Review: AnnenMayKantereit 12



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Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz in der Literatur, das davon kündet, dass es zuweilen ein, zwei Jahrzehnte dauert, bis der Alltag zur Kunst wird. „Der Große Wende-Roman“ etwa ließ lange auf sich warten. Ähnlich die Verarbeitung der Finanzkrise 2008/09. Im Pop, besonders unter den Turbo-Bedingungen von Twitter, TicToc und Co mag das eine analog-altmodische Sichtweise sein. Doch die Dinge erstmal sacken zu lassen, ist hier nicht der schlechteste Kalenderspruch. Gut Ding will Weile haben.

Das erfolgsverwöhnte Trio AnnenMayKantereit dreht diese Weisheit auf Links und widmet sich in einer Veröffentlichung, die ohne Vorlauf Mitte November 2020 auf den Markt plumpste, der gärenden Covid-19-Pandemie. Ein düster gestimmtes Herbst-Panoptikum. Im persönlich-biografischen Infoblatt berichten die Kölner wie in einem Logbuch von ihrem Musikjahr. Es fallen Sätze wie „ein Album, das unter Schock entstanden ist.“ Und die höfliche Aufforderung: „Wir wünschen uns, dass dieses Album am Stück gehört wird“. Ok, kann man als Hörer so empfehlen. Direkte Ansprache, kein Problem. Ein Duktus jedoch, mit dem sich privilegierte Musikschaffende wahnsinnig wichtig nehmen. Eine „hach, wie schlimm“-Haltung, die sich mit prätentiösen Titeln wie „Gegenwartsbewältigung“ durch einen Tom-Waits-artigen Bilderbogen zieht. Selbst der kreative Rückzugsraum der Eifel bekommt hier ein Bob-Dylan-in-Woodstock-Narrativ; in einem unfreiwillig komischen Westentaschen-Format.

Dabei ist gegen minimal-spartanische Songs wie „Warte auf Mich“ musikalisch gar nichts zu sagen. Chanson-Fingerübungen von Endzwanzigern, die spätestens nach dem Raketenstart um ihr Major-Debüt „Alles Nix Konkretes“ etwas orientierungslos wirkten. Ihre Live-Konzerte brechen einen Rekord nach dem anderen, ihr Oeuvre bleibt dahinter zurück.

Nun also auf dem dritten Album brandaktuelle Analysen zur Zeit; „die Kneipen schließen, die Kinos auch …“. Jaja; so isses. Meer suchende Möwen kreisen. Auf dem Klavier-seligen Öko-Track „Die Letzte Ballade“, wird mal eben auch „Hanau“ mitverarbeitet. Können sie alles so machen, ist aber in seiner dräuenden Ernsthaftigkeit ein, zwei Nummern zu groß. Ex-Cathedra-Predigten aus Bildungsbürgerhausen.


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