Queen: Zum 20. Todestag von Freddie Mercury


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In einem der denkwürdigsten Filmdokumente, die von ihm geblieben sind, sitzt Freddie Mercury, damals 37, vor einer Buchenfurnierwand, trägt ein weißes Unterhemd, raucht Zigaretten und trinkt aus einem bayrischen Bierkrug. „Wenn die Leute unsere Platten nicht mehr kaufen, suche ich mir was Neues. Werde Stripteasetänzer“, sagt er mustergültig ungerührt, mit seinen Stechaugen, seinem Kleiderbügelbart, dem Überbiss.

Koketterie war das nicht mal, denn 1984, zum Zeitpunkt der Aufnahme, galt Mercurys Band Queen nach dem unbeliebten Album „Hot Space“ als Abstiegskandidat. Dass sie kurz danach mit den Hits „Radio Gaga“ und „I Want To Break Free“ und einigen besonders großen Auftritten zumindest in Europa und Südamerika den alten Ruhm zurückholen würden, kann der Sänger zu dem Zeitpunkt nicht wissen. Als ihn der Interviewer Rudi Dolezal dann fragt, als welche Art von Künstler er sich sehe, antwortet Freddie Mercury: „Ich, mich? Ich bin eine musikalische Nutte, Süßer!“

Mercury, dessen Todestag, der 24. November 1991, nun zum zwanzigsten Mal wiederkehrt, hat das oft so ähnlich formuliert. Dass seine Kunst am Ende nicht mehr wert sei als das Geld, das die Fans ihm dafür bezahlen. Dass selbst die hochsoufflierten Songs, für die Queen endlose Tage im Studio verbrachten, eben doch nicht mehr als drei Minuten schöne Ablenkung seien (oder vier, oder fünf, oder sechs). Sein Musikanten- und Bajazzo-Herz mag das anders gefühlt haben, schlecht stand dem Mann im Ballettanzug das Understatement aber nicht. Auf der Bühne hatte er ein Leben lang das scheinbare Gegenteil praktiziert, die schrankenlose Eitelkeit und Dramatik, mit beinahe demagogischem Talent bis auf Stadiongröße gebracht. Aber womöglich hat er dabei wirklich die ganze Zeit gedacht (wie viele Queen-Kritker bis heute!), dass von dem Spektakel nichts bleiben würde, sobald der Trockeneisnebel verweht wäre.

20 Jahre ohne Freddie Mercury – der Gedanke macht einem erst richtig bewusst, wie furchtbar abwesend er bei den vielen Queen-Aktivitäten der letzten zwei Jahrzehnte war, auch im Geiste: Nach Ablauf des Moratoriums haben zwei der Überlebenden ein Westend-Musical gelauncht, eine Comeback-Tour mit fachfremdem Sänger unternommen, die alten Platten hundertmal neu verpackt. Und so sehr Freddie laut eigener Aussage immer die Vorstellung gefallen hatte, dass man mit Musik auch viel Geld verdienen kann, so wenig hätte sein Charakter zu diesen Aktionen gepasst. Er selbst wirkte naiv, implusiv und wenig berechnend, ein begeisterungsfähiger, flamboyanter Luxusmensch, aber auch ein ebenso desillusionierter Arbeiter, wenn es sein musste. Mit Tee und Keksen köderte er im Studio die Bandkollegen, wenn noch mehr und noch mehr Chorspuren eingesungen werden mussten. Als er sich nach hervorragenden Nächten in Gay-Clubs sicher war, dass Queen mal ein Dance-Album machen sollten – machten Queen ein Dance-Album. Die Filmaufnahmen vom sterbenskranken Freddie, der kurz vor dem Aids-Tod buchstäblich bis zum Umfallen die Hauptrolle im Video „I’m Going Slightly Mad“ spielt, kann man in der neuen DVD-Dokumentation „Days Of Our Lives“ sehen.

„Don’t Stop Me Now“ hieß 1978 seine selbstzerstörerische, selbstanfeuernde Hymne, mit der Mercury – schon vor jeder öffentlichen Diskussion über den HIV-Virus – ausschloss, dass er sich von irgendwas auf der Welt den Spaß verderben lassen würde. Einen seiner größten Hits „Crazy Little Thing Called Love“ schrieb er tatsächlich in der Badewanne. Und wer beim Hören von Queen immer noch die Krätze kriegt und die lose, frivole, Dorian-Gray-hafte Lust nicht nachvollziehen kann, die dieser sehnsüchtige Mann mit dem Bart in seine Kunst legte, der soll wenigstens das delikate „Killer Queen“ hören, Mercurys schönste Komposition und Selbstbezichtigung: „Let them eat cake, she says, just like Marie Antoinette.“

Wer ist in den 20 Jahren in Freddie Mercurys leere Fußstapfen getreten? Nicht Lady Gaga, die sich zwar verkleidet und bacchantisch aufführt, aber alle Fäden fest in den Händen hält. Nicht Rufus Wainwright, der völlig anderen Vorbildern nacheifert und die Etikette wahrt. Eine musikalische Nutte zu sein, einer, der den Schülerband-Freunden sagt, dass er kein Star, sondern eine Legende sein wolle, der einen Rock-Song über die dialektische Erfahrung des schwulen Daseins schreibt und dann scheinbar alles ruiniert, indem er dazu ein Video mit nackten Frauen auf Fahrrädern dreht – das erscheint heute so fern und undenkbar wie sehr vergilbte Schmalfilme aus den 70er-Jahren.

Es ist etwas, das wir verloren haben. Unter anderem vor 20 Jahren, als Freddie sterben musste. Lasst uns ihn niemals vergessen.

Die neue Queen-Dokumentation „Days Of Our Lives“ erscheint am Freitag, 25.11., bei Universal. Der Bildband „40 Jahre Queen“ ist eben im Hannibal-Verlag erschienen.