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Arcade Fire Everything Now


Sony


von

Eine Geisterstimme intoniert die ersten Zeilen: „I’m in the black again/ Can’t make it back again.“ Es ist David-Bowie-Territorium, der Meister scheint vom „Blackstar“ zu grüßen. Doch dann: „We can just pretend/ We’ll make it home again.“ Eine Schlagermelodie bricht los. Der Glockenklang von Roy Bittans Piano. Die Coolwerdung der Panflöte. Ein Chor hebt an zum kolossalen „Lalalalalalalala“. „Everything Now“ ist die Hymne, die eigentlich keiner mehr schreibt, ein unwahrscheinliches Stück Pop: süßlich, eingängig, unwiderstehlich. Konsum­kritik für Konsumenten konsumkritischer Tanzmusik. Und eine clevere Finte. Denn die anderen Stücke des fünften Arcade-Fire-Albums verlegen den Ton weg vom Stadion in schwüle Discotheken, in die Hitze der Nacht, in die verzweifelten Sehnsüchte und Schattenseiten der Seele.

„Signs Of Life“ ist Funkadelic-Groove plus Isaac-Hayes-Grandezza plus Talking-Heads-Irrsinn. Win Butler besingt menschliche Wesen auf der Suche nach Erleichterung, wenn schon keine Erlösung in Sicht ist. „God, make me famous/ If you can’t, just make it painless“, heißt es in „Creature Comfort“. Dazu hämmert der Sound von Düsseldorf, circa 1980, eine Synth-Bassriff wie in DAFs „Der Mussolini“. „Peter Pan“ schaltet Jahrmarktdudelei mit Videogame-Scores gleich, „Chemistry“ testet die Grenzen des Repetitiven mit etwas, das wohl ein HipHop-Beat sein soll, und rockt dann stumpf. „Infinite Content“ gleitet von rasantem Punk direkt in einen Country-Schunkler. Im Elektropop von „Electric Blue“ singt Régine Chassagne wie Prince in „Kiss“, nur ohne Sex. Thomas Bangalter (Daft Punk), Geoff Barrow (Portishead) und Steve Mackey (Pulp) verdichten diesen Referenzbogen zum produktionstechnischen Overkill.

Bröckelnde Harmonien, erschöpfte Fantasien

„Good God Damn“ leitet das Finale ein. Streicher künden Unheil. Butler hat den Blues und den Soul und eine Selbstmordahnung: „Put your favorite record on/ Fill the bathtub up/ You could say goodbye to your so-called friends … Maybe there’s a good God, damn.“ Dann ein ABBA-Chorus, „Put Your Money On Me“. Doch die Harmonie bröckelt. Der Versuch, ­eine Liebe zu retten: „If you think I’m losing you, you must be crazy.“ Schließlich eine Art fröhlicher Finsternis. „We Don’t Deserve Love“: Ein Paar. Ein Highway, möglicherweise. Sie reden nicht, sie berühren sich nicht, sie fahren dem Zuhause entgegen, das es nicht mehr gibt, vielleicht nie gegeben hat.

Arcade Fire zelebrieren die faden Fantasien und erschöpften Illusionen des modernen Lebens, wie wir es kennen. In der Umkehrung von Hohlheit und Hedonismus liegt die Utopie von „Everything Now“.


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