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Edwyn Collins Understated


AED Records /Rough Trade


von

Man muss wahrscheinlich ein Überlebender wie Edwyn Collins sein, um die letzten Fragen zu stellen. Der Sänger geht durch die Straßen, und er denkt: „Where is the love? Where is the joy? It’s out of sight, in my point of view.“ Das Stück heißt „Carry On, Carry On“, eines von vielen auf diesem Album, das von Endlichkeit handelt, von Kontemplation und Kontinuität und der Freude und dem Rätsel, am Leben zu sein. Mit dem Glockenspiel erinnert „Carry On, Carry On“ sogar an die großen Popsongs, die Collins früher schrieb. Zufällig (oder eben nicht!) verwendet er für das Stück dieselbe Durchhalteparole wie der alte Hippie Stephen Stills für seine Werkschau. Auch von Orange Juice gibt es ja eine Box, obwohl die Band bloß dreieinhalb Alben aufnahm. 

In „31 Years“ reduziert Edwyn Collins seine „31 years in rock’n’roll“ auf die Erkenntnis „What the heck/ I’m living now“. Anders als vor drei Jahren, bei „Losing Sleep“, halfen diesmal nur ein paar Musiker, voran Richard Hawley (als Autor), Sean Read und Carwyn Ellis – die Prominenten konnten zu Hause bleiben. Und das Schönste an „Understated“ ist, dass Collins’ vertrautes Timbre ebenso zurückgekehrt ist wie sein Talent für die ergreifende Melodie und das zwingende Arrangement. 

Schon immer hatten wir es mit zwei Edwyns zu tun: mit dem einsamen Grübler von „Hope & Despair“ (1988), „Hellbent On Compromise“ (1990) und noch einigen Stücken von „Gorgeous George“ (1994). Und mit dem Soulboy, „A Girl Like You“-Schreiber und Pop-Stilisten von „I’m Not Following You“ (1997) und „Orange Juice“ (1984). Den verrückten Apparate-Freak „Doctor Syntax“ (2001) lassen wir außen vor. Man könnte sagen, dass der Ästhet und Mode-Geck für seinen Verzicht auf „Authentizität“ und Rockmusik als Massenbespaßung teuer bezahlen musste – aber in Wahrheit hat die Ablehnung von Volksverdummung natürlich nichts mit dem Aneurysma zu tun, das ihm beinahe den Tod brachte. 

„Understated“ ist fast vollständig ein Album des Pop-Alchimisten Edwyn Collins: Schon vom ersten bescheidenen Tröten von „Dilemna“ (Sean Read an allen Blasinstrumenten) will er offenbar die Grandezza und die Leichtigkeit seiner besten Aufnahmen zurückholen – und kann es auch. Das Kopfhängerische einerseits, das Emphatische andererseits – zwischen diesen Polen changierte seine Musik stets. Auch diesmal grummelt und murmelt Collins nach Art von John Lennons „Plastic Ono Band“ in „Forsooth“ („And I feel alive/ And I feel reborn“), um dann ins frischwärtige „In The Now“ samt quietschenden Fuzz-Gitarren-Soli und Orgel auszubrechen. Wunderbar auch „Understated“ mit Sean Read am Piano und Collins am Mellotron: „I’m a singer of sorts/ Understated I am/ I was only 19/ I was only a boy.“

Der tearjerker kommt natürlich ganz zum Schluss, wenn Edwyn Collins zu akustischer Gitarre und sanfter Orgelmodulation „Love’s Been Good To Me“ singt: „I have been a rover/ I have walked alone/ Hiked a hundred highways/ Never found a home …“


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