Raye setzt alles auf eine Karte mit dem hochambitionierten „This Music May Contain Hope“
Der britische Star liefert eine 73-minütige Autobiografie voller romantischer Verzweiflung und emotionaler Achterbahnfahrten – und ist umso besser dafür.
„Ich habe Sie gewarnt, liebe Hörerin, lieber Hörer, oder nicht?“, verkündet Raye auf halbem Weg durch ihr neues Album. „Als ich Ihnen sagte, dass dies ein trauriger, trauriger, traaaauriger Song ist?“ Das ist kein Scherz. Die Belcanto-Kanone aus dem Süden Londons hat auf „This Music May Contain Hope“ eine Geschichte zu erzählen – eine epische Autobiografie voller romantischer Verzweiflung und emotionaler Dauerturbulenzen. Ihre mächtige Stimme ist so unaufhaltsam wie ihr Gespür für mascara-schmelzende Melodramatik.
Es ist erst das zweite Album, das Raye je aufgenommen hat – aber das erste, seit sie im vergangenen Jahr mit ihrem fantastischen Hit „Where Is My Husband?“ den weltweiten Durchbruch schaffte. Mit ihrer jazzigen Torch-Ballade, in der sie ihren Märchenprinzen anfleht, sich endlich zu beeilen und zu ihr zu finden, und wütend konstatiert: „This man is testing me!“, hat sie die Welt aufhorchen lassen.
Auf „This Music May Contain Hope“ dehnt die 28-jährige Rachel Keen diesen Song auf Albumlänge aus – und noch darüber hinaus. Es ist eine üppige 73-Minuten-Erzählung, aufgeteilt in vier jahreszeitlich betitelte Akte und 17 Songs. „I am a sob story“, gesteht sie in „Winter Woman“ – und entschuldigt sich dafür kein bisschen. Das Album ist eine einzige große Revue, in der Raye nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern die einzige Rolle: Old-Hollywood-Streicher, saftige Erzähldetails, Showtune-Glanz, Bigband-Swing, retro-angehauchtes Sixties-R&B, gelegentliche Club-Beats und ein nicht enden wollender Vorrat an glamourös-tragischen Szenarien.
Paris, 2:27 Uhr
„Allow me to set the scene“, sagt Raye in den Eröffnungsmomenten. „Our story begins at 2:27 a.m. on a rainy night in Paris. Cue the thunder!“ Aber Raye will in dieser Geschichte selbst der Donner sein. Sie ist die Heldin, die auf ihren Stilettos schwankend zurück in ihr Hotelzimmer taumelt. „She has no umbrella, she is seven negronis deep, and she nurses a hole she is desperately trying to fill.“ Niemand an der Bar hat sie in ihrem schicken roten Kleid auch nur wahrgenommen – also zieht sie es allein aus und nimmt ihre Wimpern ab. In ihrem Kopf hört sie die Stimme des Mannes, der sie kürzlich verlassen hat. Auf ihrem Handy ist eine Sprachnachricht ihrer Großmutter: „Call me please. We need to pray.“
Das klingt nach dem perfekten Rezept für eine emotionale Krise. Für Raye aber ist das, wie sich herausstellt, einfach eine ganz normale Nacht. „I Will Overcome“ gibt den Ton vor, wenn sie sich selbst Mut zuspricht: „This is a song to remind me/Since I needed one/I will overcome.“ Sie stolpert allein nach Hause, zählt die Schritte im Kopf, weil der Handyakku schon vor ein paar Drinks den Geist aufgegeben hat – und schmeißt sich dann eine einsame Spätparty, bei der sie ihre Edith-Piaf-Platten auflegt, Schokoladenkuchen isst und auf ihrem Bett herumhüpft. „It’s funny“, sinniert sie. „Some people say I remind them of Amy.“ Kein Wunder – sie schielt bewusst auf das Erbe von Winehouse.
Ihre stärksten Songs sind die witzigen Geschichten romantischer Spionage im nächtlichen London. „The South London Lover Boys“ warnt vor einem Schürzenjäger, der mit flirtendem Geplänkel auftrumpft („I’m too toxic for you, darling“, flüstert er ihr zu – und sie schmilzt dahin), unterlegt mit federndem, blechbläserlastigem Jazzpop. „He’ll pull up on you in an all-black car“, singt sie, „And start reading you poems out the window.“ Einem ähnlichen Widersacher begegnet sie in „The WhatsApp Shakespeare“: Er gewinnt ihr Herz, verbrennt es dann aber mit seinen „weapons of mass seduction“. Sie ist eine Julia, die sich Hals über Kopf in diesen Romeo verliebt – nur um festzustellen, dass sie bloß eine von sieben Hauptdarstellerinnen ist, „starring in the new romantic thriller, presenting The WhatsApp Shakespeare Killer“.
