Genie im Schatten des eigenen Ruhms: Wie George Michael als Songwriter unterschätzt wurde

Eine neue, atemlos geschriebene Biografie liefert Einblicke in das einzigartige, aber tragische Leben des George Michael

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So gut Sathnam Sangheras Biografie über George Michael auch ist – am brillantesten ist ihr Titel: „Tonight The Music Seems So Loud“. Eine Zeile, die jeder mitsingen kann, der das Jahr 1984 bewusst miterlebt hat. Sie kündigt einen dramatischen Wendepunkt in einem ohnehin hochemotionalen Song an: „Careless Whisper“, jenes Werk, mit dem George Michael der Aufstieg zum Weltstar gelang. Er komponierte das Lied sowie die legendäre Saxofonmelodie bereits im Alter von 17 Jahren.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Michaels Ballade über Untreue heute auf zahllosen Hochzeiten gespielt wird. Bitterer aber ist, dass dieses britische Ausnahmetalent in den 1980ern als kommerziell erfolgreicher Künstler zwar zu Prince und Madonna aufschloss und mit den Verkaufszahlen sowie Auszeichnungen für „Faith“ (darunter Grammys und American Music Awards 1988 und 1989) sogar Michael Jackson überflügelte, als Songwriter jedoch zeitlebens unterschätzt blieb.

Sein Pop-Duo Wham!, das er gemeinsam mit Andrew Ridgeley bildete, wurde trotz globaler Triumphe belächelt; er selbst galt Kritikern als eitel, aufgeblasen und camp. „Jeder sah zu irgendeinem Zeitpunkt in den 1980ern mal dumm aus“, konstatiert Sanghera in seinem atemlosen Bericht. George Michael fühlte sich stets als Gefangener seiner Erwartungen. „Im Gegensatz zu Michael Jackson und Prince, die sich selbst inszenierten, musste ich eine Rolle spielen, die nicht mein wahres Ich war“, reflektierte er später. Ein freiwilliges Coming-out blieb ihm verwehrt. Er wurde 1997 unfreiwillig geoutet.

„Faith“: Der Look als Kopie des westlichen Stils

Der Brite Sathnam Sanghera ist, genau wie George Michael, ein Einwandererkind. Er beschreibt den Aufstieg von Georgios Kyriakos Panayiotou, dem Sohn eines griechisch-zypriotischen Restaurantbesitzers, als eine fast unmögliche Erfolgsgeschichte. Michael setzte sich in einer (Medien-)Welt der 1980er-Jahre durch, in der queere Menschen ausgegrenzt wurden. Sein „Faith“-Look mit Jeans, Cowboyboots und Aviator-Sonnenbrille verkörperte Americana pur. Dabei kopierte er eigentlich nur den „westlichen Stil“, den schon sein Vater bei der Ankunft in England trug, um sich besser zu integrieren.

Trotz seines Erfolgs litt Michael unter dem Imposter-Syndrom. An anderen Tagen hielt er selbstbewusst fest: „Ich habe als Performer, Songwriter und Produzent in meinem Alter mehr erreicht als jeder andere vor mir.“ Und damit hat er wohl Recht.

Tonight the Music Seems So Loud: The Meaning of George Michael
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Hinter der Fassade blieb er jedoch verletzlich. Der vielsagende Titel seines zweiten Soloalbums „Listen Without Prejudice, Vol. 1“ war auch eine Reaktion auf den heftigen Backlash aus der Schwarzen Community. Sie kritisierte, dass er als weißer Sänger bei den American Music Awards als „Bester R&B-Künstler“ ausgezeichnet wurde. „Dass weiße und schwarze Menschen zusammen Musik aufnahmen, war plötzlich wie ein Tanz mit dem Feind“, resümierte er traurig.

