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Reeperbahn Festival: Die Popwelt im Kampf gegen Sexismus


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Leute, die viel Popmusik hören, oder beruflich mit Popmusik zu tun haben, verstehen sich häufig als progressiv. Popmusik bedeutet ja, eine andere Identität anzunehmen als die von den Eltern gewünschte. Popmusik ist, wenigstens im Selbstverständnis, irgendwie subversiv, wirft Altes über den Haufen. Die Musikindustrie wird somit, könnte man meinen, weniger sexistisch sein als der Rest der Gesellschaft. Die Bewegung Keychange hat am Donnerstag auf dem Reeperbahn Festival die Ergebnisse einer Studie zur Geschlechtergerechtigkeit in der deutschen Musiklandschaft vorgestellt. Das Ergebnis der mit der Malisa Stiftung durchgeführten Studie ist erst einmal wenig überraschend: Frauen sind auch in der Popwelt sexistischer Diskriminierung ausgesetzt. Aber: Es gibt konkrete Maßnahmen, die getroffen werden können, um dem entgegenzuwirken.

Ein paar Zahlen: 96 Prozent der befragten Frauen geben an, schon einmal diskriminierende Erfahrungen in Bezug auf ihr Geschlecht gemacht zu haben. Frauen, die in der Berufsgruppe Musik in der Künstlersozialkasse versichert sind, verdienen 25 Prozent weniger als Männer. Und nur 15 Prozent der befragten Frauen finden, dass Männer und Frauen die gleichen Chancen in der Musikwirtschaft haben. Als größte Hindernisse werden Vetternwirtschaft und männliche Netzwerke, Intransparenz und Stereotype genannt. Strukturelle Diskriminierung bedeutet, dass es nicht (unbedingt) das Fehlverhalten von Individuen ist, das die Ungleichheit aufrechterhält, sondern dass sie das Ergebnis einer bestens geölten Maschine ist, die den Akteuren ihren Handlungsspielraum schon vorgibt und ihnen Entscheidungen abnimmt.

Keychange-Pledge: 50 Prozent des Line-ups bestehen aus Acts mit weiblicher oder geschlechtlicher Minderheitenbeteiligung

Was lässt sich dagegen tun? Besonders leidenschaftlich diskutiert wird in diesem Zusammenhang die Quote. Über die Hälfte der befragten Frauen fänden Quotenregelungen (für weibliche Führungskräfte in der Musikbranche oder für weibliche Acts auf Festivals) gut, bei den Männern ist es nur ein knappes Drittel. Am Beispiel der Quotenregelung bei Aufsichtsräten und Vorständen, die in der Vorstellung zitiert wird, zeige sich aber deutlich, dass eine Quote wirke. Das Reeperbahn Festival geht in jedem Fall mit gutem Beispiel voran und hat sich dem Keychange-Pledge angeschlossen: 50 Prozent des Line-ups bestehen aus Acts mit weiblicher oder geschlechtlicher Minderheitenbeteiligung.

Auf geschlechtliche Ausgewogenheit, auch das wird in der Studie thematisiert, achten ohnehin immer mehr junge Musikfans. Festivals, die von Männerbands völlig dominiert werden, haben bei ihnen einen schweren Stand. Ein Drittel der befragten 16-29-Jährigen gibt an, „auf die Repräsentation von Frauen und abinären Personen in der Musik“ zu achten. Apropos abinäre Personen: Die spielen in der Keychange-Studie praktisch keine Rolle. Da ist nur von Männern und Frauen die Rede. Es wären unter den Befragten einfach kaum sich so identifizierende Menschen gewesen, heißt es auf Nachfrage. Vielleicht ja auch etwas, das sich in den nächsten Jahren ändern wird.