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Review: Hurricane 2017, Sonntag: von Weltmusik-Piraten, Punk-Humoristen und Rave-Rap-Freaks

Diversity auf dem Hurricane-Festival: Mehr noch als die vorangegangenen zwei Tage, öffnet sich das musikalische Angebot am Sonntag in alle Richtungen. Es ist auch der Tag der Typen: das Grusel-Ehepaar Die Antwoord, die Punk-Humoristen Die Kassierer, der Weltmusik-Pirat Gogol Bordello und Jennifer Weist von Jennifer Rostock – lauter Künstler/-innen, deren Anderssein im Zentrum der Aufführung steht.

Das gilt auch für Seasick Steve, der am frühen Nachmittag auf der Green Stage seinen Hundehütten-Blues spielt, begleitet von einem ebenfalls langbärtigen Multiinstrumentalisten. John-Deere-Mütze, selbst gebaute Gitarren, Rotwein aus der Flasche: Da stehen zwei naturbelassene amerikanische Männer und spielen Musik von Gestern mit einer sehr gegenwärtigen Energie.

Seasick Steve

Nebenan ist die andere Seite der Welt – die 257ers führen einen kurzweiligen deutschen HipHop-Kirmes mit Kostümwechsel, Schaumkanonen und immer auch ein bisschen selbstironischem Klamauk auf.

Kooperation

HipHop, Garage Rock – und die Kassierer

Zeitverlust auf der White Stage im Zelt: Highly Suspect sind zu spät gekommen und ertrinken nun im eilig zusammengemischten Sound. Doch langsam schält sich aus dem unfreiwilligen Chaos das freiwillige. Das Trio aus Cape Cod, Massachusetts, lässt Gitarren kollabieren und rührt einen Brei aus Garage Rock, Grunge und Stoner Rock an. Irgendwas geht hier dem Vernehmen nach immer kaputt, heute ist es immerhin ein Mikrofonstativ.

Bands am laufenden Band: Gogol Bordello kommt aus den USA, ist aber der europäische Willy DeVille, seine Musik ein aufgekratztes, zwischen Folklore und Punk-Energie changierendes Multikulturspektakel. Die Kassierer leben weiterhin von dem Überraschungsmoment, dass da ältere Herren auf der Bühne wirklich so schmutzige Wörter in den Mund nehmen – ungläubige Blicke allerorts. Ein Zuschauer lässt sich passend zur Musik mit schlammigen Grassoden bewerfen, der nasse Boden beginnt zu stinken.

Bilderbuch lassen uns Gospel singen und sprechen davon, dass man Terror nicht mit Angst, sondern mit Humor begegnen sollte – es folgt das Lied „Babylon“. Dass diese Musik kein Versuch eines konzisen Entwurfs sein soll, sondern aus dem Moment entsteht, wird auf der Bühne noch deutlicher als auf den Alben. Die Britpop-Electronica von Archive scheint ein alter Hut zu sein, doch die Inszenierung auf dem Hurricane gelingt: Flimmernde Leinwände, mysteriöse Sounds, das Konzert ist eher Gesamtkunstwerk als Songzyklus.

Bilderbuch

Deutscher Rock, schwedischer Soul und britsche sophistication

Ein Gesamtkunstwerk ist auch Jennifer Weist, die mit ihrer Band Jennifer Rostock auf der großen Green Stage leicht besteht. Neue Deutsche Welle und Nu Metal, Pop und Punk als Backdrop, davor die Sängerin mit derber Bodenhaftung („zicke zacke zicke zacke, hoi hoi hoi“), aber natürlich auch positiven Botschaften für ein grenzenloses Miteinander. Toll zu hören, wie selbstbewusst und ungebremst diese Band spielen kann.

Mando Diao melden sich mit einem musikalisch berückenden, aber nicht um jeden Zuschauer kämpfenden Set zurück – seit Gustav Norén weg ist, tritt das früher entscheidende Halbstarke etwas in den Hintergrund. Zudem ist es der späte Sonntagnachmittag, man kriegt sich nicht mehr so mir nichts, dir nichts körperlich beteiligt.

Eben diese körperliche Beteiligung ist bei alt-J ohnehin nicht erwünscht. Die Briten machen ihre Musik auch auf der Bühne mit einer solchen Sophistication, dass man eher einer Ausstellung beiwohnt, als ein Konzert zu hören. Die drei Musiker werden durch Leuchtstäbe voneinander getrennt – hier soll nichts zusammenfließen, kein Beat, kein Wert, kein Ton, alles erklingt in strukturierter Synchronisation. Englischer Prog-Folk, für die Moderne neu programmiert, nerd perfection, natürlich wunderschön.

Alt-J

Dann ist ein paar Stunden Electro. Die Südafrikaner von Die Antwoord führen ihre auf Provokation getrimmte Rave-Rap-Freakshow auf, RL Grime spielt im Zelt ein DJ-Set, genau wie bald darauf Fritz Kalkbrenner auf der Blue Stage: ein ruhiger Fluss zur Entspannung der Gemüter und eine Art vorweggenommener Festivalausklang.

Die Rückkehr des Benjamin Griffey

Dann hat Casper den besten Moment des Hurricane-Festivals 2017. Als der Vorhang fällt, brennt die Luft – Benjamin Griffey und seine Band haben eine riesige Energie, das Miteinander zwischen Bühne und Publikum gelingt sofort. Casper ist vollständig Teil dessen, was hier passiert. „Im Ascheregen“ und „Auf und davon“ feiern den Aufbruch, „Ganz schön Okay“ die Erinnerung ans Jungsein. Der Künstler ist nur noch vorn am Steg und sichtlich ergriffen von Begeisterung und Gemeinschaftsgefühl. Dann wendet sich das Set: Auf das trauernde „Ariel“ folgen das neue „Sirenen“, ein finstere Walze von einem Lied, und das ebenfalls stockdunkle „Lang lebe der Tod“. Casper steht auf einer in die Luft gezogenen Plattform ein paar Meter über der Bühne, zwischendurch gibt es Feuerwerk.

Es gibt Momente in der Entwicklung von Musikern, in denen sie den nächsten Schritt gehen und dann in der Lage sind, sehr viele Menschen zu erreichen. Vielleicht ist das hier für Casper so ein Moment.

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Günther Rojahn
Günther Rojahn
Günther Rojahn

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