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Review: „Twin Peaks“, Staffel 3, Folge 8: Die Atombombe des BOB alias WTF?


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Spoiler-Alert: Bitte nicht hinterher beschweren!

Die Kritiker überschlagen sich, es ist von „Breaking The Internet“ (etwa: „Das Netz in die Knie zwingen“) die Rede, von der „größten Episode in der Geschichte von ‘Twin Peaks‘“ – oder einfach nur David Lynchs persönlichem „Tree Of Life“-Moment“. Eine Anspielung auf Terrence Malicks gleichnamiges Drama von 2011, bei dem innerhalb einer traumartig angelegten Sequenz die Entstehungsgeschichte des Universums und die Evolution auf der Erde verknüpft werden.

Das Internet brach nach Ausstrahlung der achten Folge sicher nicht zusammen. Dafür nehmen von dieser „Twin Peaks“-Staffel bislang leider zu wenige Zuschauer Notiz. Bemerkenswert bleibt die Episode dennoch. Zwar wurde das Netz also nicht in die Knie gezwungen – vielleicht aber der Kosmos. David Lynch zelebriert jenen Surrealismus, den wir von David Lynchs Kinowerken kennen, endlich auch fürs Fernsehen.

Das Glücksrad des Lebens

Ob die Produzenten des Senders „Showtime“ gewusst haben, was auf sie zukommen würde, als sie vor Drehbeginn ihre Portemonnaies zückten? Ahnten sie, wofür Lynch ihr Geld ausgibt? Anders gesagt: Die „Lady In The Radiator“ (aus „Eraserhead“), Fred Madisons Gang in die ewige Schwärze („Lost Highway“) oder der Angriff der Hutzelmännchen („Mullholland Drive“) – sie sind alle nichts gegen jene knapp 60 Minuten, die wir hier sehen.

Carrel Struycken und Joy Nash

„The Return Part 8“ beginnt noch recht nachvollziehbar, Cooper (Kyle McLachlan) befindet sich mit Ray (George Griffith) auf der Flucht. Ihre Autofahrt im Dunkeln mit den schwach beleuchteten Fahrstreifen wirkt als Hommage an den „Lost Highway“ ebenso wie an die noch dunkleren Straßen des „Mulholland Drive“. Am Steuer sieht Ray tatsächlich ein wenig aus wie Fred (Bill Pullman); das dünne weiße, altmodische Lenkrad erscheint wie ein Glücksrad, das sich von selbst dreht.

Mit dem vermeintlichen Tod Coopers, Ray erschießt ihn in der Wüste, beginnt jener Lynch-artige Zirkel des Lebens, an dessen Anfang ein Mord steht, dann die Aufarbeitung folgt, abschließend die Wiederauferstehung. Aus dem Nichts erscheinen dreckige, verschmorte Männer, die den Leichnam im Staub aufnehmen, Ray flüchtet entsetzt; wir kennen eine dieser Gestalten aus einer vorangegangenen Folge, sie schlurft über einen Krankenhausflur (außerdem lauerte sie bereits vor 16 Jahren hinter einem Diner in „Mulholland Drive“).

Hiroshima

Mit dem Tod Coopers setzt eine, man kann es nicht einfacher sagen, „Bilderflut“ ein. Und hier beginnen die Interpretationen, die von David Lynch und Co-Autor Mark Frost womöglich nie aufgeklärt werden.

Was entsetzlich schade ist, aber eben auch genau richtig.

Ein „Trip durch Raum und Zeit“, der – unterlegt mit Krzysztof Pendereckis flirrendem „Threnody to the Victims of Hiroshima“ – an Kubricks All-Reise des Astronauten Bowman aus „2001: Odyssee im Weltraum“ erinnert. An dessen Ende stand eine Wiedergeburt des Menschen. Bei Lynch jedoch sehen wir die Geburt des Bösen. Die gezündete Atombombe von Hiroshima, verknüpft mit dem Antlitz von BOB (Frank Silva), später gar mit Laura Palmer (Sheryl Lee). Ist Laura die Gegenspielerin BOBs?

Der Atompilz könnte versinnbildlichen, dass sich die Menschheit ihre Albträume selbst schafft – Monster wie BOB, dessen „Totenklage“ wir hören. Der wurde aus dem Atompilz geboren. Möglicherweise ist er dennoch ein Außerirdischer. Möglicherweise hat die Bombe (der Mensch und seine Waffentechnik) ihn herbeibeschworen, eine Pforte geöffnet. Atompilze schmücken das Poster im Büro des FBI-Agenten Gordon Cole, vielleicht weiß die Bundesbehörde mehr über BOB, als bislang angenommen.

Vielleicht, wer wiederum weiß das schon, bietet die Explosion auch den Schlüssel zur „Black Lodge“, in die Cooper zurückkehren soll.

Wasser im Brunnen

Folgendes sagen die schwarzen, todbringenden Männer, einen hypnotisch wirkenden Zauberspruch wie aus John Boormans „Excalibur“: „This is the water / And this is the well /Drink full and descend / The horse is the white of the eyes and dark within“. Der „Garmonbozia“-Logik aus „Twin Peaks“ entsprechend muss sich die Menschheit darauf einstellen, dass das Tor zur „Black Lodge“ nun offen steht. Und ein Riesenkäfer mit Flügeln, vielleicht BOB, fliegt durch das geöffnete Fenster, krabbelt in den Mund eines schlafenden Mädchens.

Jeder Rezensent, jeder Fan, jeder Lynchianer macht sich ein Stück weit lächerlich, wenn er die Mythologien des Regisseurs untersucht. Drei der vier letzten seiner Filme seit 1996 („Lost Highway“, „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“) gelten als nicht entschlüsselt. Und ihr Schöpfer wird den Teufel tun und sie entzaubern.

Die Abspann-Liste der Darsteller bringt die Sprachlosigkeit angesichts dieser gigantischen Traumreise zum Ausdruck. Die Credits führen auch einen „????“ auf. Dahinter verbirgt sich der „Riese“ (Carl Struycken), den wir aus den ersten beiden „Twin Peaks“-Staffeln kennen, und der auch in dieser Folge wieder zu sehen ist, zum zweiten Mal in dieser Season. Seine Rolle muss noch geklärt werden, aber er hat seinen Beitrag dazu geleistet, BOB und Laura Palmer zu gebären.

Wie kann „Twin Peaks“ nach diesem Drama je wieder zurückkehren ins Behagliche, ins Büro von Sheriff Truman und zu Andy, zum liebenswerten Dougie in der Vorstadt?

Die Serie muss es ja nicht. Sie geht nun in eine Richtung, die sie nicht mehr verlassen muss – und hoffentlich nicht wird.

Suzanne Tenner/Showtime Suzanne Tenner/SHOWTIME
Showtime
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