„Wham! in China“: Der Mythos des Popkonzerts

Seine vorangegangene Karriere mit Wham! war eine spektakuläre Reise aus planvollem Wachstum und glücklichen Fügungen, die von Sanghera pointiert beschrieben wird. Wenn auch nicht als erster, so doch als bedeutendster westlicher Act traten George Michael und Andrew Ridgeley 1985 in China auf. Michael erkannte schnell, dass das Duo keine Gefahr für den Kommunismus darstellte, sondern eher Optimismus und Ehrgeiz ausstrahlte – weitab von westlicher Dekadenz, Sex oder Drogen.

Nach ihrer Rückkehr nach England hielt Michael dennoch fest, „nie mehr nach China reisen zu wollen“. Auch Ridgeley erklärte, er verstehe nicht, „warum jemand dieses Land jemals habe erobern wollen“. Backgroundsängerin Pepsi beklagte den „grauen Brei“ als Mahlzeit, und ihre Kollegin Shirley sekundierte: „Wir sollten hier nicht spielen; wir zeigen den Menschen Dinge, die sie niemals haben können.“

Der Kubrick der Popmusik

Es sind diese Ansammlungen kritischer Zwischentöne, die Sangheras Erzählung von klassischen Hagiografien unterscheiden. Wenngleich er mit seiner Geniedefinition – er zählt George Michael unumstritten zu den Genies der Popmusik – ein paar Erklärungen schuldig bleibt: George Michael war kein begabter Instrumentalist, wie Sanghera herausstellt. Gleichzeitig beschreibt er ihn als Eklektiker, der seinen Vorbildern unverhohlen nacheiferte. Er nennt ihn den „Kubrick der Popmusik“, weil er bis zur Überperfektion an seinen Songs arbeitete, was auch den schmalen Output von nur sieben Studioalben in 34 Jahren erklärt. „Aber wenn George Michael die Musik nicht immer so leicht fiel, lag das zum Teil daran, dass sein stärker werdender Wunsch, alles selbst zu spielen und zu kontrollieren, an seiner Unfähigkeit scheiterte, irgendein Instrument besonders gut zu spielen“, schreibt Sanghera. Michael übte auf Instrumenten, war vielleicht kein Meister, tat aber taktisch so, als hätte er nie Unterricht gehabt.

Sanghera betrachtet auch George Michaels Rolle als Queer-Ikone. Ein Coming-out in der Aids-Ära konnte existenziell bedrohlich sein, da weite Teile der Gesellschaft Aids-Kranke als tödliche Gefahr betrachteten und deshalb zur Jagd auf queere Menschen bliesen. Anders als Jimmy Somerville und Boy George blieb George Michael in jener Dekade „in the closet“, wohl auch, um keine Fans zu verlieren. Nach seinem Outing 1997 war seine Karriere in den noch prüderen USA quasi vorbei.

Die mangelnde Anerkennung George Michaels

Sanghera zitiert die dumpfbackigen Whataboutism-artigen Kommentare Noel Gallaghers, aber auch die beachtenswerten Gedanken Boy Georges, der George Michael Elitismus vorwarf – „er hält sich für eine andere Art Homosexueller, er glaubt, er sei zu gut für die Gay Community“. Michaels Depressionen führt Sanghera wohl nicht ganz zu Unrecht auf das Versteckspiel George Michaels in den 1980er-Jahren zurück sowie auf den Aids-Tod der Liebe seines Lebens. Danach kamen die Drogen, härtere als nur Marihuana.

George Michael müsste im Pantheon der großen britischen Pop-Songwriter direkt neben McCartney stehen – eine Ungerechtigkeit, die er mit Sting, Robert Smith und Phil Collins teilt. Dass ihm diese Anerkennung wohl auf ewig verwehrt bleibt, ist seine erste Tragik. Auch die Biografie Sangheras, einem hochdekorierten Autor, wird daran wohl leider nichts ändern.

Die Zeile „I wish that we could lose this crowd“ folgt im Song auf „Tonight the music seems so loud“. Dass George Michael diesen Wunsch im echten Leben erfüllt bekam, den Rückzug ins Private bis zum Tod in Einsamkeit, ist seine zweite Tragik.

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