Highlight: Musikempfehlungen von Hunter S. Thompson: Die wichtigsten Alben der Sechziger

Casper XOXO


Four 8. Juli 2011

Klar, das ist jetzt die Rap-Platte, auf die sich alle einigen können, zumindest wir Opfer und Weicheier. Weil der Künstler so sympathisch ist, Casper alias Ben Griffey, 28, Berliner mit Mütze und USA-Ostwestfalen-Vergangenheit. Weil „XOXO“, sein zweites Album, ohne den Porno- und Geheimzeichen-Shit daherkommt, der uns sonst immer signalisiert, dass wir hier falsch sind. Weil er Springsteen und die Smiths erwähnt und dazu ein echtes Schlagzeug bollert. Klar auch, dass die Aggro-Parkplatzpförtner diesen Casper als Studentenrapper verhöhnen. Ein Star wird er dennoch werden, und das freut uns. Casper macht es uns fast zu leicht, ihn zu lieben.

Natürlich ist „XOXO“ trotzdem in weiten Teilen so schwülstig wie feister Mafia-HipHop, werden Caspers Stücke oft von einer Männerromantik durchweht, die vom Charakter des Grizzlybären und von Bartresen-Sex erzählt, die mit Wolfsknurren den Aufstand vorhersagt und sich in der Weltuntergangspose auch ein wenig gefällt. Entscheidend ist hier aber nicht die Botschaft, sondern die Stimme, der Sound: das Halsraspeln, das jedem Wort seine eigentliche Bedeutung gibt. Der hörbare Widerstand in der eigenen Gurgel, gegen den Casper anbrüllt. Und die Musik, die keinen Geigencomputer braucht, dafür Echowand, Coldplay-Piano und Kings-Of-Leon-Gitarre. Was auf einer Indierock-Platte hundertfach zu viel des Guten wäre, schenkt diesem Rap-Album eine geradezu berückende Menschlichkeit.

Dabei ist „XOXO“ keine Feelgood-Platte. Caspers Stücke handeln vom Daseinsfrust und der Sehnsucht nach Flucht, von verstorbenen Freunden und unsouveräner Hilflosigkeit. Aber wie er das alles zu seiner Erzählung macht, wie er den Problemgeschichten seinen Duktus einbrennt, das lässt einen manchmal glauben, man hätte das alles wirklich noch nie gehört. Am Ende motiviert Heiserkehle Casper im Antidepressiv-Discosong „So perfekt“ sogar den Klassendeppen, beim Abschlussball den Dancefloor zu erobern: „Wenn schon scheiße tanzen, dann so, dass die ganze Welt es sieht.“ Guter Ratschlag. Wann kriegt man so was schon mal von einem Rapper?


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