Andreas Spechtl Thinking About Tomorrow, And How To Build It 

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Man kann nur spekulieren, weshalb Andreas Spechtl seine Wahlheimat Berlin verlassen hat. Möglicherweise war ihm die hiesige Kunstszene zu selbstreferenziell, zu arriviert, in ihrer sich für den Nabel der Welt haltenden Prätention doch ein wenig zu blutleer, aseptisch, luftdicht abgeschlossen. Die Utopie ist anderswo!

In der iranischen Hauptstadt Teheran hat Spechtl im Winter 2016/17 sein ganz unironisch utopisch betiteltes Soloalbum „Thinking About Tomorrow, And How To Build It“ aufgenommen und eine neue Freiheit gefunden – nicht als Wohlfühloase in einem von religiösen und staatlichen Repressalien gebeutelten Land, sondern als Spiegel seiner Innenwelt, als Prozess des Reflektierens eigener Herkunft und westlicher Borniertheit. Die Heimat durch das Vergrößerungsglas der Fremde sehen. Inspiriert von einem für mitteleuropäische Ohren ungewohnten Sprachgeflecht entstanden aufregende, halluzinatorische, somnambule, in sich verschlungene Klanggebirge, die trotz oder gerade wegen ihrer Neugier und Experimentierlust jederzeit zugänglich scheinen. Hier sucht jemand mit offenem Herzen und Verstand nach einer Schönheit jenseits von Ideologien und kulturellen Konventionen. Ethno-Jazz, Ambient, Krautrock und Spuren elektronischer Popmusik fließen wie selbstverständlich zusammen, befruchten einander.

Konsumieren lässt sich dieses Album nicht, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Man kann sich nur darauf einlassen. Spechtl verwebt das Erbe von Brian Eno, David Sylvian, Can und späten Roxy Music mit traditionellen persischen Instrumenten, die er sampelt und verfremdet. Zu pulsierender Percussion, die wie ein außerirdisches Gamelan-Orchester anmutet, dichtet er: „Future memories are hunting you/ The greater the distance, the clearer the view.“ Doch solche quasi-philosophischen Sentenzen dienen nur als Projektionsfläche und Bindeglied zwischen den instrumentalen Passagen. Zu welcher Meisterschaft es Spechtl als Komponist avantgardistischer Arrangements gebracht hat, zeigen vor allem die Jazz-Klaustrophobie von „Interlude 1 (Of Sound Mind)“ und die anmutig über Klackerbeats rankenden Bläser in „The Institute“. So kann er klingen, der Sound von morgen. (Bureau B)

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