Live-Review: Paul McCartney packt bei „Something“ Harrisons Ukulele aus

Die lebende Legende spannte beim zweiten Abend im Fonda Theatre in Hollywood einen Bogen durch die Jahrzehnte – 25 Songs, pure Freude.

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„So close“, scherzte Paul McCartney mit dem Publikum, das bei seiner Show am Samstag im Fonda Theatre in Hollywood „Something“ mitsang. Es war einer von einigen Songs, die sich von der Setlist des Vorabends in demselben Haus unterschieden. „Diese Ukulele hat mir George geschenkt“, erklärte er, bevor er mit einem federnden, beschwingten Vortrag in den von George Harrison geschriebenen Beatles-Song einstieg und später zur Akustikgitarre wechselte, um den Song abzurunden.

McCartneys Samstagsshow war der zweite von zwei Abenden, die glückliche Fans zu einem intimen Set in dem Venue mit 1.200 Stehplätzen zusammenbrachten. Die Wochenend-Shows waren seine ersten Konzerte, seit er die Got Back Tour abgeschlossen hatte – und sie krönten eine Woche, in der er sein erstes neues Album seit fünf Jahren angekündigt hatte: „The Boys of Dungeon Lane“, von dem bereits die erste Single erschienen war, die nachdenkliche Ballade „Days We Left Behind“. Obwohl diese Nachricht noch ganz frisch war, spielte er den neuen, wehmütigen Song an diesem Wochenende nicht live.

Stattdessen bekamen jene, die nach der Lotterie-Anmeldung einen der begehrten Tickets ergattert hatten, eine komprimierte Version seiner Got-Back-Tour-Setlist geboten: 25 Songs in knapp zwei Stunden. Diesem kleinen Auftritt gingen ähnliche Underplays voraus – darunter einer in Nashville in der 4.500 Personen fassenden Pinnacle im November sowie, noch bescheidener, gleich drei Pop-up-Shows im Bowery Ballroom mit seinen 575 Plätzen vor gut einem Jahr. Das Fonda liegt kapazitätsmäßig genau zwischen diesen beiden Extremen – doch McCartney lieferte das ab, was als „Paul McCartney Rocks the Fonda!“ angekündigt worden war, und noch einiges mehr.

„Help!“ als Eröffnung

Auf der Got Back Tour hatte er „Help!“ wieder ins Programm aufgenommen – zum ersten Mal seit 1965 in voller Länge. ROLLING STONEs Rob Sheffield bezeichnete es als den „emotionalen Höhepunkt“ beim Tour-Auftakt in Palm Springs im September. Auch im Fonda eröffnete er damit: ein gemeinschaftliches Bekenntnis in unruhigen Zeiten, das die Fans in Begeisterung versetzte und zugleich den Blick zurückwarf auf Jahrzehnte voller Kostbarkeiten aus seinem riesigen Katalog – Beatles, Wings und Solowerk.

Neben seiner Hommage an Harrison ehrte er im Laufe des Abends auch Jimi Hendrix mit einem mitreißenden instrumentalen Cover von „Foxey Lady“, das er an „Let Me Roll It“ anhängte. Später widmete er seiner Frau Nancy Shevell, die im Publikum saß, das von Klavier getragene „My Valentine“.

Begleitet von seiner seit Jahren eingespielten, grandiosen Band – Keyboarder Paul „Wix“ Wickens, Gitarrist Rusty Anderson, Gitarrist und Bassist Brian Ray sowie Schlagzeuger Abe Laboriel Jr., ergänzt durch ein dreiköpfiges Bläser-Ensemble – erzählte der meistgeliebte lebende Musiker der Welt Geschichten so locker wie bei einem Dinner mit alten Freunden. Nur dass diese Freunde berühmt sind und die exklusive Runde neben glücklichen Ticketbesitzern auch Elton John und Sharon Osbourne umfasste, die offenbar den Balkon bevölkerten, der für das reguläre Publikum gesperrt war. McCartney kommentierte die Sitzordnung mit entwaffnendem Humor: „Wie geht’s euch da oben, in den teuren Plätzen, ich seh‘ euch“, witzelte er. „Und all die armen Leute hier unten.“ Doch egal, von wo aus man schaute – allein im Raum zu sein war ein Privileg, das niemand als selbstverständlich betrachtete: Vor dem Eingang standen Dutzende Menschen und hofften, noch irgendwie an ein Ticket zu kommen.

