Fortuna Ehrenfeld
„Live At The Hollywood Bowl“
Tonproduktion (VÖ: 6.3.)
Indie-Pop zwischen Deichkind und Tom Waits.
Wer das Glück hatte, schon 1982 auf Konzerte gehen zu dürfen, konnte im Rhein-Neckar-Stadion in Mannheim nicht nur die kürzeste Frank-Zappa-Show aller Zeiten (9:53 Minuten), sondern auch die Band Trio erleben. Näher kamen sich der Experimentalrock und Quatschpop wahrscheinlich nie – außer in den Songs von Fortuna Ehrenfeld. Martin Bechler, der alt genug wäre, um in Mannheim gewesen zu sein, präsentiert sich auf „Live At The Hollywood Bowl“ als Kölns Antwort auf Stephan Remmler und Frank Zappa. Mit Fortuna Ehrenfeld dekonstruiert er schlau, albern und eigenartig Popkonventionen, spielt mit den Versatzstücken, schafft es, einen mit seiner romantisch eingefärbten Dada-Poesie sowohl zu über- als auch zu unterfordern, ist (dann ist aber auch mal Schluss mit den Vergleichen) gleichzeitig Deichkind und Tom Waits.
Mit Fortuna Ehrenfeld dekonstruiert er schlau, albern und eigenartig Popkonventionen
Im knuddeligen Electropopsong „Life At The Hollywood Bowl“ führt er nicht nur vor, welchen semantischen Unterschied das Tauschen eines Buchstabens macht, sondern singt auch Verse wie: „Ich bin geboren, um zu knalln/ Ich bin geboren, um zu ballern, Baby.“ In der sich orchestral aufplusternden Ballade „Slowly Fades Away“ schwärmt er mit knarziger Stimme vom Loslassen der anderen Art: „Alles, was vergessen ist/ Und alles, was besessen ist/ Slowly fades away.“
Erst mimt er zu brummenden Synthies und einem billigen Electrobeat den schrulligen Alleinunterhalter („Internet zerficken“), bringt Polka und einen Casio-Beat durcheinander („Ciao Kakao“), lädt zum Anarcho-Ringelreihen ein („I Want To Misbehave“), dann wird’s plötzlich ganz sentimental, wenn Bechler den professionellen Heimwerker für Herzreparaturen („Bosch Blau“) oder den Kneipenpoeten mimt („Märklin“).
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 3/2026.