“Polizeiruf 110”: “Grenzgänger” mit Borderline-Syndrom

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“Polizeiruf 110”: “Grenzgänger” mit Borderline-Syndrom

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Ist das nicht die Intro-Musik von „True Detective“? Nein, das ist nur die Unterhaltungsmusik, die Olga Lenski (Maria Simon) hört, während sie durch eine von sattem Grün durchzogene Landschaft fährt. Olga wurde an die östliche Grenze von Brandenburg versetzt und offenbar einem bilateralen Ermittlungsteam zugeordnet – was der Film “Grenzgänger” zwar mit dem Titel andeutet, aber niemals erklärt. Das vierschrötige Wachtmeister-Monument Horst Krause wurde außer Dienst gestellt – eine ihm ähnelnde Gestalt auf einem Motorrad nebst Beiwagen kommt Olga auf der Landstraße entgegen, aber es gibt kein Zeichen des Erkennens.

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Kommissarin und Panorama werden dann von einer Verfolgungsjagd gestört: Ein Mann springt aus einem Auto und flieht querfeldein, zwei polnische Polizisten rennen hinterher. Lenski bemerkt hinter der blutbeschmierten Scheibe des Wagens die hilfesuchende Hand eines übel zugerichteten jungen Mannes, und sie bringt den Verletzten zum nächsten Krankenhaus. Doch für Tomasz Nowak (Tim Haberland) ist es zu spät.

Für die eigenmächtige Ambulanzfahrt wird das erste Dienstprotokoll in dem Kommissariat zwischen Frankfurt (Oder) und Sublice fällig. Lenskis neuer Partner Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) fährt immerhin auch Motorrad, aber sie wird sich an ein anderes Tempo gewöhnen müssen: Raczek ist schnell, jung und möglicherweise witzig, und er spricht Polnisch wie Deutsch – seine landsmannschaftliche Zugehörigkeit verschweigt er.

Eine Fight-Club-Plotte

Regisseur Jakob Ziemnicki erzählt die deutsch-polnischen Missverständnisse und Döntjes nach einem von drei Autoren notdürftig zusammengezimmerten Drehbuch gutmütig und behäbig wie in Opas Komödienkino – leider erzählt er nebenbei auch eine klischeehafte Familientragödie, die steil als Fight-Club-Plotte aufgerüscht ist: Mutter Marta (Danuta Stenka) erfährt, dass ihr Sohn Tomasz tot ist. Marta arbeitet in der Anwaltskanzeli von Hans Vogel, den Manfred Zapatka patentiert als etwas entrückten, tragikumflorten Altbeau gibt. Sein Sohn Tobias (Christoph Luser) erscheint mit einer Verletzung an der Augenbraue und macht einen derb übermotivierten Eindruck – vor unterdrückter Wut kann er kaum laufen. Ihm gehört der Boxclub, in dem Tomasz trainiert hat – was allerdings nicht vollkommen erklärt, weshalb Tobias Vogel meistens mit geöffnetem Hemd, freiem Oberkörper oder nackt gezeigt wird. Beim Sparring prügelt er auf den Gegner ein, als wollte er ihn töten.

Lenski und Raczek sind skeptische Ratio und männlicher Überschwang, und natürlich ermitteln sie gegen- statt miteinander. Man erfährt, dass Tomasz in Frankfurt-Oder Kulturwissenschaften studiert hat und bei seinem Professor, dessen Spezialgebiet „Strukturen der Gewalt“ sind, eine Bachelor-Arbeit über die Tschetschenienkriege vorlegen wollte. Der Professor hat eine aufgeregte Nachricht von Tomasz auf seinem Anrufbeantworter: Er sei bei der Recherche auf etwas Ungeheuerliches gestoßen. Endlich jemand, der in seiner Bachelor-Arbeit etwas Bedeutendes aufdeckt! Lenski und Raczek erkennen an diesem Zaunpfahl, dass man es offenbar mit einem illegalen “Bare Knuckle”-Kampfsportclub zu tun hat: Boxen ohne Handschuhe, bis das Blut spritzt. Im Ring-Finale wird “Grenzgänger” zur grellen Familienfarce: Alles war Eifersucht, Verschweigen und Schuld, Vater Hans grämt sich theatralisch, Sohn Vogel droht zu explodieren, und nur die Hand der Mutter kann ihn von der Entleibung abhalten.

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Das Erste

Aber was ist mit Lenski und Raczek? Werden sie die Marek und Vacek des “Polizeirufs”? Olga Lenski muss unbedingt ihr Polnisch verbessern und aufpassen, dass sie es sich nicht durch unbedachte Aktionen mit ihrem polnischen Vorgesetzten verscherzt. Sie schmunzelt schon verheißungsvoll über Raczek, der genau weiß, wie er mit Slow-Motion-Einlagen und kryptischen Klopfern wie „Ich versuche gerade, mich in einen Kaktus zu verwandeln!” die Frauen im Allgemeinen und die Kollegin im Speziellen charmant unterhalten kann.

Hauptsache, die Pathologie streikt nicht wieder so oft!

So, 20.12.15 | 20:15 Uhr, Das Erste

ARD
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