Anekdoten über Tony Bennett

Eine Erinnerung beim Abendessen betraf Tony Bennett: Der habe bei einer Show geschwärmt, wie sehr ihm die Akustik des Saals gefalle, und den Tontechniker gebeten, das Mikrofon abzuschalten – woraufhin McCartney Bennett nachahmte, wie er „Fly Me to the Moon“ ohne Mikro sang. Bennett habe denselben Trick später im Beverly Hilton Hotel wiederholt, zu McCartneys sichtlichem Vergnügen.

Er erinnerte auch an die Beatles und ihre Zeit in Liverpool, vier Jungs, die „irgendwann nach Amerika kamen, wo alles neu und anders war“ – und wo es jede Menge schreiende Mädchen gab, wie er hinzufügte. „Gebt mir einen Beatles-Schrei“, forderte er das Publikum auf, das dieser Aufforderung begeistert nachkam, bevor er in „From Me to You“ überging.

Während die Setlist weitgehend der seines Got-Back-Programms und auch der Fonda-Show vom Freitag entsprach, erlebten die Samstagsbesucher einige besondere Überraschungen, die dem Publikum des ersten Abends verwehrt geblieben waren – darunter ein atemberaubendes „Maybe I’m Amazed“. Seine Stimme war so geschmeidig wie eh und je, wechselte mühelos zwischen zarten Falsett-Passagen und rauer, aufgewühlter Emotion. Ein weiterer Glanzpunkt in einer fehlerfreien Nacht war „Band on the Run“ – er und die Band lieferten das dreiteilige Epos nahtlos ab. Für ein inniges „Blackbird“ stand McCartney allein auf der Bühne.

Intimität ohne Handys

Dass der Musiker, der seit Jahrzehnten Arenen und Stadien füllt, keine Pflicht hat, in kleinen Venues zu spielen, liegt auf der Hand – aber am Samstag war spürbar, dass ihm diese Underplays ebenso viel bedeuten wie den wenigen Glücklichen im Saal. Und Freude, die können wir alle gebrauchen in diesen Zeiten. Früh im Set begrüßte er die Anwesenden im 100 Jahre alten Theater, das einst als Music Box bekannt war, und sagte später, er genieße es, „die Vibes im Fonda zu spüren“. Vor „I’ve Just Seen a Face“ bemerkte er vergnügt: „Schön, euch alle zu sehen … eure wunderschönen Gesichter“ – und schwelgte sichtlich darin, dass er sogar die „strahlenden Augen“ aller sehen konnte.

Das Konzert verlangte von den Besuchern, ihre Handys wegzusperren, was die Intimität noch verstärkte und an Zeiten erinnerte, in denen ein gemeinsam erlebter, besonderer Moment alles war, was man brauchte, um Erinnerungen zu schaffen. McCartney hielt sich zwar aus der Politik heraus – auf Präsident Trump verwies er allenfalls durch einen albernen Tanzschritt –, doch die Show wirkte an einem Wochenende, das auch einen wichtigen No-Kings-Protest umfasste, wie Balsam und kurze Auszeit von der Welt da draußen. Zumindest für zwei magische Stunden.

Bei der Zugabe dankte er dem „fantastischen Publikum, aber jetzt ist es Zeit für uns, nach Hause zu gehen – und für euch auch“. Den Abschluss bildete das „Abbey Road“-Medley, mit dem er seine Shows seit einer Weile beschließt: „Golden Slumbers“, „Carry That Weight“ und „The End“ – ein Finale, das manchen im Publikum Tränen in die Augen trieb. Eine kathartische Krönung für einen außergewöhnlichen Abend.

Setlist

  • „Help!“
  • „Coming Up“
  • „Got to Get You Into My Life“
  • „Let Me Roll It“
  • „Foxey Lady“
  • „Getting Better“
  • „Let ‚Em In“
  • „My Valentine“
  • „Nineteen Hundred and Eighty-Five“
  • „Maybe I’m Amazed“
  • „I’ve Just Seen a Face“
  • „Every Night“
  • „From Me to You“
  • „Blackbird“
  • „Now and Then“
  • „Lady Madonna“
  • „Something“
  • „Band on the Run“
  • „Ob-La-Di, Ob-La-Da“
  • „Get Back“
  • „Let It Be“
  • „Hey Jude“
  • „Golden Slumbers“
  • „Carry That Weight“
  • „The End“