Faust Faust / So Far


Universal VÖ: 8. August 2010


von

Die Erfinder von Faust waren der Journalist Uwe Nettelbeck und ein Londoner A&R-Manager der deutschen Polydor. Die Plattenfirma träumte wohl von einer coolen Krautrock-Variante der Monkees. Doch Nettelbeck, der vorher für „Die Zeit“ über Menschen wie Andreas Baader und den Kindermörder Jürgen Bartsch geschrieben hatte, plante Subversiveres. Aus Musikern der Bands Nukleus und Campylognatus Citelli formte er eine achtköpfige Truppe mit dem Namen Faust. In einem alten Schulhaus im norddeutschen Städtchen Wümme verwandelte man das von Polydor großzügig zur Verfügung gestellte Geld in einen mittelgroßen elektronischen Maschinenpark, mit dessen Hilfe innerhalb von zwei Wochen das Debütalbum entstand.

Das durchsichtige Cover mit der Röntgenaufnahme der Faust eines Freundes der Musiker wurde allgemein gelobt, doch weder die deutschen Kritiker noch die deutschen Rock-Fans waren der Meinung, dass es sich hierbei um Musik handelt: „Clear“, wie das Debüt oft genannt wird, enthält drei lange Klangcollagen. In „Why Don’t You Eat Carrots“ dürfen die Beatles kurz „All You Need Is Love“ intonieren, bevor sich alles in gleichberechtigten Tönen, Geräuschen und Melodie-Fragmenten auflöst. Diese ästhetische Freiheit kannte man vorher nur aus der Musique Concrète oder von Stockhausen und der Kölner Schule. 20 Jahre später formten The KLF aus ähnlichen Ansätzen ihr legendäres „Chill Out“-Album. Faust und ihr Produzent Uwe Nettelbeck hatten damals einen einzigartig abstrakten Soundkosmos erschaffen, der sich noch heute überraschend frisch und aktuell anhört.

Das zweite, 1972 erschienene Album „So Far“ klingt etwas „konventioneller“, ist deshalb nachvollziehbarer in seiner Genialität. „It’s A Rainy Day, Sunshine Girl“ macht einen fast sprachlos vor Glück. Allein die Basstrommel am Anfang – gnadenlos, monoton, grandios. Nach und nach setzen dann die Instrumente ein, und der Gesang variiert den Titel des Songs wie ein Mantra. Das erinnert an Velvet Undergrounds „Waiting For The Man“, doch im weiteren Verlauf wird das Stück immer kosmischer, bis es am Ende klingt wie Neu! mit Mundharmonikaspieler und Saxofon. „No Harm“ wirkt dann fast wie orchestraler Jazz, doch auch hier führt die musikalische Reise schnell in unbekannte Klangwelten. Der Titelsong „So Far“ geht einen umgekehrten Weg: Aus einem abstrakten Saitengeklirre entwickelt sich ein energisch vorwärts drängender Blues-Loop.

„Wir spielen, bis der Tod uns abholt“, zitiert das Booklet Kurt Schwitters. Glücklicherweise war es doch nur Richard Branson, der Faust 1973 nach England holte – zu seinem frisch gegründeten Label Virgin, wo die Band 50.000 Exemplare des folgenden Albums „The Faust Tapes“ verkaufte.


ÄHNLICHE KRITIKEN

Kritik: Die Ärzte und „Dunkel“ – „Fuck you, digitales Zeitalter!“

Gelungenes Spätwerk mit Spaß an Krawall und Tiefe

Kritik: „The Green Knight“ – Langeweile sah noch nie so gut aus

„The Green Knight“ ist ein Film, den man lieben wollen muss. Ohne Rücksicht auf sein Publikum erzählt Regisseur David Lowery...

In The Heights :: Man muss schon träumen wollen

Die Musicalverfilmung „In The Heights“ erzählt migrantische Schicksale, wie es authentischer kaum geht. Dabei bleibt der Film seiner Vorlage treu...


ÄHNLICHE ARTIKEL

Sylvester Stallone: Alle „Rocky“- und „Rambo“-Filme im Sterne-Ranking

Wer ist eigentlich besser: Rocky Balboa oder John Rambo? Hier gibt es die Antwort.

The Rolling Stones und „Exile On Main Street“: Stolze Außenseiter

„Die Stones mögen kein Zuhause mehr haben“, sagte Keith Richards zu den Aufnahmen, „aber wir kriegen unser Ding trotzdem geregelt.“

Comedy, Horror, Antisemitismus: Darum ist das Remake von „Hexen hexen“ problematisch

Die Neuverfilmung des Fantasy-Klassikers strotzt vor schlichten Gags, schillernden Szenerien und irritierenden Special Effects – doch selbst die können die antisemitischen Klischees, die sich plakativ durch die Geschichte ziehen, nicht kaschieren.