Clueso

„Deja Vu 1/2“ – Warmherzig

Sony (VÖ: 27.2.)

Das beste Album des Erfurters: Pop mit prägnanten Gitarren.

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Clueso ist ein empathischer Advokat der Emotionen. Und von diesen kostbaren Komplizen gibt’s in Zeiten von retuschierten Sorgenfalten und sonstigem KI-Schmu leider viel zu wenige, erst recht im Popgenre. „Gib mir irgendwas Echtes/ Irgendwas, das ich fühlen kann“, bittet er im furiosen Eröffnungsstück. Die Gitarre klingt überraschend nach The War On Drugs, also stürmisch, mitreißend,  highwaytauglich. „Wir waren wie Bonnie and Clyde/ Jetzt sind wir Copy and Paste“, schallt es aus der Verwaltungsabteilung einer bröckelnden Beziehung – nur ein Symptom einer Zeit, in der das Funktionieren über dem Fühlen steht.

Ein berührendes, warmherziges, gefühlsechtes Popalbum

„Minimum“ hat ein E-Street-Band-Saxofonsolo parat und ist eine euphorische Ermutigung an die stillen, starken Menschen im Hintergrund, auch mal ihre Bedürfnisse zu priorisieren. „Dieses Leben“ erinnert an Cluesos hervorragendes Akustikalbum „Handgepäck I“ (2018), das Instrumental „Luft“ wirkt wie eine wohltuende Meditation. In „Liebe auf den letzten Blick“ geht es ums (zu späte) Wachwerden, wenn auf der zu lange verschmähten Zuneigung schon längst der Retourensticker klebt.

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Auch hier fällt der prägnante Gitarrensound auf, der gar an Blur denken lässt, obwohl Clueso doch eigentlich ein Mann für deutsche Oasis-Hymnen ist: „Spinner finden sich“ zählt dazu, aber vor allem „Immer wenn du nicht da bist“, dessen Strophenverwandtschaft zu „Nie gesagt“ (Die Ärzte) kaum zu bestreiten, dennoch vollkommen irrelevant ist, weil der Erfurter den weitaus besseren Refrain hinkriegt und nun wirklich keinen stibitzten Steigbügel braucht, damit ihm Hits gelingen. „Deja Vu 1/2“ ist voll davon, und Cluesos zehnte Platte ist im Gegensatz zum etwas unterkühlt produzierten Vorgänger ein berührendes, warmherziges, gefühlsechtes Popalbum geworden. Sein bislang bestes.

Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 3/2026.