlangen Intro „LIGHT“, das ihre neue Platte ebenso einleitet wie auch den Abend. Spannung baut sich auf, das Publikum ist heiß auf die kommenden eineinhalb Stunden. Die Band auch, man merkt der ganzen Gruppe an, dass ihnen der Zuspruch gefällt. Kaum verwerflich also, dass sie diesen Moment ausreizen, bis ihr Jam nahtlos in einer ihrer neuen Singles verschwimmt.

Parcels veröffentlichten nur einen Tag vor dem Konzert ihr nächstes (Doppel-)Album „Day/Night“, ihr zweites. Das Publikum, die saalfüllende Traube an Fans, wird zu einer sich im Takt bewegenden Masse. Was zugegebenermaßen etwas verwundert, die Atmosphäre aber ganz gut beschreibt, ist der Umstand, dass in der gesamten Zuschauerschaft vielleicht nur zwei Leute ihr Handy in der Hand halten, um zu filmen.

Bis schließlich der ganze Saal eine Disco ist

Eine extrem langsame Version von „Tieduprightnow“ schließt sich an, einem Track, der sich sonst optimal zum Tanzen geeignet hätte. Die Band entscheidet sich dagegen, stattdessen wird weiterhin umhergeschwankt. Ist aber kein Problem, es sollen noch genug Songs folgen, die dazu einladen werden, sich nicht mehr nur auf beiden Beinen stehend hin und her zu bewegen.

Denn das Intro scheint, im Nachhinein betrachtet, wie der Spoiler zu funktionieren, den man zu Beginn vor der Nase serviert bekommt, aber als solchen nicht wahrnimmt. Mit langsamem Start nimmt der Abend an Fahrt auf, bei „Overnight“ ist das Publikum kaum noch zu halten. Spätestens danach ist der ganze Saal eine Disco. Ein Hexenkessel der Euphorie formt sich vor der Band, die sich offensichtlich am Zuspruch des Publikums erfreut. Spätestens jetzt zücken auch einige mehr ihre Telefone, um den Moment festzuhalten.

Nach jedem Track wird lange applaudiert; einmal müssen Parcels nach einer gefühlten Minute das Grölen der Menge unterbrechen, indem sie einfach den nächsten Song beginnen. Bei „Famous“, einem Track ihrer neuen Platte, ist ein Switch enthalten, bei dem sich Tempo und Melodie schlagartig ändern – das Publikum summt noch eine Sekunde weiter und auch mir fällt erst im Nachhinein auf: „Ach ja, da war ja was“ – kann passieren, wenn das Album erst seit einem Tag draußen ist.

„Somethinggreater“ ist ihr letzter Song, ebenfalls von „Day/Night“. Sichtlich erschöpft retten sich Parcels schließlich von der Bühne. Erst jetzt beginnt die Menge „Zugabe“ zu rufen, was sich wenig später jedoch in die Textzeilen von „Somethinggreater“ verwandelt. Alle singen den Text mit. Der nahezu surreal wirkende Moment währt jedoch nur sehr kurz, denn kaum ist der Refrain einmal durch, gehen Licht und Musik an, was den feierlichen Gesang mit einem Mal erlöschen lässt. Etwas dreist, das Geträller im Kanon hätte vermutlich noch minutenlang angehalten. Man scheint es eilig zu haben, sofort kommen Roadies auf die Bühne, bauen ab – kurz darauf werden alle rausgeschmissen.

Parcels übertrugen nicht nur pure Freunde auf ihr Publikum, sondern verwandelten das Theater am Nollendorfplatz geradewegs in eine vor Hedonismus triefende Funk-Disco. Gute Laune spendend, schaffte die Band immerhin eine knappe Spielfilmlänge an Tracks, bevor ihnen die Puste ausging. Mit der gewonnenen guten Laune starte ich dann auch zur „Weltraumhochzeit“.