Hans Zimmer und Al Green
Unterstützung bekommt sie von ihrem Produzenten-Team, darunter Chris Hill, Tom Richards und Pete Clements. „Click Clack Symphony“ ist eine Ode an das Klackern von Absätzen auf dem Stadtpflaster, wenn sie und ihre Freundinnen für eine Nacht ausziehen – orchestriert vom Filmkomponisten Hans Zimmer. „Winter Woman“ ist die weinerliche Kehrseite: allein nach Hause, nachdem der Abend im Club nichts gebracht hat, den Fahrer an der Tankstelle anhalten lassen für eine Flasche Gin. „Skin & Bones“ zieht das Tempo an, mit cleveren Anleihen bei Aretha Franklins Soul der Siebziger („Rock Steady“) und Taana Gardners Disco der Achtziger („Heartbeat“).
„Goodbye Henry“ ist eine Verbeugung vor dem Memphis-R&B der alten Schule – und hält die größte Überraschung des Albums bereit: ein Duett mit der Legende Al Green himself. Raye, nicht gerade bekannt dafür, dramatische Momente kleinzureden, spendiert ihm eine schwungvolle Ansage: „Ladies and gentlemen!“ „Hello, hi, hope you’re doing well!“, begrüßt Rev. Green sie. „It’s nice to be on the microphone with a story to tell.“ (Schlagzeuger Mike Brooks liefert dazu einen beeindruckend präzisen Al-Jackson-Jr.-Backbeat.) Mit ihrem Großvater singt sie in „Fields“ – sie ruft ihn an und fragt, ob er sich auch so einsam fühlt – und in „Joy“ steht sie gemeinsam mit ihren Schwestern Amma und Absolutely am Mikrofon.
Der naheliegende Vergleich wäre Lily Allens „West End Girls“, ein weiteres Herzschmerz-Konzeptalbum, das die Fantasie des Publikums entfacht hat, indem es erzählerisch groß gedacht hat und die Geschichte Song für Song entfaltet. Sowohl Allen als auch Raye fordern die Zuhörerinnen und Zuhörer heraus, mit den Wendungen mitzuhalten – entgegen aller gängigen Weisheiten über die Aufmerksamkeitsspanne des heutigen Publikums. Beide Alben rechnen schonungslos mit untreuen Exen ab. Doch während Allen die Schattenseiten von Ehe, Scheidung und Elternschaft seziert, bewegt sich Raye im Terrain der ersten großen Liebe und des Datinglebens mit Mitte zwanzig. (Wer glaubt, es sei schlimm, keinen Mann zu haben, den verweise ich auf Allen – für einen Erfahrungsbericht darüber, wie es ist, einen zu haben.) In „Nightingale Alley“ eröffnet sie mit den Worten „This is a song about the greatest heartbreak I have ever known“ – obwohl das Album schon auf halbem Weg ist und sie längst im zweistelligen Bereich ihrer persönlichen Herzschmerz-Bestenliste angekommen ist.
Selbstgefälligkeit als Programm
Raye nimmt mit diebischem Vergnügen in Kauf, dass das Album viel, viel, viel länger ist als nötig. Das gehört zum Charme – es steckt etwas Trotziges darin, wie sie es genießt, die Geduld des Publikums auf die Probe zu stellen. In ihrem Abschluss-Track „Fin“ krönt sie die Kinomomente, indem sie „Roll credits!“ ruft und dann vier Minuten lang die vollständigen Produktionsnotizen des Albums vorliest. An Füllmaterial, Gimmicks, Wegwerfbarem und Lebensweisheiten mangelt es nicht – und selbst Ausreißer wie „Life Boat“ sind offensichtlich persönlich und aufrichtig gemeint. Was, Sie wollen ihr Selbstverliebtheit vorwerfen? Da ist sie längst vor Ihnen. Aber Selbstverliebtheit ist der springende Punkt von „This Music May Contain Hope“, und ohne ihre flamboyante Grandiosität würde das Album schlicht nicht funktionieren. „Cold never lasts, my darlings“, verkündet sie. „It just teaches the heart how to burn.“ Möge Rayes Feuer weiter lodern.