Infamis Im Westen der Himmel

Wenders Music

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email
von

Stell dir vor, Wim Wenders macht nach der erfolgreichen „Pina“-Filmmusik jetzt auch als Förderer/Labelboss weiter in Musik (nach all der Musik, die seit Ry Cooders „Paris, Texas“ über seine Soundtracks hinausstrahlte). Und die erste Zeile, die René Schwettge von Infamis dann auf „Im Westen der Himmel“ singt, geht tatsächlich so: „Im Kino gewesen, geweint …“ Hm. Regieanweisung? Realsatire? Egal. Obschon bereits seit Ende der 80er-Jahre in wechselnder Besetzung aktiv, ist diese Berliner Band bisher ein Insider-Thema geblieben. Was denn doch verwundert, bedenkt man, was seitdem an Dunkel-Artverwandtem (keine Namen, bitte) auch auf die ganz große Bühne fand. Da kann ein bisschen namhafte Protektion fürs schon sechste Album nicht schaden, nachdem Wenders Infamis 2008 für sich entdeckt hatte. In San Francisco. In einer Musiksendung für „Radio Goethe“. Wenders nennt Schwettge denn auch gleich mal einen „Dichter“, wohl wissend, dass auch dieser Texter ohne seine Töne doch nur halb so wirkungsvoll wäre. Wenn sie etwa in „Cafard“ die Notizen des leicht angewiderten Flaneurs im Wohlstandsbauch zu einem untergründigen Sog verdichten. „Auch am Rand ist’s hier noch Mitte“, weiß Schwettge um die eigene Privilegiert­heit. Während wir spätestens hier wissen, warum ein gewisser Delay Smith als fünftes Bandmitglied geführt wird, mit dem Aufgabengebiet „Sound, Mischen, Geräusche“.

Die demonstrative Schwere von Stücken wie „Ihr“ kontern Infamis mit einer schwungvollen Spaghetti-Western-Einlage („Ein weiterer Tag“), mit der strukturgebenden Miniaturen-Folge „Entracte“ (1 bis 4) oder im Dreivierteltakt eines „Walzer“ – und hier spricht er auch mal, der Dichter. Das Hymnische liegt der Band dann nicht so („Keith“), während es der energische, kunstvoll verzögerte Slide/Banjo-Ritt „Le Grand“ schon schwer in sich hat. „Hääääände hoch … hier kommt das Zittern“, verkündet Schwettge in Apostel-Manier, als die Musik mittendrin verebbt bis aufs Jaulen und Flirren einiger Saiten. „Die große Frage, was noch bleibt …“ Ist das „Ganz großes Kino“, wie anfangs verheißen? Sagen wir so: Man bleibt bis zum Abspann ganz gern sitzen. 

Darum zertrümmert Jan Böhmermann den „Struwwelpeter“

Eine modernisierte Fassung des Struwwelpeters passt natürlich genau ins ideologische Programm des Suppenkaspers Jan Böhmermann. Geboren im Jahr 1981, dürfte er von seinen Eltern den „Struwwelpeter“ vorgelesen bekomme haben, aber auch die zentrale Kritik an dem Werk, die seit Ende der 70er-Jahre propagiert wird, mitbekommen haben. Seit dieser Zeit wird dem Kinderstubenklassiker vorgeworfen, einen autoritären Erziehungsstil zu propagieren. Man kann sich vorstellen, wie der ZDF-Moderator, der mal auf der Welle der political correctness surft, um sie dann wieder gekonnt auseinander zu nehmen, genau diesen Umstand genüsslich in seine „Neo Magazin“-Neuinszenierung einfließen lassen wird. Das dürfte zwar den Pudelkern treffen. Es…
Weiterlesen
Zur Startseite