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Elton John Wonderful Crazy Night



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Elton John hat ein Alter erreicht, in dem er gleich zwei Adjektive vor das Substantiv „night“ stellen muss, um Zweifel an seiner Rüstigkeit zu zerstreuen. Der gleichnamige Song, der die Platte eröffnet, ist eine so wehmütige wie beschwingte Reminiszenz an die guten alten Zeiten.

Apropos alte Zeiten: Auf dem etwas blutarmen „The Diving Board“ half Roots-Music-Spezialist T Bone Burnett dem Piano-Mann vor drei Jahren, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Doch weil Elton John schnell merkte, dass das Reduzierte, das sparsame Arrangement gar nicht seine Wurzeln sind, kehrt er nun zu seinen Wurzeln zurück. Steile These: Er hat sich nie von ihnen entfernt.

Aber egal, zurück zum prallen Pop der Siebziger! Zu Himbeer­sirup-Honkytonk und Knallbonbon-Boogie-Woogie („Looking Up“)
bis hinauf zum Schmachtfetzen-Olymp mit orchestralem Meeres­panorama („The Open Chord“). Alles so schön bunt hier! Zwischendurch präludiert unser Captain Fantastic sehr manierlich, knödelt beherzt „In The Name Of You“ und schmeichelt auf Samtpfoten „Blue Wonderful“. „Claw Hammer“ beginnt mit Dobro und pseudoorientalischem Geklimper, bevor es zu einer Elton-John-typischen Selbstbehauptungshymne anschwillt. Die Elton-John-typische Ballade „I’ve Got 2 Wings“ wartet mit Schifferklavier und religiösem Erweckungspathos auf, während „A Good Heart“ ganz Elton-John-typisch auf Emo­tion und Erhabenheit setzt und „Guilty Pleasure“ noch einmal den Elton-John-typischen Rock’n’Roller aus der Requisitenkiste holt.

Elton John hat diese Lieder schon so oft wiederholt und variiert und einbalsamiert, dass er inzwischen klingt wie fleischgewordenes Weltkulturerbe. Eine griechische Statue aus Melodie und Melancholie, die auch nach tausend Jahren Verwitterung noch Anmut und Ehrfurcht gebietet. Ob es dieses Album gebraucht hätte? Ob es wonderful ist? Gar crazy? Fragen, die Normalsterbliche nicht beantworten können. Elton John aber hatte eine Menge Spaß im Studio. Abgefahren!


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