Reeperbahn Festival: Beim ANCHOR Award gibt’s den Fistbump mit Visconti


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Der Abend endet mit einer Überraschung. Sechs für den Anchor Award nominierte Acts sind aufgetreten, am Samstag im St. Pauli Theater, und den prestigeträchtigen Nachwuchspreis gewinnt dann die Band, die am klassischsten einen altbekannten Popkultur-Prototypen verkörpert: Yard Act, eine nordenglische Post-Punk-Band, mit einem eher sprechenden als singenden Sänger, der lakonisch die Gegenwart kommentiert. Keine schlechte Entscheidung, aber eben eine unerwartete Wahl, bei einer insgesamt so progressiven Kuratierung. Die Band schlurft auf die Bühne, der Sänger hält in einer Hand das Mikro, in der anderen eine Bierflasche, und bedankt sich betont lässig, sagt, dass er nur dem Jurypräsidenten Tony Visconti mal einen Fistbump geben wollte, das habe er nun getan, der Preis selbst sei nur noch eine Zugabe.

Sein englisches Understatement ist ein Kontrast zur erstaunlichen Energie der Moderatorin Hadnet Tesfai, die, mit Conchita Wurst als Sidekick, sehr gut gelaunt durch den zweistündigen Abend geführt hat. Das Format, das sich für jeden der sechs Acts wiederholte, sah dabei so aus: Zuerst ein ganz kurzes DJ-Set, das ein Medley aus Songs der Band präsentierte. Dann interviewte Tesfai ein Jurymitglied, das etwas Lobendes über den jeweiligen Act sagte. Und danach wurde ein Song live aufgeführt. Neben Yard Act waren nominiert: der Berliner R‘n‘B-Sänger Lie Ning (Wurst: „Sänger, Tänzer, Schauspieler – seine Vita liest sich wie ein OnlyFans-Profil!“), die britische Singer-Songwriterin Florence Arman, die Wiener Popsängerin Oska, die deutsche Soulsängerin May The Muse, und das Londoner Dance-Punk-Trio PVA.

Die Entscheidung sei einstimmig gewesen, sagt Visconti. Überhaupt habe sich die Juryarbeit sehr harmonisch gestaltet, „im Gegensatz zu anderen Jahren“. Der legendäre Produzent ist ein Reeperbahn-Routinier, führt schon zum sechsten Mal die Jury an. Letztes Jahr notgedrunken aus New York zugeschaltet, dieses Jahr wieder vor Ort in Hamburg. Es sei einer koordinativen Meisterleistung des Geschäftsführers Alexander Schulz zu verdanken, diesem „creative visionary“, dass das Reeperbahn Festival 2021 in dieser Form stattfinden konnte. Gerade vor dem Hintergrund, dass es sich ja um ein internationales Festival handelt, das Bands, Labels, Manager, Funktionäre aus der ganzen Welt zusammenbringt, was während einer globalen Pandemie eine nicht unerhebliche Herausforderung darstellt.

Beim Grill- und Bierempfang des MXD konnten deutsche Musikförderer neidisch werden

Gastland des diesjährigen Festivals war übrigens Dänemark. Das Land hat, neben der Schweiz, die vorbildlichste und großzügigste Pop-Förderung Europas und stellte während des Festivals in insgesamt acht Showcases Newcomer aus verschiedensten Genres vor. Beim Grill- und Bierempfang des MXD (Music Export Denmark), direkt vor der Preisverleihung, konnten die deutschen Musikförderer neidisch werden.

Wie schön sie ist, die Rückkehr der Livemusik, da sind sich bei den Anchor Awards alle einig. Der Hamburger Kultursenator Dr. Carsten Brosda sagt in einer emotionalen Rede, dass er die letzten achtzehn Monate wie ein Prediger durch die Stadt gezogen sei, um Entscheidungsträgern die zwingende Bedeutung der Live-Kultur nahezubringen. Die ist nun endlich wieder zurück.

Wenn auch mit Abstrichen: Abstände, Masken, Tanzverbote, Einlassstops, ohne sie war es wohl nicht zu machen. Aber natürlich haben sie vor Augen geführt, wie weit wir von einem Prä-Covid-Zustand entfernt sind. Und wie wichtig Nähe und Bewegung sind, Freiheit und Enthemmung, schwingende Körper in dichten Räumen. Für eine richtige Konzerterfahrung gibt es einfach keinen Ersatz. Wie wird das nächste Reeperbahn Festival aussehen? Prognosen wären albern, bei so vielen Unsicherheiten. Nur auf eines kann man wetten: Die Auswahl der Bands wird unerwartet, aufregend und fantastisch sein (Und Tony Visconti wird wahrscheinlich Jurypräsident).

Jan Jekal