Charlie Feathers: "Can't Hardly Stand It! The Complete 50s Recordings" (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Charlie Feathers „Can’t Hardly Stand It! The Complete 50s Recordings“



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Die Liner Notes zu diesem Set versteigen sich zu der Behauptung, Charlie Feathers sei endlich vom „Mainstream“ akzeptiert worden, seit Quentin Tarantino seine Aufnahme von „That Certain Female“ im „Kill Bill“-Soundtrack verwendete. Ob Tarantino-Filme ihrerseits mittlerweile echt Mainstream wurden, sei mal dahingestellt.

Tatsache ist: Das Rockabilly Revival von 1974, in dessen Verlauf die auch auf Polydor veröffentlichte LP „Good Rockin‘ Tonight“ zumindest für lukrativere Live-Auftritt-Möglichkeiten sorgte, war für Charlie Feathers nicht so etwas wie die späte Rehabilitation. Die von Elektra Records in der „Explorer“-Serie 1991 vorgelegte Platte war zwar das ambitionierteste Album-Projekt seiner Karriere, brachte aber außer viel Kritikerlob keine Voraussetzungen für ein Comeback mit. Ewig schon aus dem Katalog gestrichen, wurde „Charlie Feathers“ leider nie wieder von irgendwem in Lizenz veröffentlicht.

So ganz desolat ist die diskografische Situation in Sachen Charlie Feathers zwar nicht. „Rock-a-Billy“, eine von Colin Escott zusammengestellte, 1998 von Bear Family übernommene Retrospektive, rühmt sich, „The Definitive Collection Of Rare And Uninssued Recordings 1954-1973!“ zu sein. Dagegen mag das Team der Verantwortlichen bei Norton Records, zuständig für die letztes Jahr erschienenen Sampler „Wild Side Of Life“, „Honky Tonk Kind“ und „Long Time Ago“, nicht mal zuverlässig dokumentieren, wann diese Aufnahmen gemacht wurden. So kann Kult auch ziemlichen Frust beim Fan produzieren.

Niemand wagte sich bislang an die (mutmaßliche) Sisyphusarbeit, eine strenge Best-of-Auslese aus den für mehr als ein Dutzend Labels gemachten, teils auch nur im Eigenverlag erschienenen (damals bei Konzerten käuflichen) Aufnahmen vorzunehmen. In seiner in „Lost Highway“ aufgenommenen Reportage „The Last Of The Rockabillies“ zitiert Peter Guralnick Sun Records-Chef Sam Phillips mit der Behauptung: „Charlie should have been just a superb top country artist. He could have been the George Jones of his day- a superb stylist.“ Aber der reinen Country-Lehre hing Feathers damals schon noch weniger an als Elvis Presley (oder Johnny Cash), als er vom Flip- zum Sun-Label wechselte.

Die Behauptung, „Can’t Hardly Stand It!“ präsentiere lückenlos die „Complete 50s Recordings“, stimmt so ganz nicht. Von „I Forgot To Remember To Forget“, der Steilvorlage für den Sun-Kollegen Presley, machte er zwar auch seine eigene Aufnahme. Aber von der existiert weder irgendein Meter Tonband noch ein Azetat. Was für ein Sturkopp Charlie Feathers schon damals war, belegt nicht zuletzt der Umstand, dass er diesen seinen Song später nie wieder aufnehmen mochte.

Guralnick formulierte das in seinem Porträt höflicher. Er nennt ihn „an unreconstructed rockabilly in a countrypolitan age…a traditionalist in a music that sought to overthrow tradition“. Was neudeutsch gesagt so viel bedeutet wie: Der Mann, der seine Liebe zum Rockabilly immer verteidigte mit der Behauptung „Nothing can touch it, man!“, war schon 1960 ein lebender und gerade deswegen so glühend bewunderter Anachronismus.

Von der genannten Aufnahme abgesehen findet man hier unter den knapp vier Dutzend Tracks nicht nur alle für Flip, Sun, Meteor, King und Kay eingespielten Singles, sondern auch ein paar rare Demos, Alternativ- und Outtakes. Wie mächtig beeindruckt er zunächst noch von Bill Monroe und Hank Williams war, ist nicht zu überhören bei „Peepin‘ Eyes“ und „I’ve Been Deceived“, seinem- der Titel verrät es – Ausflug ins Genre Country-Heuler, Fiedel und Pedal-Steel. In welchem Archiv man weit bessere Vorlagen auftat als zuvor, verraten die Liner Notes nicht. (El Toro records/import)

Franz Schöler


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