Die Sterne
„Wenn es Liebe ist“ – Der Stand der Dinge, poetisch
PIAS (9.1.)
Von diesem Land überfordert: So kritisch und politisch waren Frank Spilker und Kollegen lange nicht mehr.
Frank Spilkers Großvater, das verriet der SterneSänger neulich im Internet, konnte auf dem Klavier nur ein einziges Stück spielen: „Ich bete an die Macht der Liebe“. Das 250 Jahre alte Kirchenlied feiert die Selbstaufgabe und totale Unterwerfung unter eine höhere Macht – „in Abgrenzung zu Aufklärung und eigenem Denken“, wie sich Spilker ärgert. Den braunen Kameraden der Wehrmacht gefiel wohl gerade das, aber auch heute noch heißt es beim Großen Zapfenstreich, „der feierlichsten Zeremonie der Bundeswehr“: „Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.“
„Wenn es Liebe ist“, der enorm süffige und ziemlich gescheite Titelsong des neuen Albums von Die Sterne, knüpft eine Verbindung und denkt dabei über Liebe, Unsinn und das Böse nach: „Prüfung nicht bestanden, Arbeit nicht gemacht, Mörder nicht ermittelt, plötzlich laut gedacht/ Flug zum Mond gebucht, Steuern nicht bezahlt, alles hingeschmissen, Neuanfang gewagt.“ Spilker singt das lakonisch und genervt, im Refrain ringt er sich zu einer Art repressiver Toleranz durch: „Aber wenn es Liebe ist, wenn es Liebe ist … will ich mal nichts gesagt haben.“ Am Ende dieser Achterbahnfahrt steht die Annektierung von Gebieten und der Einmarsch in andere Länder: „In den Panzer eingestiegen, um die Ängste zu besiegen.“ Ja, was tun, wenn alle Hurra schreien und zu den Waffen greifen? Sich ins Meer der Liebe versenken und mal nichts gesagt haben wollen?
So kritisch und politisch engagiert war die Band schon lange nicht mehr
35 Jahre gibt es Die Sterne inzwischen. Von der Originalbesetzung ist seit sechs Jahren nur noch Frank Spilker übrig, doch die aktuelle Mannschaft macht die Abgänge mehr als wett. So kritisch und politisch engagiert wie auf „Wenn es Liebe ist“ war die Band schon lange nicht mehr. Jan Philipp Janzen und Phillip Tielsch arbeiten auch als Urlaub in Polen und Von Spar zusammen, ihre stark von Krautrock inspirierte Musik hat seit 2020 Die Sterne verändert und geprägt. Das zehnminütige Instrumental „Immer noch sprachlos“ übertreibt es fast ein wenig mit dem Reenactment des Sounds von Neu!. Auch das von Dyan Valdés geschriebene und gesungene „Open Water“ fällt (positiv) aus dem Rahmen – ein in atemlosem Englisch vorgetragener Stream of Unconsciousness, untermalt von treibenden Motorik-Beats und irrlichternden Psych-Gitarren.
Am besten sind trotzdem die songorientierten Stücke. „Ich habe nichts gemacht (außer weiter)“ ist eine herrlich augenzwinkernde Karrierebilanz: „Ich habe heruntergeladen und nach oben geschaut/ Ich habe die Hütte vollgemacht und die Pointe versaut/ Ich habe zitiert und die Zitate wieder unkenntlich gemacht,/ Dass das nie wieder vorkommt, ist jetzt auch nicht gesagt.“ Gigantisch auch das straight nach vorn gespielte, aber im Refrain melodisch in den Himmel segelnde „Es war nur ein Traum“. Im Video zum riffsatten „Ich nehme das Amt nicht an“ agiert Spilker als überforderter Vampir mit Minipli, der den Tod im Tageslicht sucht, weil er sich von diesem Land heillos überfordert fühlt. Ein schönes, poetisches Album zum Stand der Dinge.
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 1/2026.