Zu Besuch bei Colour Haze in Berlin: Aufzeichnungen eines Berauschten


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Vor dem Eingang des Festsaals Berlin lerne ich bei Bier und Zigarette zwei Kerle kennen, die meine Eltern sein könnten. Beide sind von weiter her angereist und teilen sich einen Joint im Raucherbereich. Nachdem ich alle Vorzüge dieser netten Zusammenkunft genossen habe, schieben wir uns gemeinsam in die ziemlich volle Konzerthalle. Wir verpassen, wie Colour Haze auf die Bühne treten – zumindest tue ich das, denn ich sehe die beiden an diesem Abend nicht wieder.

Etwas wundere ich mich über die Vorkehrungsmaßnahmen, bevor ich die tiefen Basstöne des minutenlangen Intros genießen kann. Der ganze Saal ist bestuhlt, nicht ein Mensch steht. Hat das Berghain nicht letzte Woche wieder aufgemacht? Ich nippe kurz am Bier, lasse die mir unverständlichen Bürokratievorschriften am Eingang und quetsche mich auf einen noch freien Platz am Rand der Bühne.

Stefan Koglek steht präsent auf der linken Seite des Podiums und spricht nach Minuten der virtuosen Riff-Wiederholungen zum ersten Mal ins Mikro. Nur kurz, dann widmet er sich wieder seiner Gitarre. Etwas lenkt mich ab: Hinter dem legendären roten Stage-Piano erkenne ich dann den Aufdruck auf Jan Faszbenders Shirt: „Strawinsky“ steht da rot auf blau in krakeliger Schrift. Geiler Typ.

Weil ich mein Bier etwas zu hastig trinke, muss ich nach „We Are“ pinkeln. Es ist der erste ihres kürzlich unter gleichem Titel erschienenen Remastered-Album. Und es ist der zweite Track ihres Sets. Klasse. Was macht man, wenn man nach zwei – zu meiner Verteidigung: sehr langen – Stücken schon auf Toilette muss? Aushalten. Das schaffe ich auch, eine Weile zumindest. Bis ich mir einrede, dass mein Bier ja sowieso leer ist und ich auch einfach zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann.

Keiner tanzt nicht

Mittlerweile habe ich etwas von dem Zeitgefühl verloren, das vorm Eintritt in den Festsaal auf jeden Fall noch in irgendeiner Jackentasche herumgeflogen ist. Einige Meter vor der Bar sitzt ein Typ in einer der hinteren Stuhlreihen, und ich erkenne die brennende Glut noch bevor ich den Qualm riechen kann; sitzt dort und pustet den Rauch hinunter zu seinen Füßen. Und dieser selbstüberzeugte Stil, der ihn nach mehreren – offensichtlichen – alkoholischen Getränken glauben lässt, dass es keiner mitbekommen würde, wenn er sich hier eine ansteckt, lässt mich etwas neidisch werden. Darum laufe ich zur Theke.

Colour Haze ist mittlerweile bei einem älteren Song gelandet. Die einstudierte Show wirkt mehr und mehr wie eine schleppend in sich kehrende Jam-Session. Einer, bei der hunderte Menschen zuschauen dürfen und die Band bekannt für ist. Die ersten Zuschauenden hält es nicht mehr auf den Stühlen. In jeder Sitzreihe ist mindestens eine Person, deren schulterlange Harre im Takt gegen den Stuhl vor sich schlägt. Am Tresen bestelle ich ein Pils und etwas, das „Hemingway“ heißt, aber nicht so schmeckt. Ein Weinglas steht unbeaufsichtigt an der Bar. Dann gehe ich auf’s Klo.

Als ich wiederkomme, bedankt sich Koglek beim Publikum. Schweiß läuft ihm die Schläfe herunter. Auf Toilette hatte mir jemand beim Pinkeln erzählt, dass er ein großer Fan der Band sei, die Snare ihm aber zu leise wäre. Liegt vielleicht an der verschachtelten Konzerthalle, hatte ich darauf geantwortet, aber bis zuletzt nicht hören können, was genau er damit meint. Ab hier nehme ich trotzdem seine Meinung an, und tue so, als wäre sie meine. Also die Snare war auf jeden Fall zu leise, lag bestimmt an der Akustik.

Komischerweise ist mein Bier schon wieder leer. Konzertbar-Drinks sind ganz schön teuer, geht mir durch den Kopf, während ich das Glas Rotwein, das immer noch allein auf dem Tresen steht, zwischen meine Finger gleiten lasse. Ich glaube, ich tanze. So wie mittlerweile fast alle in diesem Saal. Ein Mädchen klettert auf die Bühne und tanzt neben dem Gitarristen. Sie versucht’s mit einer Luftgitarre, Stefan Koglek sieht kurz und beifällig zu ihr hinüber, bevor er sich einem grölenden Solo widmet. Grölend, weil der ganze Saal hin und her schwingt. Keiner tanzt nicht.

Vor dem Laden stehe ich dann noch kurz herum und spreche mit irgendwem, der meint, die Band persönlich zu kennen. Eigentlich trinke ich nur meinen Drink aus, bis ich mich wundere und ihn frage, ob dieser riesige Bus vor der Halle das Band-Mobil sei. Er bejaht, als würde er es tatsächlich wissen. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass sie immer noch in einem alten VW-Bus durch die Gegend fahren würden. Eigentlich absurd wenn man daran denkt, dass die Band schon seit 1994 zusammen aufritt.

Ein Abend, der seicht begann und in Ekstase endete. Bei ihrer vorletzten Show der Tour hätte man erwarten können, das Colour Haze etwas müde werden. In Berlin zeigten sie, dass sie unaufhörlich volle Reihen von ihren Stühlen zerren können. Und vermutlich wie viele andere auch in dieser Nacht torkle ich dann nach Hause.