Alphaville Forever Young


enn Die Goldenen Zitronen, Axel Rudi Pell, Kim Wilde, Bushido feat. Mr. Karel Gott sowie Jay-Z und Beyoncé dasselbe Lied covern, es demnach als Punk, Hardrock, Schlager, Soul und Rap funktioniert, dann hat dessen Urheber wahrscheinlich sehr viel richtig gemacht. „Forever Young“: Wer diese zwei Wörter liest, summt das Lied unwillkürlich weiter. Es läuft bei Taufen und Hochzeiten und Beerdigungen.

Ein einziges Jahr lang, 1984, zählten Marian Gold und seine Band Alphaville zu den größten Stars des Landes, sie standen sogar in den britischen und amerikanischen Charts ganz oben. Das Album „Forever Young“ und die gleichnamige Single sowie die Auskopplungen „Sounds Like A Melody“ und „Big In Japan“ (hierzulande ihre einzige Nummer 1) waren auf jedem westdeutschen Rummel zu hören. Beim Namen „Alphaville“ dachte niemand mehr an Jean-Luc Godards Science-­Fiction-Film von 1965, sondern an Autoscooter.

Das Münsteraner Trio bestärkte den Glauben, dass heimischer Pop international funktionieren kann, solange er auf Englisch ist. Alpha­ville boten elegant klingende Wirklichkeitsflucht aus der BRD, in der die oft klamaukige Neue Deutsche Welle letzte Zuckungen zeigte und sonst die Grübler des Deutsch­rocks, wie Grönemeyer und Kunze, den Ton angaben.

Kooperation
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„Schlagzeug: Curt Cress“ dokumentierte wie damals kaum eine andere Studiopersonal-Notiz auch bei Alpha­ville die großen Am­bitionen. Aber ihr reduzierter Synthie-Pop erinnerte eher an die Vorbilder vieler deutscher Künstler: De­peche ­Mode, mit dem Unterschied, dass die Keyboarder Bernhard Lloyd und Frank Mertens weit häufiger auf die Orchestertaste hämmerten als die Briten.
Bis 1986 schaffte es Marian Gold, auch als Haltungsmusiker relevant zu bleiben. Die Gruppe engagierte sich im Benefizprojekt Band für ­Afrika, er solo beim Anti-WAAhnsinns-Festival gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Alphaville haben versucht, alles aus diesen ersten drei Jahren heraus­zuholen.

Alphaville: verpasste Möglichkeiten und gute Entscheidungen

Alphaville, London, Oktober 1984.

Als Alphaville tritt Gold heute noch auf, aber nur das Debüt ist bedeutsam. Die Plattenfirma schießt deshalb aus allen Rohren. Die „Super Deluxe Limited Edition“ beinhaltet drei CDs mit Remastern, einer DVD-Doku und Maxi-Versionen.

„Summer In Berlin“ dient als nostalgische Verknüpfung zu jener Ära, als man in der Republik mit dem fernen West- und Ostberlin vor allem politische Kämpfe verband. Gold erinnert an „You’ve got a reservation for the 17th of June“, den Arbeiteraufstand in der DDR. Das Lied klingt wie eine Gesangsversion von Georg Friedrich Händels „Sara­bande“. „To Germany With Love“ ist reine Poesie von einem, der auszog, in der Ferne das Glück zu finden, er nennt sich „Emigrant“: „I write to Germany/ In foreign words/ A tongue of ­actuality/ Coated in grey gloves.“

Die Outtakes bieten Einblicke in Produktionsentwicklungen, verpasste Möglichkeiten – und gute Entscheidungen. Das „For­ever Young“-Demo wäre mit seinem Big Beat ein würdiger Scooter-Remix, in dieser Version also nie ein Hit geworden. Die hymnenhafte B‑Seite „Golden Feeling“ hätte auf das Album gehört. Sie war Titelstück von „Der Bulle und das Mädchen“, einem Actionkrimi mit Jürgen Prochnow, chancenlos in Götz Georges Schimanski-Jahr 1985 („Zahn um Zahn“) – in Vergessenheit geraten, wie bald beinahe auch die Band.

„Du wirst hineingeworfen ins Leben, musst dich irgendwie durchwursteln, und am Ende wirst du damit bestraft, dass du stirbst“: Als Formulierung nicht ganz so edel, wie Schopenhauer sie in seinem philosophischen Pessimismus verwendet hätte, aber im präzisen Stil von Mark E. Smith. Marian Gold sagte diese herben Worte in einem jüngeren Interview, er sprach über „Forever Young“.

Da sang einer schon in jungen Jahren, dass er sich ans Leben klammert, den Tod nicht akzeptieren will. Und Gold bestätigt das heute noch, mit 64 Jahren. Das macht zwar traurig, ist aber auch von überwältigender Offenheit.

Michael Putland Getty Images

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